Toxische Männlichkeit. Sebastian Tippe

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Toxische Männlichkeit - Sebastian Tippe

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Gehirne identisch sind, ist höchst interessant – auch im Hinblick auf trans Menschen, wie Rippon weiter erklärt: „I have had transgender individuals or individuals wishing to transition asking if we can scan them – for instance, a man saying can you prove I have a female brain so I have a case for my transition. It doesn’t work at that level.“

      Diese Ergebnisse bestätigen den aktuellen wissenschaftlichen Stand der Soziologie und Geschlechterforschung, dass das, was wir unter sozialen Geschlechterrollen verstehen, eine soziale Kategorie darstellt und somit veränderbar ist. Dies bedeutet, dass auch toxische Anteile überschreibbar und veränderbar sind.

      Rippon erklärt zudem, dass das soziale Miteinander auch soziale Wirklichkeiten konstruiert, die dann wiederum Auswirkungen auf unser Gehirn haben: „If you have an expectation of somebody, what we now know is it will change how the person views themselves, it will change the experiences the world exposes them to, like giving boys and girls different toys to play with, and it will change the attitudes that people have of those individuals. The type of games you play will change your brain. We know that from judo and juggling to violin and keyboard playing. By definition, moving the body differently according to the demands of the skill you are acquiring will change the brain. So not playing football will have a direct effect on the brain. But making sure we are doing the right things to stay part of our social group is also an important driver.“ Es wird, wie Rippon weiter ausführt, ein Zusammenhang zwischen vermeintlich männlichen und weiblichen Gehirnen und geschlechtsspezifischen Fähigkeiten hergestellt, um eine Vormachtstellung von weißen Männern zu konstruieren: „The idea of the gendered brain comes from the 19th century, says Prof Rippon, and it was used to prove the superiority of ‚white, upper class men‘ and justify their actions.“

      In diesem Zusammenhang der biologischen Betrachtung ist die Erkenntnis bemerkenswert, dass auch Männer Milchdrüsen besitzen. Sie sind nicht so ausgeprägt wie die von Frauen, können aber theoretisch Milch produzieren (vgl. Fem 2019a). Unter Zugabe von Hormonen kann die Milchproduktion bei Männern (und Frauen) ausgelöst werden. Dies wird induzierte Laktation genannt (vgl. Seelig). Diese Erkenntnis stellt das Verständnis von Frauen, die ihre Kinder mit Muttermilch versorgen können, und Männern, die dies nicht können, auf den Kopf. Daraus resultiert auch die Frage, ob es zu einem anderen früheren Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte gängig war, dass Männer ebenso ihre Kinder mit Milch versorgten wie Frauen, ihre Milchdrüsen aber im Laufe der Jahrtausende verkümmerten, da die Aufgabe des Stillens ausschließlich auf Frauen übertragen wurde und sich der Körper der Männer dementsprechend veränderte.

      Auch aktuelle archäologische Funde widerlegen unsere Vorstellung, dass Männer ausschließlich Krieger und Frauen schon immer für Kinder zuständig waren. Beispielsweise wurde eine 1878 in einem Grab gefundene Leiche – aufgrund der beigefügten Waffen als männlich zugeordnet – 2017 nach 139 Jahren als weiblich identifiziert und somit als eine Anführerin der WikingerInnen (vgl. Patalong 2017). Die Patriarchatskritikerin, Naturwissenschaftlerin und Doktorin Kirsten Armbruster weist darauf hin, dass Männer in der Steinzeit eben nicht die familienernährenden Jäger gewesen sind, wie es jedoch die gängige Auffassung ist (vgl. Armbruster 2013, S. 30). Vielmehr ist heute bekannt, wie es Armbruster beschreibt, dass Frauen „vor der Sesshaftigkeit durch das Sammeln von wildwachsenden Pflanzen, Nüssen, Früchten und durch das Stellen von Fallen für Kleintiere für den größten Teil der Nahrungsbeschaffung zuständig waren.“ Die menschliche Geschichte, die durch einen männlichen patriarchalen Blick dokumentiert und interpretiert ist, muss daher neu bewertet werden.

      Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel (1985, S. 200) schreibt: „Wir messen die Leistung und die Gesinnung, die Intensität und die Ausgestaltungsformen des männlichen und des weiblichen Wesens an bestimmten Normen solcher Werte; aber diese Normen sind nicht neutral, dem Gegensatz der Geschlechter enthoben, sondern sie sind selbst männlichen Wesens.“

      Ich möchte an dieser Stelle noch ein interessantes Beispiel aus einem Gespräch mit einem Bekannten zur sozialen Konstruktion von Geschlecht anfügen. Mein Bekannter sagte zu mir: „Es ist völlig klar, aus welchem Grund Polizisten fast ausschließlich Männer sind.“ Ich fragte erstaunt nach seiner Begründung. Er erklärte mir: „Das kommt aus der Geschichte der Menschheit. Männer mussten früher in der Steinzeit ihre Frauen und Kinder beschützen, weil sie halt biologisch stärker sind. Daher sehen auch heute noch Menschen instinktiv Männer als Beschützer – und Frauen eben nicht. Daher sind Polizisten männlich. Wir suchen uns automatisch diejenigen, von denen wir erwarten, dass sie uns beschützen können.“

      Diese abenteuerliche Erklärung ist leider keine Einzelmeinung, sie zielt auf besagte vermeintliche biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen ab und blendet die soziale Konstruktion und auch die Wandlungsfähigkeit von Geschlecht völlig aus.

