Martin Eden: Vollständige deutsche Ausgabe. Jack London

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Martin Eden: Vollständige deutsche Ausgabe - Jack London

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und jetzt las er Dichtung mit größerer Gier als je zuvor.

      Der Mann in der Bibliothek hatte Martin so oft dort gesehen, daß er ihn beim Eintreten freundschaftlich mit Lächeln und Nicken begrüßte. Das ermutigte Martin eines Tages zu einem kühnen Entschluß. Als er sich einige Bücher ausliefern ließ und der Mann die Karten abstempelte, sagte er plötzlich:

      »Hören Sie, ich möchte Sie gern etwas fragen.«

      Der Mann blickte lächelnd auf.

      »Wenn man eine junge Dame kennenlernt und sie einen auffordert, sie zu besuchen, wie bald kann man dann kommen?«

      Martin fühlte, wie sein Hemd sich schweißnaß an seine Schultern klebte.

      »Na, eigentlich jederzeit«, antwortete der Mann.

      »Ja, aber die Sache ist ein bißchen anders«, wandte Martin ein. »Sie… ich… also, sehen Sie, es ist so: Vielleicht ist sie nicht zu Hause. Sie besucht die Universität.«

      »Dann müssen Sie eben ein andermal wiederkommen.«

      »Das meinte ich nicht«, gestand Martin stockend und entschloß sich dann, sich der Gnade des anderen auszuliefern. »Ich bin nur ein einfacher Bursche, und ich habe nie etwas von gesellschaftlichem Leben gesehen. Das junge Mädchen ist nicht wie ich, und ich bin nichts ihr gegenüber. Sie denken doch wohl nicht, daß ich mich zum Narren mache?« fragte er plötzlich.

      »Nein, nein, durchaus nicht«, protestierte der andere. »Ihre Frage fällt nicht gerade in mein Ressort hier in der Bibliothek, aber es wird mir eine Freude sein, Ihnen zu helfen.«

      Martin sah ihn bewundernd an. »Ja, wenn ich so quasseln könnte, dann wäre alles in Ordnung«, sagte er.

      »Wie bitte?«

      »Ich meine, wenn ich so leicht und gebildet reden könnte und – «

      »Ach so!« sagte der andere verständnisvoll.

      »Welches ist die beste Besuchszeit? Nachmittags – nicht zu kurz vor der Essenszeit? Oder abends? Oder auch sonntags?«

      »Ich will Ihnen was sagen«, meinte der Bibliothekar, und sein Antlitz erhellte sich. »Rufen Sie sie an und fragen Sie sie.«

      »Das will ich tun«, sagte er, nahm die Bücher und wandte sich zur Tür. Aber er kehrte noch einmal um und fragte:

      »Wenn man mit einer jungen Dame spricht – sagen wir, sie heißt Lizzie Smith –, sagt man dann ›Fräulein Lizzie‹ oder ›Fräulein Smith‹?«

      »Sagen Sie ›Fräulein Smith‹«, entschied der Bibliothekar. »Sie müssen immer Fräulein Smith sagen, bis Sie sie besser kennenlernen.«

      Und so löste Martin denn das Problem.

      »Kommen Sie, wann Sie wollen; ich bin den ganzen Nachmittag zu Hause«, beantwortete Ruth seine hervorgestammelte Frage, wann er ihr die geliehenen Bücher zurückbringen könnte.

      Sie empfing ihn selbst an der Tür, und ihr weiblicher Blick sah sofort die Bügelfalte und die entschiedene, wenn auch unbestimmbare leichte Veränderung zum Besseren, die mit ihm vorgegangen war. Auch sein Gesicht überraschte sie. Seine Gesundheit wirkte fast überwältigend und schien mit starken Wogen von ihm zu ihr überzuströmen. Wieder fühlte sie den Drang, sich an ihn zu lehnen, um Wärme zu empfangen, und wieder wunderte sie sich über die Wirkung, die seine Gegenwart auf sie ausübte, während er seinerseits bei der Berührung ihrer Hände wieder von einer schwindelnden Seligkeit durchbebt wurde. Der Unterschied zwischen ihnen war, daß sie ruhig und selbstbeherrscht blieb, während er bis zu den Haarwurzeln errötete. Er stolperte so linkisch wie beim ersten Besuch hinter ihr her, und seine Schultern schwangen gefährlich weit aus.

