Die Morde in der Rue Morgue und andere Erzählungen. Эдгар Аллан По

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Читать онлайн книгу Die Morde in der Rue Morgue und andere Erzählungen - Эдгар Аллан По страница 15

Die Morde in der Rue Morgue und andere Erzählungen - Эдгар Аллан По Reclam Taschenbuch

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Hintergrund einer Domäne – die kahlen Mauern – die leeren Fenster, die hohlen Augen glichen – ein paar dichte Schilfgruppen – einige wenige weißliche, abgestorbene Baumstämme – mit tiefster seelischer Bedrücktheit, die ich mit keiner anderen besser vergleichen kann, die es auf Erden gibt, als mit der des Nach-Traums eines Opiumsüchtigen – mit dem bitteren Sprung zurück ins Leben des Alltags – dem furchtbaren Zerreißen des Vorhangs. Eiseskälte, Widerwille, Beklommenheit krochen in mein Herz, meinen Sinn verdunkelte eine durch nichts abzuschwächende Düsterkeit, die kein Ansporn der Phantasie zu etwas Erhebenderem emporquälen konnte. Was war es – ich hielt an, um nachzudenken –, das mich beim Betrachten des Hauses Usher so entnervte? Es war ein ganz und gar unlösbares Rätsel; auch konnte ich nicht mit den schattenhaften Vorstellungen fertig werden, die auf mich eindrangen, während ich grübelte. Ich war gezwungen, einen unbefriedigenden Schluss zu ziehen: während es zweifellos ein Zusammentreffen von an sich ganz gewöhnlichen Naturdingen gibt, denen die Macht innewohnt, uns auf diese Weise zu beeindrucken, dringt unsere Analyse dieser Macht nicht so tief, dass wir darüber begründete Betrachtungen anstellen könnten. Es wäre durchaus möglich, sagte ich mir, dass ein verschiedenartiger Aufbau der Besonderheiten des Bildes, der Einzelheiten der Szenerie genügt hätten, den traurigen Eindruck einzuschränken oder ihn vielleicht sogar aufzuheben. Ich handelte nach dieser Idee, lenkte das Pferd an den Steilrand eines schwärzlichen, unheimlichen Teichs, der sich mit ungetrübter Oberfläche vor dem Haus breitete, und schaute – aber nur mit noch lebhafterem Schauder – auf die darin wiedergegebenen umgekehrten Bilder des grauen Schilfs, der geisterhaften Stämme und der leeren Höhlen der Fenster.

      Trotzdem fasste ich den Vorsatz, in diesem Haus der Düsterkeit für einige Wochen Aufenthalt zu nehmen. Sein Besitzer, Roderick Usher, war in meiner Knabenzeit einer meiner munteren Spielkameraden gewesen, aber seit unserem letzten Zusammentreffen waren viele Jahre vergangen. In einem entfernten Landesteil hatte mich vor kurzem ein Brief erreicht – ein ungestüm dringlicher Brief von ihm, der keine andere Antwort als persönliches Erscheinen zuließ. Die Handschrift zeugte von nervöser Aufgeregtheit. Der Schreiber sprach von akuter körperlicher Krankheit – von geistigen Störungen, die ihn bedrückten – und von dem ernstlichen Verlangen, mich, seinen besten und wirklich einzigen Freund, wiederzusehen; es sei seine Absicht, mit Hilfe meines freundlichen Wesens einen Versuch zu unternehmen, eine gewisse Erleichterung seines krankhaften Zustandes zu erreichen. Es war die besondere Art, in der er dies und manches andere sagte, ein offenbares Herzensbedürfnis, das in seiner Bitte schwang – was mir gar keine Gelegenheit gab, noch zu zögern; so entsprach ich unverzüglich seiner Aufforderung, auch wenn ich sie trotz allem für etwas seltsam hielt.

      Obwohl wir als Knaben eng verbunden gewesen waren, wusste ich doch eigentlich wenig von meinem Freund. Seine Zurückhaltung war immer etwas übertrieben gewesen und entsprach seiner Veranlagung. Ich wusste aber, dass seine sehr alte Familie von jeher für besondere Feinfühligkeit im Wesen bekannt war, die sich im Lauf der Zeiten in vielen Werken hoher Kunst manifestiert und sich neuestens auch in wiederholten großzügigen und doch unaufdringlichen Akten von Wohltätigkeit gezeigt hatte. Auch hatten sich die Usher leidenschaftlich der Musik gewidmet, wobei ihnen vielleicht knifflige theoretische Dinge wichtiger waren als die allgemein anerkannten und leicht zu erfassenden Schönheiten dieser Kunst. Ich hatte auch von der bemerkenswerten Tatsache erfahren, dass der zu allen Zeiten hochgeschätzte Stamm der Usher nie eine lebensfähige Seitenlinie hervorgebracht habe; mit anderen Worten, alle Mitglieder der Familie stammten mit wenigen und nur kurz dauernden Ausnahmen direkt voneinander ab. Dieser Mangel an Nebenlinien, überlegte ich, während ich die unberührte Erhaltung des Landsitzes neben die der Familie allgemein zugeschriebene Eigenart stellte und über den möglichen Einfluss nachdachte, den ersteres im Lauf der Jahrhunderte auf den Familiencharakter ausgeübt hatte – dieser Mangel und der daraus folgende unentwegte Übergang des Erbes zusammen mit dem Namen vom Vater auf den Sohn hatten wahrscheinlich dazu geführt, dass beides, die ursprüngliche Bezeichnung für das Anwesen und der eigentliche Familienname, im Bewusstsein der Leute in den altmodischen Begriff von zweierlei Bedeutung, ›Haus Usher‹ verschmolzen war, den sie für die Familie und das Herrenhaus verwendeten.

