Wohltöter. Hansjörg Anderegg
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»Sicher, Entschuldigung, Sergeant. Die Technik ist vor zwei Wochen ins Erdgeschoss umgezogen, 10 Broadway.«
»Heißen Dank.«
Die hellen, großzügigen Räume und die moderne Einrichtung der Labors flößten ihr wieder etwas Vertrauen ein. Niemand wunderte oder beklagte sich, dass sie eine Viertelstunde zu spät zur vereinbarten Besprechung kam. Im Gegenteil, ihr schien, die Leute wären überrascht, dass sie überhaupt auftauchte.
»Sie müssen Dr. Hegel sein«, begrüßte sie ein älterer Gentleman im offenen, weißen Labormantel freundlich.
Sie nickte und gab ihm die Hand. »Dr. Powers, nehme ich an?«
»So ist es. Freut mich, Adams neue Stütze in unserer Küche willkommen zu heißen. Ich hoffe, der DCI hat Ihnen die Lust an der Arbeit noch nicht ganz genommen.«
»So leicht, wie er sich das vielleicht vorgestellt hat, wird er mich nicht wieder los«, lachte sie.
»Nehmen Sie nur nicht alles ernst, was er sagt. Meist bereut er es, sobald es raus ist. Dann läuft er mit einer Miene durch die Gegend, als säße er auf seinem Echinocactus, und das ist wirklich sehenswert.«
Die Atmosphäre in diesem Labor gefiel ihr immer besser. Hier unter Chemikern, Physikern und Hochleistungsmessgeräten fühlte sie sich ohnehin zu Hause. Powers bat sie an einen der Schreibtische, wo Beutel mit Proben, Akten, Fotos vom Fundort der Leiche und Großaufnahmen von Details der Kleidung auslagen. Er nahm eine der Akten und gab sie ihr.
»Das sind unsere vorläufigen Erkenntnisse. Wir müssen davon ausgehen, dass der Tote mindestens zwölf Stunden im Wasser lag. Das macht es uns nicht gerade leichter, wie Sie wissen.«
Sie überflog die wenigen Seiten schnell, während er die weiteren Ergebnisse zusammenfasste. Plötzlich stutzte sie. »Sie haben ein Haar an der Jacke gefunden«, staunte sie. »Wieso wurde das nicht weggespült?«
»Es befand sich im Innern der Seitentasche.«
»Stammt es vom Toten?«
»Mit Sicherheit nicht. Und der DNA-Abgleich mit der Datenbank war negativ, falls das Ihre nächste Frage ist.«
»Ein fremdes Haar«, murmelte sie nachdenklich. »Könnte wichtig werden.«
»Falls sich diese Person meldet«, spottete Powers.
»Was ist mit dem Blut auf der Kleidung?«
»Sein eigenes. Es gibt keine fremden Blutspuren.«
»Also doch ein Unfall?«
Er zuckte die Achseln. »Spekulationen überlasse ich Ihnen. Ich stelle nur die Tatsachen zusammen.«
»Schon klar«, grinste sie. Mit dem gleichen Satz hatte sie während ihrer Arbeit im Labor des BKA den Kommissaren geantwortet. Sie fragte weiter: »Gibt es irgendwelche Hinweise auf die Herkunft der Kleider?«
»Ja und nein. Es handelt sich um Massenware, Standardausrüstung für Pflegepersonal. Finden Sie in jedem Spital und an tausend anderen Orten. Nach dem Zustand der Fasern zu urteilen, dürfte das Material höchstens zwei Jahre alt sein. Wir kennen die Lieferanten. Dauert eine Weile, alle Lieferungen zu überprüfen.«
»Vielleicht wurden die Sachen gestohlen.«
»Auch daran haben wir gedacht. Ein Schuss ins Leere, wie sich rasch zeigte. Sie glauben nicht, was alles in den Kliniken gestohlen wird.«
Sie deutete auf einen der Beutel, in dem ein schmutziger Stofffetzen steckte. »Was wissen wir über diese Schmutzspuren?«
»Rost und mikroskopische Farbreste, die wir bisher leider nicht zuordnen konnten.«
Sie blickte ihn erstaunt an. Die Analyse solcher Spuren war forensische Routine, dauerte normalerweise keine zwei Stunden. »Wann glauben Sie …«, begann sie vorsichtig, doch er winkte ab.
»Ich weiß, was Sie denken, und ich muss Ihnen leider zustimmen.« Er ließ den Blick betrübt über sein Labor schweifen, während er murmelte: »Wir sind eben erst umgezogen.«
Sie konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. »Ich weiß.«
»Was Sie aber nicht wissen: Einige Apparate sind noch nicht einsatzfähig, zum Beispiel unser MS.«
»Sie haben kein Massenspektrometer?«, rief sie bestürzt.
»Sieht so aus«, gab er kleinlaut zu.
Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Ein modernes forensisches Labor ohne MS mutete an wie ein Büro ohne elektrisches Licht. Der gute Dr. Powers und seine Leute waren sozusagen auf einem Auge blind, solang diese Geräte nicht funktionierten. »In diesem Fall kann ich wohl annehmen, dass es auch kein Gaschromatogramm gibt«, meinte sie mitfühlend.
»Sie vermuten völlig korrekt: Die ganze GC/MS Kette ist außer Betrieb. Und das Beste ist, ich weiß noch nicht einmal, wann wir wieder voll einsatzfähig sind.«
»Na prost!«
Sie schaute ihn eine Weile unschlüssig an. Dieser Zustand bedeutete schlicht, dass die Spuren nicht professionell analysiert werden konnten. Nicht eben beruhigend, wenn sie daran dachte, dass es sich bereits um Leiche Nummer zwei handelte.
»Was machen wir jetzt?«
»Ich habe vor vier oder fünf Tagen den Antrag gestellt, externe Labors zu benutzen, während wir hier nicht arbeiten können. Die Antwort steht noch aus.«
»Warum überrascht mich das nicht?«
»Ich sehe, Sie verstehen unsere Situation. Für die Schreibtischtäter in der Administration bedeutet es kaum mehr als eine Kaffeemaschine, die nicht funktioniert. Vielleicht können Sie mehr Druck aufsetzen.«
»Ausgerechnet ich als blutiger Neuling?«
»Unterschätzen Sie sich nicht. Sie haben das Ohr des DCI, da bin ich mir ganz sicher. Er erkennt Kompetenz sofort, auch wenn er nichts vom Fach versteht.«
Sie schaute ihn misstrauisch an. Nahm er sie auf den Arm? Als sie seinen ernsten, gespannten Ausdruck sah, errötete sie leicht. »Ich kann’s versuchen«, meinte sie unsicher. »Aber das hilft mir in unserm Fall nicht weiter. Sie erwähnten externe Labors. Meinten Sie ein Bestimmtes?«
Er entspannte sich. »Aber sicher«, lächelte er. »Meine Tochter arbeitet als Assistentin im Chemielabor des Imperial College.«
»Zufälle gibt’s. Und ihr Massenspektrometer funktioniert?«
Er brach in schallendes Gelächter aus. »Davon können wir wohl ausgehen«, rief er, »ebenso wie alle andern Geräte, von denen wir hier nur träumen können.«
Beim Blick auf die Uhr erschrak sie. Höchste Zeit, sich zu verabschieden. Der DCI und die rote Zora erwarteten sie in der Pathologie.
»Na, ausgeschlafen?«, brummte DCI Rutherford mürrisch, als sie den Obduktionssaal betrat.
Einer