Die Tote von der Maiwoche. Alida Leimbach
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Читать онлайн книгу Die Tote von der Maiwoche - Alida Leimbach страница 18
»Kein Problem, wirklich. Wenn einer Verständnis für deine Arbeit hat, dann ich. Als Polizisten sind wir es doch gewohnt, dass das Privatleben manchmal hinten anstehen muss. Keine Sorge, ich habe mich nicht gelangweilt. Ich hatte Gelegenheit, mich ein bisschen mit deinen Mitbewohnerinnen zu unterhalten. Yuki und Hoi-Hoi ziehen zum Monatsende aus, das hast du mir nicht erzählt.«
»Habe ich nicht? Es stimmt, sie haben endlich eine bezahlbare kleine Wohnung in der Innenstadt gefunden. Wenn sie nur noch zu zweit wohnen, können sie sich endlich in der Küche ausbreiten, das ist ihnen wichtig. Keiner mehr da, der sich über den Fischgeruch und den brodelnden Reiskocher morgens um 7 aufregt.«
»Traurig?«
»Ein bisschen schon. Ich habe mich an sie gewöhnt. Mit Veränderungen kann ich nicht so gut umgehen. Man weiß nie, was danach kommt. Ist schließlich nicht gesagt, dass es besser wird. Willst du nicht bei mir einziehen?« Sie lachte verlegen. Die Frage war ihr spontan rausgerutscht.
Er seufzte tief. »Ach, Birthe, ich weiß, die Situation ist nicht besonders schön im Moment. Aber Osnabrück gefällt mir nicht sonderlich. Ich bin ja aus Hannover weggezogen, gerade weil ich nicht mehr in einer Großstadt leben wollte. Zum Schluss ist mir alles auf die Nerven gefallen, der Verkehr, die Parksituation in der Innenstadt, zu viele Menschen auf einem Haufen, zu viele Autos, zu viele Fahrräder, die langen Wege. Als Polizist bist du obendrein ganz anders gefordert als in einer beschaulichen Kleinstadt. Ein Kapitalverbrechen passiert bei uns höchst selten. Wir haben es eher mit Körperverletzung, Sachbeschädigungen oder Eigentumsdelikten zu tun. Ab und zu werden wir zu häuslichen Konflikten gerufen. Alles in Maßen. Der Einzelne steht viel stärker unter Beobachtung. Das ist das Gute an einer Kleinstadt oder einem Dorf. Die soziale Kontrolle funktioniert noch. In der Regel benehmen sich die Leute anständiger, wenn es nicht so anonym zugeht. Ich habe mich bewusst wieder für die Küste entschieden, ich mag das raue Klima, die Ruhe und Beschaulichkeit und den Menschenschlag, der gut zu mir passt. Jetzt in eine Großstadt zu ziehen, wäre für mich eine Strafe, auch wenn ich dich liebe und am liebsten rund um die Uhr mit dir zusammen wäre. Komm du doch zu mir! Norden ist einfach perfekt. Es lebt sich gut da. Klein, überschaubar, gemütlich, nicht weit zum Meer … Du findest es doch auch schön. Hast gesagt, dass du glücklich bist in Norden.«
»Natürlich«, sagte sie schnell. »Für ein Wochenende, für einige Tage oder eine Woche. Sogar sehr glücklich. Aber auf Dauer? Für immer?« Es gelang ihr nicht, ihm in die Augen zu schauen. »Dort leben und mich von deinem Kollegen rumkommandieren lassen? Fiete Bontjes ist keine Alternative.«
»Du hättest auch mich als Kollegen«, sagte Henning leicht gekränkt.
»Ja, aber noch lieber habe ich dich ausschließlich als Liebhaber und Partner. Viel, viel lieber! Es ist oft nicht gut, mit dem Partner zusammenzuarbeiten. Das bringt Stress in eine Beziehung.«
»Schade«, sagte er und rieb sich das Kinn. »Das ist mir alles irgendwie neu, und ich muss es erst einmal verdauen.«
»Okay. Und ich hatte gedacht, du würdest gerne zu mir nach Osnabrück ziehen. Ich hatte es gehofft.«
Er seufzte und trank seinen Tee. »Natürlich fehlst du mir. Ich vermisse dich schon im Auto, wenn ich nicht einmal ganz aus Osnabrück raus bin. Dann geht’s mir richtig dreckig, und ich würde am liebsten sofort das Steuer rumreißen und zurückfahren.«
»Offensichtlich reicht das nicht. Also bleibt eben alles beim Alten«, sagte Birthe traurig. »Wenn keiner von uns beiden bereit ist, sein Leben umzukrempeln und einen Neuanfang zu wagen.«
»Du kannst mir keinen Vorwurf machen, wenn du selbst nicht bereit für eine Veränderung bist. Ich habe dich mehr als einmal gefragt, ob du zu mir ziehen willst. Es muss nicht bei meiner jetzigen Bude bleiben. Wir können uns gemeinsam eine größere Wohnung suchen. Mit zwei Einkommen haben wir mehr Spielraum. Ich hätte Spaß dabei, alles mit dir einzurichten. Weißt du noch, wie wir neulich zusammen durch das Norder Möbelhaus gestreift sind und uns vorgestellt haben, wie unser gemeinsames Wohnzimmer aussehen würde? Die Küche? Das Schlafzimmer? Wie wir unser Nest geplant haben und uns bei den meisten Dingen einig waren?« Seine Stimme hatte einen weichen Klang angenommen.