      Ich habe bereits gesagt, dass das ganze Ergebnis meines etwas kindischen Experiments – einen Blick in den Teich zu tun – darin bestand, den ersten seltsamen Gesamteindruck zu vertiefen. Das Bewusstwerden der Zunahme meines Aberglaubens – warum sollte ich es nicht so bezeichnen? – diente zweifellos dazu, ihn noch schneller anwachsen zu lassen. Dies ist, wie ich seit langem weiß, das paradoxe Gesetz aller Gefühle, denen Furcht zugrunde liegt. Wohl deswegen entstand in mir, als ich vom Bild des Hauses im Wasser den Blick wieder zu ihm hob, eine merkwürdige Vorstellung – eine Vorstellung, die so lächerlich ist, dass ich sie nur erwähne, um die Macht der Eindrücke darzutun, die mich beschwerten. Ich hatte meiner Phantasie so viel freien Lauf gelassen, dass ich tatsächlich glaubte, um das ganze Haus und den Besitz überhaupt hänge eine auch der unmittelbaren Umgebung eigene, ganz besondere Atmosphäre – eine Atmosphäre, die mit der natürlichen nichts zu tun hatte, sondern aus den morschen Bäumen, den grauen Mauern und dem stillen Teich aufstieg – ein giftiger, geheimnisvoller Dunst, trüb, träg, bleifarben und eigentlich nur zu ahnen.

      Ich schüttelte diese Vorstellung ab, die nur traumhaft sein konnte, und betrachtete das wahre Aussehen des Hauses genauer. Das Hauptmerkmal schien mir sein außerordentlich hohes Alter zu sein, denn die Zeiten hatten es gründlich verfärbt. Kleinpilze bedeckten die ganze Front und hingen in feinen, spinnwebartigen Strängen von den Dachrinnen. Dies alles war aber weit entfernt von irgendwelchem besonderen Verfall. An keiner Stelle war das Mauerwerk zusammengebrochen, und zwischen seinem soliden Zusammenhang und der krümeligen Beschaffenheit der einzelnen Steine bestand ein aufregender Widerspruch. Dies erinnerte mich an altes Holzwerk, das in irgendeinem vergessenen Gewölbe in langen Jahren modert und in breiten Flächen erhalten bleibt, weil kein Hauch frischer Luft es anrührt. Außer diesen Hinweisen auf ausgedehnte Verwitterung gab das Mauergefüge aber wenig Anzeichen von mangelnder Stabilität. Vielleicht hätte das Auge eines kritischen Beobachters einen kaum wahrnehmbaren Riss entdeckt, der vom Dach über die Vorderfront seinen Weg die ganze Mauer hinunter in einer Zickzacklinie machte, bis er sich in dem dunklen Wasser des Teichs verlor.

      Nachdem ich diese Dinge beobachtet hatte, ritt ich über einen kurzen Weg vors Haus. Ein bereitstehender Stallknecht nahm mir das Pferd ab, ich betrat durch den gotischen Türbogen die Halle. Ein leise auftretender Diener führte mich von da schweigend durch eine Menge dunkler, verwinkelter Gänge zum Arbeitszimmer seines Herrn. Manches, was ich auf diesem Weg traf, trug dazu bei – wieso, weiß ich nicht –, die unbestimmten Gefühle zu verstärken, von denen ich bereits gesprochen habe. Die Dinge ringsumher, Deckenschnitzereien, dunkle Wandgobelins, ebenholzschwarze Fußböden und phantastische Rüstungstrophäen, die rasselten, als ich vorbeiging, waren mir seit meiner Kindheit so ähnlich bekannt; ich zögerte noch, mir zuzugeben, wie vertraut mir Derartiges war, weil ich mich wunderte, wie eigenartig die Vorstellungen waren, die ganz gewöhnliche Gegenstände in mir aufsteigen ließen. Auf einer der Treppen lernte ich den Hausarzt der Familie kennen. Sein Gesicht, fand ich, trage einen aus Schlauheit und Verlegenheit gemischten Ausdruck. Er sprach mich mit einer gewissen nervösen Unruhe an und ging weiter. Der Diener öffnete eine Tür und meldete mich seinem Herrn.

      Das Zimmer, in dem ich mich befand, war sehr groß und hoch. Schmale Spitzbogen stellten die Fenster dar und lagen so weit über dem dunklen Eichenholzfußboden, dass man vom Zimmer aus nicht hinaufreichen konnte. Schwache Strahlen rötlichen Lichts fanden den Weg durch die vergitterten Scheiben und erhellten wenigstens die größeren Gegenstände im Raum hinreichend deutlich, aber das Auge bemühte sich vergeblich, in die entfernteren Winkel des Zimmers oder in die Vertiefungen der gewölbten, geschnitzten Decke vorzudringen. Dunkle Draperien hingen an den Wänden. Die Einrichtung war verschwenderisch und ungemütlich, antik und abgenützt. Viele Bücher und Musikinstrumente lagen im Zimmer verstreut, belebten das Bild aber nicht. Ich spürte, dass ich eine von Kummer geschwängerte Luft einatmete. Etwas wie ernste, tiefe und hoffnungslose Düsterheit hing über allem, durchdrang alles.

      Bei meinem Eintreten erhob sich Usher von einem Sofa, auf dem er ausgestreckt gelegen hatte, und begrüßte mich

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