Operation Terra 2.0. Andrea Ross
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Ein böser und zugleich triumphierender Blick aus weit aufgerissenen Augen traf den Regenten. »Da siehst du, was du mit deiner cholerischen Art angerichtet hast! Was ich unternehme, wird letzten Endes ihr zugutekommen. Sie wird uns dereinst beerben, Kiloon. Und ich sorge nach Kräften dafür, dass es da noch etwas zu erben gibt! Du mit deiner defensiven, allzu duldsamen Art würdest schon jetzt alles den Bach hinunter gehen lassen.«
Und wieder hatte die eiskalte Schlange ein verbales Duell gewonnen. Zudem gab der Erfolg ihr Recht. Kiloon resignierte und schlich wie ein geprügelter Hund von dannen.
Mars, 16. Mai 2119 nach Christus, Dienstag
Die lange, strapaziöse Reise neigte sich ihrem Ende zu. Der sowohl mit chemischen Brennstoffen als auch mit Ionenantrieb sowie zwei zusätzlichen Sonnensegeln ausgestattete Raumfrachter New Horizons 8 setzte nach einer Flugzeit von viereinhalb Monaten sanft auf der Marsoberfläche auf. Von den insgesamt zehn baugleichen Passagierfrachtern waren vier bereits in den Tagen zuvor angekommen, der Rest noch in den Weiten des Weltalls unterwegs.
Der Passagierfrachter hatte die riesige Distanz zwischen den Planeten auf einer sogenannten Hohmannbahn zurückgelegt, einem energetisch günstigen Übergang zwischen zwei Bahnen um einen dominierenden Himmelskörper wie der Erde. Den guten, alten Mond hatte man für ein SwingByManöver benutzt, um die Geschwindigkeit zu erhöhen.
Swetlana und Philipp Emmerson kramten die wenigen persönlichen Gegenstände, die sie von der Erde hatten mitbringen dürfen, aus der verschließbaren Schublade unter ihrer Doppelkoje und machten sich zum Ausstieg bereit. Sie waren angewiesen worden, paarweise zur Luke zu gehen und dort auf weitere Instruktionen zu warten.
Das heitere Szenario, wie die Paare Händchen haltend aus den Kabinen traten und, fröhlich plaudernd, in Zweierreihen den Flur entlang marschierten, erinnerte ein wenig an einen Kindergartenausflug, was Swetlana scherzhaft anmerkte.
»Oder an die Arche Noah«, lachte Philipp ergänzend. Beide platzten schier vor Aufregung, und genauso erging es auch den anderen Passagieren. Gespannte Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Sie alle begannen hier nicht nur ein neues Leben, sondern schrieben auch Menschheitsgeschichte – als allererste Siedler, die dauerhaft auf dem Mars leben und arbeiten sollten. Aus Theorie wurde nun Praxis, ein himmelweiter Unterschied.
Das Ehepaar Emmerson gehörte zu den Ältesten. Die meisten Umsiedler waren zwischen dreiundzwanzig und dreißig Jahren alt, also im gebärfähigen Alter. Da Swetlana jedoch kerngesund war und bislang noch keine Kinder geboren hatte, sollte sie die Chance bekommen. Das Los hatte am Ende zu ihren Gunsten entschieden.
»In wenigen Augenblicken ist es so weit und wir werden die Ausstiegsluke öffnen. Ab sofort wird jeder Ihrer Schritte für die Daheimgebliebenen mitgeschnitten. Ich darf Sie also bitten, sich so zu verhalten, wie es für eine Zeitzeugendokumentation angemessen ist. Wir gehen geordnet zu den Rovern, in die jeweils vier Personen einsteigen können, und bringen Sie auf dem schnellsten Wege nach und nach zu Ihren Quartieren«, befahl die Stimme aus dem Lautsprecher.
»Bitte wundern Sie sich nicht, wenn Ihnen das Atmen nach dem Ausstieg ein wenig schwer fällt. Die Lungen müssen sich erst an die veränderten Druckverhältnisse und die leicht abweichende Zusammensetzung der Atemluft gewöhnen. Atmen Sie einfach ruhig weiter und hyperventilieren Sie nicht. Über die ersten Tage werden Sie sich müde, schwindelig und kraftlos fühlen. Gehen Sie zunächst lieber tagsüber nicht ins Freie. Auch Ihre sonnenentwöhnte Haut braucht einige Zeit, sich an die marsianische Lichteinstrahlung anzupassen. Machen Sie sich keine Sorgen, der menschliche Körper ist anpassungsfähig. Die Adaption wird schnell vonstattengehen.
