Das Alphabet. Hugo Kastner

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Das Alphabet - Hugo Kastner marixwissen

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Frucht einer bereits mindestens hundert bis zweihundert Jahre langen Entwicklung an. Unsere Buchstaben könnten also in der Tat nahe dem Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus auf Sandstein geschrieben worden sein – so interpretierte das zumindest Gardiner. Doch vielleicht geschah dieses „Wunder“ nicht unbedingt auf Sinai.

      Die frühe Keilschrift

      Die archäologischen Grabungen im Orient blieben nicht auf das frühe 20. Jahrhundert beschränkt. 1929 machten weitere überraschende Funde Schlagzeilen, diesmal in der kanaanäischen Stadt Ugarit, nahe dem nördlichen Abschnitt der Mittelmeerküste des heutigen Syrien. Mehr als tausend Inschriften mit geometrischen Ausformungen (Grundelemente: waagrechte, senkrechte und schräge Keile), von Sprachforschern als Keilschrift bezeichnet, zeugten von einem weiteren möglichen Geburtsort des Alphabets. Diese Formen entstanden offensichtlich dadurch, dass mit Schreibgriffeln Kerben in den noch weichen Beschreibstoff Ton geritzt wurden. 1300 bis 1200 v.Chr. mussten diese keilförmigen Zeichen entstanden sein – so weit ist die Datierung sicher. Handelskorrespondenz, Steuerbücher und zahllose behördliche Notizen, jeweils mit dreißig Zeichen geschrieben, sind der Ausdruck der wirtschaftlichen Zentralstellung dieser Stadt. Mit nur 27 „Buchstaben“ wurden dagegen religiöse Texte geschrieben, die, wie sich später herausstellte, sowohl in der Wortwahl wie auch in den Geschichten eine große Ähnlichkeit mit denen des Alten Testaments zeigen. Haben wir hierin vielleicht sogar die frühesten biblischen Texte zu sehen? Zu verneinen ist diese Frage keinesfalls, klare Beweise sind allerdings auch nur schwer zu finden. Ein nahe der türkischen Küste gehobenes Schiffswrack brachte zudem die damals über Ugarit gehende Handelsware zutage: Werkzeuge aller Art, Kupfer und Zinn, Glasbarren, Fayence- und Bernsteinperlen, Schmuck, vor allem aus Elfenbein, Tonwaren, Textilien und Bauholz. Zehn Sprachen und mindestens fünf Schriften waren in dieser Stadt bekannt, doch schien bis zur Schaffung der ugaritischen Alphabetschrift die akkadische Keilschrift verwendet worden zu sein. Möglicherweise war diese für die immer mehr an Bedeutung gewinnenden semitischen Händler zu umständlich und unsicher geworden. Jedenfalls entstanden im oben angegebenen Zeitraum völlig neue, aus exakt dreißig Buchstaben bestehende Keilschriftzeichen, und damit war ein vollwertiges Alphabet geschaffen. Für die Ausformung unserer heutigen Buchstaben hat diese Linie der Alphabet-Geschichte allerdings nur geringe Bedeutung.

      Weitere Funde im heutigen Israel sowie im nördlich angrenzenden Libanon, die stark an die Sinai-Zeichen erinnern, zeigen Buchstaben, die mit Tinte auf Haushaltsgegenstände und Waffen gemalt worden waren. Ein Dolch, der auf 1650 v. Chr. datiert wird, sowie weitere (mehrere Dutzende) Gegenstände wechselnden Alters, jedenfalls vor 1200 v. Chr., vermitteln eine Vorstellung von der Verbreitung des Alphabets im damaligen Kanaan. Denn je weiter südlich – also im heutigen Israel – ausgegraben, desto älter sind die Fundstücke. Ein Bruchstück enthält gar eine Liste von 22 Buchstaben – eine mit dem späteren phönizischen Alphabet identische Anordnung. Das wusste man allerdings erst, nachdem vergleichende Studien mit dem Hebräischen diese Reihenfolge bestätigten. Mehr dazu in einem späteren Kapitel. Sprachforscher bezeichnen all diese Funde heute als proto-kanaanäische Inschriften. Wie schon die Funde auf der Halbinsel Sinai ist auch dieses Alphabet das Werk eines semitischen Volkes. Da die Phönizier als direkte Nachkommen der Kanaaniter anzusehen sind, schien bis zum Ende des 20. Jahrhunderts vielen Linguisten die Levante als Wiege des Alphabets wahrscheinlich; als Entstehungszeit wurde etwa 1750 v. Chr. angenommen.