Birthe schwieg. Sie hatte keine Lust auf Diskussionen dieser Art, fühlte sich gegängelt und unter Druck gesetzt. Sie hatte sich auf Henning gefreut und Pläne für das Wochenende geschmiedet. Stattdessen saßen sie nun zusammen bei einer Tasse Tee und machten sich gegenseitig das Leben schwer.
Ihre Beziehung hatte vor fast einem Jahr begonnen. Im letzten Sommer hatten sie sich kennengelernt, als Birthe von ihrem Chef für einige Tage an die Küste geschickt worden war, um zu ermitteln. Ein Osnabrücker Schulleiter war auf einer Landstraße kurz vor Norddeich auf dem Weg zu seiner Geliebten tot aufgefunden worden. Henning Achterdiek war einer der Beamten der Norder Polizeiinspektion, mit denen sie zu tun gehabt hatte. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen. Schnell hatten sie Gefühle füreinander entwickelt. Doch auf die wenigen Tage und Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, war sogleich eine längere Trennung gefolgt.
»Ich möchte heute nicht darüber reden«, bat Birthe. »Bitte versteh das, Henning. Ich habe anstrengende Vernehmungen hinter mir und bin einfach durch. Mich beschäftigt der Tod der jungen Sängerin sehr. Ihre Eltern sind fix und fertig. Ihnen die Todesnachricht zu überbringen, hat mich unendlich viel Kraft gekostet.«
Mit einem weicheren Ausdruck sah er sie an. »Okay, ich verstehe das. Wir müssen nichts übers Knie brechen.«
Sie rückte zu ihm hin und schlang beide Arme um seinen Hals.
»Wir wollen nicht streiten, oder?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich in seine Halsbeuge. Er duftete nach seinem vertrauten Rasierwasser, nach seinem Duschgel, einfach nach Henning. Sie konnten später weiterreden, irgendwann, irgendwo. Aber nicht heute.
»Wollen wir nachher zur Maiwoche?«, fragte er. »Erst was Schönes kochen, dann ein bisschen kuscheln und danach ziehen wir los? Ich war noch nie dort. Du wolltest mir alles zeigen.«
Birthe nickte müde. »Mal sehen«, sagte sie. »Erst ein bisschen liebhaben.« Sie schloss die Augen und genoss seine sanfte Nackenmassage.
Später bereiteten sie gemeinsam das Essen zu, Spaghetti Bolognese mit buntem Salat und Wein, zum Nachtisch sollte es heiße Früchte auf Vanilleeis geben. Sobald sie mit Henning zusammen war, war alles gut. Sie genoss jeden Augenblick mit ihm, egal, ob sie etwas unternahmen oder zu Hause blieben, kochten und dabei redeten wie eben gerade und es sich vor dem Fernseher gemütlich machten – Arm in Arm auf dem Sofa unter einer weichen Decke eingekuschelt. Wenn nur nicht immer wieder die bevorstehende Trennung wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen und sie vor einen Haufen Probleme stellen würde!
Nach dem Essen schliefen sie miteinander. Sie liebten es, die nackte, warme Haut des anderen zu spüren, den Duft des anderen einzuatmen, der vertrauten Stimme zu lauschen und sich in der Gegenwart des anderen zu verlieren. Lange lagen sie noch nebeneinander, vernahmen den Herzschlag des anderen und verloren jedes Gefühl für Raum und Zeit.
Kapitel 8
Sonntag, 07. Mai
Am Sonntagmorgen frühstückten sie lange in Birthes großem Zimmer. Birthe fühlte sich sehr wohl in dem Raum mit dem glänzenden Parkettboden, dem Stuck an der hohen Zimmerdecke, dem spanischen Kronleuchter aus der Jugendstilepoche und dem interessanten Sammelsurium, das sich im Laufe der Jahre dort angesammelt hatte. Es war ein inspirierender