Brillanter Abgang. Alexander Hoffmann

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Brillanter Abgang - Alexander Hoffmann

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Stuck, seinem Salon, wie er gerne sagte, fiel sein Blick auf den mächtigen Frankfurter Schrank (um 1730 gefertigt, soll einst bei Goethes im Treppenhaus am Großen Hirschgraben gestanden haben). Der passte in keinen Jaguar, der würde zurückbleiben wie alles andere, was sich in den vier Jahrzehnten angesammelt hatte. Warum zum Teufel war er nicht Diamantenhändler geworden?

      In seine füllige Aktentasche stopfte er Ausweise und Zeugnisse. Kurz blieb sein Blick auf dem Abiturzeugnis haften. Auf den Einsern in Deutsch, Geschichte und Kunst, auf den Vierern in Mathematik und Physik. Grässliche Fächer. »Die Dokumente könnten noch nützlich sein«, hatte Tonja betont. Sie selbst hatte nur ihren kleinen Rollkoffer gepackt, so schnell, wie sie ihn vor Wochen ausgepackt hatte. Als sie wie ein fremder, betörender Schmetterling in seinem Leben gelandet war.

      Hans ließ sich in der Küche auf einen Stuhl sinken, wollte die letzten Minuten ausdehnen, auskosten wie das Bukett eines alten Weins. Wer auch immer hier einzog, er würde seine Freude haben an der Designer-Küche mit ihrem Spezialkühlschrank für die teuren Italiener. Ob sich die Herren von der Concom an den Super-Toskanern, dem Sassicaia und Tignanello, gütlich tun würden?

      Tonja kam in die Küche und bemerkte seinen Blick. »Schatz, das alles und noch viel mehr können wir uns neu kaufen. Jetzt musst du loslassen.«

      »Ich bin ein Behalter, kein Loslasser«, murmelte Hans.

      Er litt. Den alten Globus aus der Schulzeit durfte er nicht mitnehmen, auch nicht den signierten Fußball von der Meisterschaft und schon gar nicht die Märklin-Eisenbahn mit den Weichen, die man noch von Hand stellte. Gab es vielleicht in seinem Geschäft etwas Jaguar-Taugliches? Kurz dachte er an den kleinen Laden in der Altstadt, im Schatten des Kaiserdoms. Eine seit 15 Jahren gut eingeführte Adresse. Nein, das alles dort war zu groß zum Mitnehmen. Sollte sich doch die Concom seine letzten Schätze greifen.

      Tonja kochte Kaffee, den sie in eine Thermoskanne abfüllte. Die kam in eine Einkaufstasche, ebenso ein paar Flaschen Mineralwasser und belegte Brötchen. Sie fasste ihn an den Schultern. »Und bitte, bitte, keinen Kontakt zu niemandem – niemand darf wissen, dass wir verschwinden und wohin. Auch deine engsten Freunde nicht. Gut, dass du mir die noch gar nicht vorgestellt hast, so gibt es wenigstens keine Verbindung.«

      Hans nickte. Woher sollte sie auch wissen, dass er zwar etliche Bekannte hatte, aber keine Freunde, echte Freunde? »Und wie machst du hier Schluss?« Sie hatte ihm nur erzählt, dass sie in einer Anwaltskanzlei im Nordend arbeitete und dies weit unterhalb ihrer Qualifikation.

      Sie schnippte mit den Fingern. »Ich mache es wie dein Durstewitz – ich bin einfach mal weg. Ohne Lebewohl und Auf Wiedersehen. Erst recht nicht dem Chef gegenüber. Der ist sowieso weniger an meiner Buchhaltung als am Inhalt meiner Bluse interessiert.«

      »Werden die dich vermissen?«

      »Will ich doch hoffen, aber so wichtig bin ich da nicht. Nach ein paar Wochen haben sie mich wahrscheinlich vergessen.«

      Wieder einmal fiel Hans auf, wie wenig er über Tonja wusste. Er hatte keine Ahnung, wann und warum sie nach Deutschland gekommen war und was sie zuvor in ihrer Heimat getrieben hatte. Sie hatte immer abgeblockt, wenn er darauf zu sprechen kam.

