Jane Eyre. Шарлотта Бронте

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Jane Eyre - Шарлотта Бронте 99 Welt-Klassiker

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Täg­lich ster­ben Kin­der, die jün­ger sind, als Sie. Erst vor zwei oder drei Ta­gen habe ich ein klei­nes Kind von fünf Jah­ren be­gra­ben – ein gu­tes Kind, des­sen See­le jetzt im Him­mel ist. Es steht zu be­fürch­ten, dass man das­sel­be nicht von Ih­nen sa­gen könn­te, wenn Sie aus die­sem Le­ben ab­be­ru­fen wür­den.«

      Da ich nicht in der Lage war, sei­ne Zwei­fel zu be­he­ben, schlug ich nur die Au­gen nie­der und ließ sie auf den bei­den un­ge­heu­er­li­chen Fü­ßen ru­hen, die sich in den Ka­min­tep­pich ein­ge­gra­ben hat­ten. Dann seufz­te ich tief auf. Ich wünsch­te mich weit, weit fort.

      »Ich hof­fe, dass die­ser Seuf­zer aus der Tie­fe Ihres Her­zens kommt und dass Sie be­dau­ern, die Quel­le so vie­ler Unan­nehm­lich­kei­ten für Ihre aus­ge­zeich­ne­te Wohl­tä­te­rin ge­we­sen zu sein.«

      »Wohl­tä­te­rin! Wohl­tä­te­rin!« wie­der­hol­te ich in­ner­lich. »Je­der­mann nennt Mrs. Reed eine Wohl­tä­te­rin; wenn sie das war, so ist eine Wohl­tä­te­rin eine sehr un­an­ge­neh­me Sa­che.«

      »Spre­chen Sie abends und mor­gens Ihr Ge­bet?« fuhr mein Exa­mi­na­tor fort.

      »Ja, Sir.«

      »Le­sen Sie Ihre Bi­bel?«

      »Zu­wei­len.«

      »Mit Freu­de? Lie­ben Sie Ihre Bi­bel?«

      »Ich lie­be die Of­fen­ba­rung, und das Buch Da­niel und Ge­ne­sis und Sa­mu­el, und ein we­nig vom Buch der Pre­di­ger und einen Teil der Kö­ni­ge und der Chro­nik, und Hiob und Ruth.«

      »Und die Psal­men? Ich hof­fe, Sie lie­ben sie auch?«

      »Nein, Sir.«

      »Nein? o, ent­setz­lich! Ich habe einen klei­nen Kna­ben, viel jün­ger als Sie, der sechs Psal­men aus­wen­dig weiß. Und wenn Sie ihn fra­gen, ob er lie­ber eine Pfef­fer­nuss zum es­sen, oder einen Vers aus den Psal­men zum aus­wen­dig ler­nen ha­ben möch­te, so sagt er: ›O, den Vers aus den Psal­men! Die En­gel sin­gen ja Psal­men‹, sagt er, ›ich möch­te schon hier auf Er­den ein klei­ner En­gel sein‹, und dann be­kommt er zum Lohn für sei­ne kind­li­che Fröm­mig­keit zwei Pfef­fer­nüs­se.«

      »Psal­men sind nicht in­ter­essant«, be­merk­te ich.

      »Das be­weist, dass Sie ein bös­ar­ti­ges Herz ha­ben und Sie müs­sen Gott bit­ten, dass er Ih­nen ein bes­se­res gibt, ein neu­es, ein rei­nes; dass er Ih­nen Ihr Herz von Stein nimmt und Ih­nen ein Herz von Fleisch gibt.«

      Ich war ge­ra­de im Be­griff, eine Fra­ge in Be­zug auf die Art und Wei­se zu tun, wie die Ope­ra­ti­on, mir ein neu­es Herz ein­zu­set­zen, vor sich ge­hen sol­le, als Mrs. Reed mich un­ter­brach, in­dem sie mir ge­bot, mich zu set­zen, dann fuhr sie fort, selbst die Un­ter­hal­tung zu füh­ren.

      »Mr. Brock­le­hurst, ich glau­be, dass ich in dem Brie­fe, wel­chen ich Ih­nen vor un­ge­fähr drei Wo­chen schrieb, schon an­ge­deu­tet habe, dass die­ses klei­ne Mäd­chen nicht ganz den Cha­rak­ter und die Ei­gen­schaf­ten hat, wel­che mir wün­schens­wert er­schei­nen. Wenn Sie sie in die Schu­le von Lo­wood auf­neh­men soll­ten, so wür­de ich Ih­nen dank­bar sein, wenn Sie die Vor­ste­he­rin und die Leh­rer er­su­chen woll­ten, ein schar­fes Auge auf sie zu ha­ben und vor al­len Din­gen, ih­rem schlimms­ten Feh­ler, einen Hang zur Lüge und Ver­stel­lung, ent­ge­gen zu ar­bei­ten. Ich er­wäh­ne die­ser Sa­che in dei­ner Ge­gen­wart, Jane, da­mit du nicht ver­suchst, auch Mr. Brock­le­hurst täu­schen zu wol­len.«