      Der zweite Durchbruch

      Das Bild vom Ursprung unseres Alphabets um 1750 vor unserer Zeitrechnung schien also seit Gardiners Artikel unveränderlich, gleichsam „in Stein gemeißelt“. Dann jedoch die Sensation – ein neuer Fund! Im letzten Jahr des 20. Jahrhunderts werden alle bisherigen Spekulationen zum Ursprung des Alphabets neuerlich über den Haufen geworfen. Wie seinerseits Petrie war ein weiterer Ägyptologe, im Auftrag der Yale University, auf den Spuren des altägyptischen Straßenbaus. John Coleman Darnell führte in Begleitung seiner ebenfalls als Ägyptologin tätigen Frau Deborah eine breit angelegte Feldforschung durch, um die Landverbindungen der Städte am Nil untereinander und die Zugangsstraßen zum Roten Meer zu untersuchen. Immerhin war diese Infrastruktur für Karawanen, Soldaten und Boten aller Art enorm wichtig. Schon im Herbst 1992 machte das Ehepaar Darnell eine interessante Entdeckung im von Wüste umgebenen Hügelland, ca. 45 km nordwestlich von Luxor, dem antiken Theben: ein sehr gut erhaltenes Stück einer fast viertausend Jahre alten Straße. Offensichtlich war es ein Teil einer Verbindung zwischen dem königlichen Theben und der nördlich gelegenen Stadt Abydos. Das Tal, in dem dieser Straßenabschnitt lag, dürfte in den letzten Jahrtausenden weitgehend unberührt geblieben sein. Zumindest ließen die vielen kleinen Bruchstücke, die allerorts zu finden waren, diesen Schluss zu. Jedenfalls konnten hier noch keine „Räuber“ ihr Unwesen getrieben haben. Dennoch stellten die Darnells bald anhand von wenigen Fotos und Notizen fest, dass bereits 1936 ein britisches Archäologenteam durch dieses Tal gezogen sein musste. Da dieser Platz so trostlos und gottverlassen schien, hatte man ihm den Namen Wadi el-Hol gegeben, arabisch für „Tal des Schreckens“. Was für ein Name für einen Ort, an dem eine wahre Weltsensation auf ihre Entdeckung wartete! Auf den glatten Felswänden (Darnell sprach von „blackboard-like sheets of rock“; dt.: tafelgleiche Felswände) waren sogenannte Felsinschriften im Stil von Gedenk-Botschaften des altägyptischen Militärs zu sehen: eine Mischung aus Hieroglyphen und hieratischen Symbolen, einer vereinfachten Schreibweise, die im Mittleren Königreich zwischen 2000 und 1600 v.Chr. immer mehr Anhänger fand. Da Ägypten zu dieser Zeit immer wieder feindlichen Angriffen ausgesetzt war, wurde gerade im Bereich dieser Fundstätte ein starkes Patrouille-System auf Kamelen aufgebaut. In der einsamen, von Sand- und Felswüste geprägten Gegend entstand eine nur allzu verständliche Tradition, nämlich Erinnerungs- und Gedenk-Botschaften in den Fels zu ritzen, frühe Graffiti sozusagen, wie der moderne Jargon unserer Zeit diese bezeichnen würde. Fast wirkten diese Worte wie Grabinschriften für noch lebende Menschen. Name, Titel, Danksagungen an eine Gottheit, und vielleicht kurze Gebetsworte – das war es, was zukünftige Generationen an Militärpatrouillen an diesem öden Dienstort in der Fels- und Sandwüste Ägyptens an ihre Vorfahren erinnern würde und womöglich den Seelen der Betroffenen im Jenseits helfen sollte.

      Bei seinem dritten Besuch 1994 bemerkte Darnell zu seiner völligen Verblüffung zwei seltsame Inschriften, aus sechzehn und zwölf Zeichen bestehend und in Schulterhöhe im Sandstein angebracht. Er, der erfahrene Ägyptologe, konnte diese nicht entziffern, nicht einmal im Ansatz erahnen, welche Gedanken dem Schreiber vor undenklichen Zeiten durch den Kopf gegangen sein mussten. Ungläubig identifizierte Darnell das Bild eines Ochsenkopfes, das Zeichen für eine Wellenlinie, ein Strichmännchen mit ausgebreiteten Armen, Kreuze, und einige weitere Zeichen. Und sofort dachte Darnell an die seit fast einem Jahrhundert bekannten Sinai-Inschriften. Doch welche Botschaft verbarg sich hinter diesen Zeichen? Die Ähnlichkeit mit den Sinai- und Kanaan-Funden war verblüffend, doch trotz aller Bemühungen internationaler Experten konnte bis heute keine Entzifferung gelingen, vor allem wegen fehlender Schlüsselwörter. Was allerdings diese Inschrift so sensationell macht, ist das mit ziemlicher Genauigkeit festgestellte Alter. Die Hauptaktivität auf den Schutzstraßen bei Wadi el-Hol lag um 1800 v. Chr., und damit dürften auch diese Zeichen um diese Zeit entstanden sein. Wie schon bei den anderen Entdeckungen zum Alphabet, ist auch hier eine gewisse Vorlaufzeit von 150 bis 200 Jahren anzunehmen. Die Entstehung des Alphabets könnte daher sogar rückdatiert werden und somit um das Jahr 2000 v. Chr. anzusetzen sein. Jedenfalls spekulierte die Schlagzeile auf der Titelseite der New York Times im November 1999 mit dieser Möglichkeit: „Finds in Egypt Date Alphabet in Earlier Era.“ Darnells persönlich geäußerte Vermutung, die auf genauen Vergleich der wenigen Zeichen mit Hieroglyphen baut, ist nicht so ohne weiteres vom Tisch zu wischen. Die Erfinder des Alphabets hatten zweifelsfrei bei den Hieroglyphen Anleihe genommen, und zwar bei exakt den Ausformungen, die um ca. 2000 v. Chr. üblich waren. Besonders verräterisch schien ihm dabei das M, die Wellenlinie, die insgesamt viermal in der Abbildung zu sehen ist. Normalerweise wurde diese, später „mem“ genannte, Hieroglyphe horizontal geschrieben, mit Ausnahme einer kurzen Zeitspanne um 2000 v. Chr. Und dieser „Wadi el-Hol“-Buchstabe war eindeutig vertikal orientiert! Hatten die beiden Darnells also als erste Menschen seit Jahrtausenden die frühesten Zeugen unseres Alphabets erblickt? Die Vermutung liegt nahe, doch bleiben viele Rätsel

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