      Er stand auf, bereit zu einem letzten Rundgang. Er klapperte ein Zimmer nach dem anderen ab, hielt eine letzte Zwiesprache mit dem modernen Ensemble von Memphis, dann mit dem eleganten Treca-Bett im Schlafzimmer mitsamt diverser Erinnerungen, auch aus der Vor-Tonja-Zeit. Im Designerbad nahm er sich die Manschettenknöpfe aus Platin, an denen sein Herz hing. Er schnüffelte dem kalten Rauch im Kamin des Wohnzimmers nach, ein finaler Blick streichelte das handgewachste Parkett. Wer würde hier einziehen, was würde derjenige mit seinen Möbeln machen? Müßige Fragen. In einer letzten, heftigen Geste schnappte er sich die Gallé-Vase (»Teichrosen«, Nancy um 1904, signiert), wickelte sie in ein T-Shirt und quetschte sie zu den Dokumenten in der Aktentasche, die sich mittlerweile aufblähte wie ein Hebammenköfferchen.

      »Fertig?« Tonja stand bereits in der Eingangstür, sie trug über Jeans und T-Shirt einen roten Leinenblazer.

      Hans hatte für den Abgang eine feine Hose, ein graues Seidenjackett im Knitterlook und handgefertigte Schuhe gewählt. Wenn er sich schon ins Unbekannte stürzte, dann mit einem Minimum an Stil.

      Es war dunkel geworden, aber immer noch drückend heiß.

      Hans warf den Bund mit den Hausschlüsseln in den Briefkasten des Hausmeisters.

      Tonja grinste. »Vorbildlich! Hast du dich auch brav vom Finanzamt verabschiedet?«

      »Lach du nur. Was wird aus meiner Rente? Ich hab jahrelang freiwillig eingezahlt beim Staat, bringt später sicher einige Hundert Euro.«

      »Pah! Fang endlich an, groß zu denken!«

      »Im Moment denke ich kleiner als klein, zum Beispiel an die Miete.« Ein letztes Mal sah Hans die nachtstille Myliusstraße hinauf und hinunter, dann startete er den Jaguar. Er sagte zu Tonja: »Nur damit du es weißt – meine Vermieterin ist eine alte Dame, die von den Mieten lebt. Sie war immer fair zu mir. Die kriegt als Erste ihr Geld überwiesen, von Zagreb aus oder von wo auch immer.«

      Tonja legte ihm besänftigend eine Hand aufs Knie. »Keine Sorge, es wird alles gut.«

      5. Kapitel

      Auf der Fahrt

      Bald waren sie auf der Autobahn, der Wagen schnurrte Richtung Osten. Im Rückspiegel sah Hans die funkelnde Frankfurter Skyline hinter dem Horizont verschwinden. Er fuhr in die Schwärze hinein. Der Osten hatte schon immer etwas Bedrohliches für ihn. Das Gefühl hielt sich, als sie Nürnberg passierten, und es wurde stärker, als sie hinter Passau Österreich erreichten.

      Würde er Deutschland je wiedersehen?

      Wo fuhren sie überhaupt hin? Tonja hatte ihn gebeten, das Navigationsgerät wegzuwerfen, und wortkarg die grobe Richtung vorgegeben: Nürnberg, Passau, Salzburg, Villach, Karawankentunnel. Kurz vor dem Tunnel sollte er irgendwo anhalten und sie aufwecken.

      Als Hans nun an der Grenze zu Slowenien kurz vor dem Karawankentunnel einen Parkplatz sah, fuhr er von der Autobahn ab. Tonja wachte von alleine auf und griff zu ihrem Handy. Während sie telefonierte, leerte Hans zwei Kanister Benzin in den Tank des Jaguars. Das betagte Stück hatte bisher nicht schlapp gemacht, sondern treu seine Dienste geleistet.

      Tonja stieg aus und sagte: »Wir fahren nach Guguljak. Das ist mein Heimatdorf, 50 Kilometer südlich von Zagreb. Ich habe Tihomir, meinen Vater, angerufen, er erwartet uns.« Sie packte die Brötchen aus und servierte Kaffee aus der Thermoskanne.

      Sie waren allein auf dem Parkplatz. Hans sog die Nachtkühle ein. Über ihnen ein halber Mond, den immer wieder Wolkenbüschel verdeckten.

      Tonja hob ihren Kaffeebecher. »Einen Toast auf Durstewitz!«

      »Wie bitte?«

      Tonja biss in ein Schinkenbrötchen und meinte: »Wir haben ein Riesenglück gehabt. Ohne dieses Konto, das du mit ihm gemeinsam hast, hätte die Sache nie geklappt.«

      »Ich verstehe kein Wort.«

      »Es ist gar nicht so einfach, online schnell mal ein paar Hundert Millionen zu überweisen – das gibt es nur im Fernsehen. Heute arbeiten die Banken mit einem Online-Limit. Die meisten Kunden dürfen pro Tag maximal 5.000 überweisen. Firmen natürlich mehr, je nach Umsatz.«

      Hans

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