       Geschlechterstereotype

      Kinder werden bereits vor der Geburt in Schubladen gesteckt. „Was wird es denn?“ ist eine der Fragen, die werdenden Eltern – vor allem Müttern – sehr häufig gestellt wird. Schon zu diesem Zeitpunkt werden Geschlechterstereotype produziert: „Es ist so unruhig und wild, es wird wohl ein Junge“, ist eine häufig verwendete Floskel. „Dein Kind scheint so ruhig zu sein. Das wird bestimmt ein Mädchen.“

      Kinder kommen ohne eine Geschlechteridentität auf die Welt. Sie wissen nicht, wie sich ein „richtiger Junge“ oder ein „richtiges Mädchen“ in unserer Gesellschaft zu verhalten haben und was von ihnen erwartet wird. Zu diesem Zeitpunkt stehen ihnen noch alle Möglichkeiten und Chancen einer freien Entwicklung offen. Die Prägung durch geschlechterstereotype Vorstellungen beginnt bereits, bevor das Kind auf die Welt kommt: Kinderzimmer werden in rosa und blau eingerichtet, und es wird blaue und rosa Kleidung gekauft – dies ist für das Kind jedoch völlig irrelevant. Interessant ist, dass bis weit in das 20. Jahrhundert hinein rosa die Farbe der Jungen (vgl. Süddeutsche Zeitung 2012) und blau die der Mädchen (vgl. Heine 2011) gewesen ist. Der Kapitalismus spielt dabei eine wichtige Rolle: Familien, die mehr als ein Kind bekommen, kaufen Kleidung bei unterschiedlichen Geschlechtern mehrfach: einmal in blau und einmal in rosa. Aber auch die Arten der Spielzeuge unterscheiden sich: Jungen bekommen sehr viel häufiger technische und aktive Spielzeuge geschenkt (zum Beispiel Autos), während Mädchen eher passive Spielzeuge (beispielweise Puppen) geschenkt bekommen, die sie sehr früh in die Care-Rolle zwängen.

      Michael Meuser, Professor der Soziologie der Geschlechterverhältnisse von der TU Dortmund, (vgl. Döge, Meuser 2001, S. 15), schreibt zum Thema Aktivität vs. Passivität: „Soziale Unterschiede sind nach der Unterscheidung männlich/weiblich codiert. Der weiblichen Welt des Innen und des Passiven steht die männliche des Außen und des Aktiven gegenüber. Alle sozialen Beziehungen werden im geschlechtlichen Code erfasst.“ Es ist hilfreich, sich das einmal bildlich vorzustellen: Wir nehmen zwei Schubladen und schreiben auf die eine „Junge“ und auf die andere „Mädchen“, die anderen unzähligen Schubladen lassen wir abseits liegen und ignorieren sie. Dann werfen wir dort bereits vor der Geburt Vieles hinein: In die eine Kiste werfen wir Action-Figuren, Waffen, blaue Strampler, die Jahreskarte für den Karateverein neben einen Fußball, einen Freifahrtschein für übergriffiges Verhalten, die Bewerbung für die Ausbildung als KFZ-Mechaniker oder Manager und eine Karte, auf der steht: „Um uns und um unsere Gefühle brauchen und sollten wir uns nicht so sehr kümmern“. In die andere Schublade werfen wir den pinken Strampler, Puppen, Küchenspielzeug, Glitzer, Schminke, ein Pony, Kleider, die Bewerbung als Erzieherin und schreiben „fürsorglich, liebevoll, empathisch und allzeit bereit“ auf eine Karte. Diese Schubladen sind eigentlich keine Schubladen, sondern ein Gefängnis, beziehungsweise ein Korsett, in dem Menschen ihr Leben lang herumlaufen. Auch existieren für die meisten Menschen nur diese beiden Schubladen, die kaum verlassen werden können. Wer aus diesen Schubladen ausbricht, wird sanktioniert. Trägt der Junge ein Kleid, schminkt sich oder geht mit lackierten Fingernägeln in die Schule, bekommt er dies augenblicklich negativ zu spüren. Tritt ein Mädchen selbstbewusst auf, sagt

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