Wie Sie alle bereits wissen, beträgt der Sol, also der Marstag, 39 Minuten und 35,244 Sekunden mehr als der irdische Tag. Es ist daher gut möglich, dass Ihnen Ihre innere Uhr ein wenig verstellt vorkommen wird. Um diesem Phänomen Herr zu werden, sind in allen Häusern klassische irdische Uhren installiert, die einfach etwas langsamer laufen, um die Zeitdifferenz auszugleichen. So fühlen Sie sich wie zu Hause. Es ist wichtig, dass Sie die Pflichtveranstaltungen pünktlich besuchen. Dazu werden Sie rechtzeitig Informationen erhalten.«
»Ein bunter Katalog an Verhaltensregeln – hoffentlich geht das nicht so weiter«, murmelte Philipp augenrollend.
Die Versiegelung der Luke wurde mithilfe von Druckluft geöffnet. Im Zeitlupentempo senkte sich eine mit rutschfesten Noppen überzogene Rampe zu Boden. Jeder der zuvorderst stehenden Passagiere versuchte angestrengt, über die Schulter seines Vordermanns hinweg, einen schnellen Blick auf die Marsoberfläche zu erhaschen. Man sah auf dem Landeplatz oxidroten Sand und ein paar Steine, sonst nichts.
Die schneeweiße Siedlung in Modulbauweise lag etwa drei Kilometer entfernt. Man hatte die fünfhundert Häuser für tausend Bewohner nach langem Hin und Her am Ufer eines uralten Flussbettes in der Aram Dorsum-Region erbaut, das sich dank der Regenfälle aktuell wieder mit Wasser füllte. Die Häuschen hoben sich in starkem Kontrast von der überwiegend rotbraunen Landschaft ab, doch waren rund um die Häuser sattgrüne Pflanzeninseln erkennbar. Auch am Flussufer zeigte sich zartes Grün.
»Da liegt sie, unsere neue Heimat. Sieht sie nicht wunderschön aus? Und schau mal, die riesengroßen Gewächshäuser. Alle schön in Reih und Glied aufgestellt«, schwärmte Swetlana ergriffen.
»Nun ja … ein bisschen karg und auf dem Reißbrett entworfen, aber besser als unsere alte Behausung«, relativierte Philipp, dessen Atemfähigkeit deutlich eingeschränkt schien. Er röchelte leicht beim Luftholen.
Der geländegängige Marsrover rumpelte hart über unebenes Gelände, fuhr durch ein Tor und hielt im Herzen der Siedlung. Eine in Kreisform errichtete Ansammlung von Gebäuden kam in Sicht. Der Fahrer drehte sich um und erklärte:
»An diesem zentralen Platz finden Sie sämtliche Gemeinschaftsgebäude, die für Versammlung, Freizeitspaß und Verwaltung vorgesehen sind. Dort drüben ist die Krankenstation. Alle Straßen gehen von hier ab, Sie können diesen Ort also nicht verfehlen. Bitte steigen Sie jetzt aus und folgen Sie der blauen Markierung in den flachen Bau links, dort werden die Wohneinheiten verwaltet. Man wird Ihnen Ihr Haus zuweisen.«
Die Emmersons leisteten der Aufforderung Folge, trabten den anderen Siedlerpaaren hinterher. Und schon schnurrte das solarbetriebene Elektrofahrzeug davon, um die nächsten Einwohner abzuholen.
Die Bürokratie im Office glich derjenigen auf der Erde, wie sie seit hunderten von Jahren nahezu unverändert funktionierte. Man musste Nummern aus einem Automaten ziehen, um irgendwann an die Reihe zu kommen. Schließlich wurde Swetlana und Philipp das Haus Nummer 144 am westlichen Rand der Siedlung zugewiesen, die man auf den Namen Phönix 1 getauft hatte.
Sie machten sich zu Fuß auf den Weg. Alle Häuschen sahen gleich aus, in den kleinen Gärten zur Selbstversorgung standen exakt die gleichen Nutzpflanzen zur Verfügung. Kohlrabi, Möhren, Zucchini, Tomatenpflanzen und einen Obstbaum konnte Swetlana von weitem erkennen. Eine Bewässerungsanlage berieselte die grüne Pracht gleichmäßig.
»150, 148, 146 … dort, das hier muss Unseres sein!«, keuchte Swetlana, der der kurze Fußmarsch körperlich zugesetzt hatte. »Hier sind überall deutsche Fahnen an den Zäunen angebracht. Geht die Zuteilung nach Nationalitäten, oder was?«
Sie hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Die verantwortlichen Planer der Urbanisation hatten der Tatsache Rechnung getragen, dass sich Menschen gleicher Sprache und Herkunft stets zusammenzurotten pflegen.