      Wohl war ich be­rech­tigt, Mrs. Reed zu fürch­ten, eine tie­fe Ab­nei­gung ge­gen sie zu he­gen, denn es lag in ih­rer Na­tur, mich stets aufs grau­sams­te zu ver­let­zen. Nie­mals fühl­te ich mich glück­lich in ih­rer Ge­gen­wart; wie sorg­sam ich mich auch be­müh­te, ihr zu ge­fal­len, ihr aufs Wort zu ge­hor­chen – mei­ne An­stren­gun­gen wur­den stets nur durch sol­che Re­dens­ar­ten wie die obi­gen be­lohnt. Und jetzt schnitt die­se Be­schul­di­gung, vor ei­nem Frem­den aus­ge­spro­chen, mir tief ins Herz. Ich sah ge­nau, wie sie schon wie­der jeg­li­che Hoff­nung aus der neu­en Le­ben­s­pha­se, in wel­che ich ein­zu­tre­ten im Be­griff war, ver­bann­te; ich fühl­te, ob­gleich ich für die­se Emp­fin­dung kei­ne Aus­drucks­wei­se ge­fun­den hät­te, dass sie be­müht war, Ab­nei­gung und Un­freund­lich­keit auf mei­nen künf­ti­gen Le­bens­pfad zu säen; ich sah, wie ich mich in Mr. Brock­le­hur­st’s Au­gen in ein ver­schla­ge­nes, ei­gen­sin­ni­ges Kind ver­wan­del­te; – und was konn­te ich tun, um die­sem ge­gen mich be­gan­ge­nen Un­recht ab­zu­hel­fen?

      »Nichts, in der Tat!« dach­te ich, als ich kämpf­te, um ein Schluch­zen zu un­ter­drücken und has­tig ei­ni­ge Trä­nen, die ohn­mäch­ti­gen Be­wei­se mei­ner Her­zens­angst, ab­trock­ne­te.

      »Ver­stel­lung ist in der Tat ein trau­ri­ger Cha­rak­ter­feh­ler bei ei­nem Kin­de«, sag­te Mr. Brock­le­hurst, »ein Feh­ler, wel­cher mit der Falsch­heit und Lü­gen­haf­tig­keit nahe ver­wandt ist und alle Lüg­ner wer­den ih­ren An­teil ha­ben an dem See, in wel­chem Pech und Schwe­fel bren­nen; sie soll in­des­sen sorg­sam be­wacht wer­den, Mrs. Reed; ich wer­de mit Miss Tem­ple und den Leh­rern und Leh­re­rin­nen spre­chen.«

      »Ich wün­sche, dass sie in ei­ner Wei­se er­zo­gen wird, wel­che mit ih­ren Le­bens­aus­sich­ten über­ein­stimmt«, fuhr mei­ne Wohl­tä­te­rin fort, »sie soll sich nütz­lich ma­chen und de­mü­tig blei­ben. Die Fe­ri­en soll sie stets mit Ih­rer Er­laub­nis in Lo­wood blei­ben.«

      »Ihre Be­stim­mun­gen, Ma­da­me, sind durch­aus ver­nünf­tig«, ent­geg­ne­te Mr. Brock­le­hurst. »Die De­mut ist ein Schmuck der Chris­ten und ei­ner, der ganz be­son­ders für die Schü­le­rin­nen von Lo­wood pas­send ist; ich gebe da­her die Wei­sung, dass ih­rer Pfle­ge eine be­son­de­re Sorg­falt ge­wid­met wird. Ich habe ein Stu­di­um dar­auf ver­wen­det, zu er­grün­den, wie das welt­li­che Ge­fühl des Stol­zes und des Hoch­muts am bes­ten in ih­nen zu er­sti­cken ist. Und vor we­ni­gen Ta­gen erst hat­te ich eine an­ge­neh­me Pro­be mei­ner Er­fol­ge. Mei­ne zwei­te Toch­ter, Au­gus­te, ging mit ih­rer Mama, um die Schu­le zu be­su­chen und bei ih­rer Rück­kehr rief sie aus: ›O mein teu­rer Papa, wie ru­hig und ein­fach all die Mäd­chen in Lo­wood aus­se­hen! Mit ih­rem Haar, das glatt hin­ter die Ohren ge­stri­chen ist und ih­ren lan­gen Schür­zen und den klei­nen Ta­schen, wel­che sie über ih­ren Klei­dern tra­gen – sie se­hen bei­na­he aus, wie die Kin­der ar­mer Leu­te! und‹, fuhr sie fort, ›sie starr­ten Ma­mas und mein Kleid an, als ob sie in ih­rem gan­zen Le­ben noch kein sei­de­nes Kleid ge­se­hen hät­ten.‹«

      »Das ist eine Ein­rich­tung der Din­ge, wel­che mei­nen un­ge­teil­ten Bei­fall hat«, er­wi­der­te Mrs. Reed, »wenn ich ganz Eng­land durch­sucht hät­te, so wür­de ich kein Sys­tem ge­fun­den ha­ben, das für ein Kind, wie Jane Eyre es ist, so voll­kom­men ge­passt ha­ben wür­de. Kon­se­quenz und Fes­tig­keit, mein lie­ber Mr. Brock­le­hurst, ich be­für­wor­te Kon­se­quenz in al­len Din­gen!«

      »Kon­se­quenz, Ma­da­me, ist die

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