      Sobald sie im Wohnzimmer saßen, benahm er sich freier – weit freier, als er selbst gedacht hatte. Sie erleichterte es ihm, und die Liebenswürdigkeit, mit der sie es tat, machte ihn verliebter denn je. Zuerst sprachen sie über die geliehenen Bücher, über Swinburne, auf den er schwor, und über Browning, den er nicht verstand; dann brachte sie das Gespräch auf andere Gegenstände, während sie darüber nachdachte, wie sie ihm helfen könnte. Seit ihrer ersten Begegnung war dieser Gedanke ihr so oft gekommen. Sie wollte ihm gern helfen. Er rief ihr Mitleid und ihre Zärtlichkeit in einer Weise wach, wie es noch keiner je getan, und ihr Mitleid war weniger Überlegenheit als Mütterlichkeit. Es konnte kein gewöhnliches Mitleid sein, wenn der, der es hervorrief, so sehr Mann war, daß er ihr ein Gefühl jungfräulicher Angst einflößte und ihre Seele und ihren Körper vor unerklärlichen Gedanken und Gefühlen beben ließ. Wieder fühlte sie den alten Zauber, den sein Hals gleich am ersten Tage auf sie ausgeübt hatte, und der Gedanke, ihren Arm um ihn zu schlingen, war süß. Es erschien ihr immer noch als eine ungebührliche Regung, aber sie hatte sich schon mehr daran gewöhnt. Sie ließ sich nicht träumen, daß unter solcher Verkleidung ihre neugeborene Liebe sich verbarg. Sie ließ sich auch nicht träumen, daß das Gefühl, das er in ihr erregte, Liebe war. Sie glaubte lediglich, daß sie sich für ihn als für einen ungewöhnlichen Menschen interessierte, der große Entwicklungsmöglichkeiten besaß, und sie fühlte sich ihm gegenüber als Philanthropin.

      Sie wußte nicht, daß sie sich nach ihm sehnte; ihm aber erging es anders. Er wußte, daß er sie liebte, und er sehnte sich nach ihr, wie er sich noch nie im Leben nach etwas gesehnt hatte. Er hatte die Poesie um der Schönheit willen geliebt; aber seit er sie getroffen, waren die Tore zu dem ungeheuren Feld der Liebesdichtung weit geöffnet. Sie hatte ihm mehr Verständnis geschenkt als Bullfinch und Gayley. Es gab eine Zeile, der er vor einer Woche noch keinen Gedanken geschenkt haben würde: »Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender, der stirbt für einen Kuß«; jetzt aber lag sie ihm ständig im Sinn. Er grübelte darüber, wie wunderbar und wahr diese Zeile war, und als er sie ansah, wußte er, daß er mit Freuden für einen Kuß sterben könnte. Er fühlte sich selbst als Gottes erkorener, wahnsinngeschlagener Liebender, und kein Ritterschlag hätte ihn mit größerem Stolz erfüllen können. Jetzt endlich kannte er den Sinn des Lebens und wußte, warum er geboren war.

      Während er sie ansah und lauschte, wurden seine Gedanken kühner. Wieder erlebte er das wilde Entzücken, das ihn durchbebt hatte, als sie ihm an der Tür die Hand drückte, und er sehnte sich danach, sie nochmals in der seinigen zu fühlen. Sein Blick wanderte oft zu ihren Lippen, und ihn hungerte nach ihnen. Aber es war nichts grob Irdisches in diesem Verlangen. Es machte ihm eine unsagbare Freude, jede Bewegung und jedes Spiel dieser Lippen beim Sprechen zu beobachten, und gleichwohl waren es nicht gewöhnliche irdische Lippen, wie alle andern Männer und Frauen sie hatten. Sie waren nicht aus Erdenstaub geformt. Es waren Lippen aus reinem Geist, und sein Verlangen nach ihnen schien völlig verschieden von dem, das er nach andern Frauenlippen gehabt hatte. Er hätte ihre Lippen küssen, seine Lippen aus Fleisch und Blut auf sie drücken können, und doch wäre es mit der gleichen Ehrfurcht und erhabenen Leidenschaft geschehen, mit der der wahrhaft Gläubige das Gewand Gottes küssen würde. Er war sich nicht bewußt, welch eine Verschiebung von Werten in ihm stattgefunden hatte, und er ahnte nicht, daß das Licht in seinen Augen, wenn er sie ansah, eben das war, das in den Augen aller Menschen leuchtet, wenn das Verlangen nach Liebe in ihren Herzen erwacht. Er ließ sich nicht träumen, wie feurig und männlich sein Blick war, und ebensowenig, daß die Flamme darin ihre Seele ergriff. Ihre rührende Jungfräulichkeit erhöhte und verbarg seine eigenen Gefühle, indem sie seine Gedanken zu sternenkalter Keuschheit erhob. Es würde ihn erschreckt haben, hätte man ihm erzählt, daß in seinen Augen ein Licht brannte, das sie wie warme Wogen durchströmte und eine ähnliche Wärme in ihr entzündete. Sie wurde leicht verwirrt dadurch, und obwohl sie den Grund nicht kannte, durchbrach es immer wieder mit einer wundersam berauschenden Macht ihren Gedankengang und zwang sie, nach Worten

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