Selfie. Justine la Mour

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Selfie - Justine la Mour

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mehr, nie hat es Jean gegeben. Drei Jahre reichen, wozu sich noch weiter quälen? Kita und Job, Job und Kita, ihr Leben ist geregelt. Wozu braucht sie noch einen Ehemann? Ihre große Liebe wartet auf sie, irgendwo da draußen, sie wartet und wartet, schon lange wartet sie, schon immer. Jetzt ist sie da, ein jugendlicher Lockenschopf, ein Dichter und Denker, Leonardo.

      Der Tag, an dem sie ihn rauswirft, den Vater ihres Kindes, den zukünftigen Ex, den ehemals Geliebten, sein Gesicht nicht mehr sehen kann, seine Stimme nicht mehr hören, seinen Gang nicht mehr ertragen, ist ein Frühlingstag mit hartnäckigem Nebel am Morgen. Sie hasst alles an ihm, was sie einmal geliebt hat. Seine winzigen weißgrauen Härchen auf dem Kopf wie der Pflaum eines Babies, seine Hüften, sein Bauchspeck, die wulstigen Lippen, die immer gleichen Sätze, die aus seinem Mund fallen wie aus den Bäuchen ihrer Kinderpuppen, die in der Mitte aufgedreht werden konnten und aus denen winzige Schallplatten mit Standardsätzen hallten:

      Ich habe Hunger. Gib` mir ein Stück Schokolade. Ich bin müde. Bring` mich zu Bett. Hab´ mich lieb. Eine ganze Sammlung Schallplatten, die im Bauch der Puppe zu sprechen beginnen, grasgrüne, pinke und grellgelbe Plastikscheiben angefüllt mit Befehlen aller Art. Vielleicht erscheint es ihr nur so als würde er ständig dasselbe sagen, vielleicht spricht er mit anderen über andere Dinge, tagsüber wenn sie sich nicht sehen. Sie weiß es nicht, zu Hause kreisen immergleiche Sätze wie lästige Fliegen um sie herum und sie quält sich mit dem Gedanken, ihn zu verlassen seit sie ihn kennt. Sie dehnen sich aus, die Wochen vor ihrem Entschluss, manchmal reicht die Art wie er auf einem Stück Apfel kaut, so langsam, als würde sie den ganzen Abend nichts anders zu tun haben als am Tisch zu sitzen und ihm zuzuschauen. Die Höflichkeit ermahnt sie, sitzen zu bleiben bis der letzte am Tisch aufgegessen hat, immer ist er der letzte. Er zermalmt den Apfelbissen, den er zuvor klein geschnitten hat, die Stücke sind winzig, er könnte sie einmal durchbeißen und hinunterschlucken, stattdessen kaut er auf ihnen herum wie auf Kaugummi, das Kauen an sich scheint ihm Freude zu bereiten.

      Legt er es darauf an, soll sie diejenige sein, die die Familie zerstört, soll sie Schluss machen, dem Elend ein Ende bereiten? Was regt sie sich auf, er ist Charlottes Vater, nichts weiter, sie wohnen zusammen, nichts weiter.

      Und dann, eines Tages doch, das übergelaufene Fass am Freitagabend. Es hat nichts mit ihm zu tun, immer wieder dieser Gedanke, es hat nichts mit ihm zu tun wie es ihr geht. Und doch wäre alles anders wenn er fort wäre. Wenn er geht, geht alles, was sie an ihrem Leben stört. Die verquollene Luft, die Langsamkeit, die Ödnis. Das stundenlange Kauen beim Essen, der laufende Fernseher am Abend, das Gesicht, vor allem dieses Gesicht. Mit ihm wird verschwinden, was sie stört, schon immer gestört hat, immer stören wird. Auf der Fahrt nach Hause schwitzt sie im Auto, die Klimaanlage ist defekt, die Strümpfe kleben an ihren nicht mehr frisch rasierten Beinen, unter den Achseln spürt sie Nässe, die sich in dunklen Flecken ausbreiten wird. Sie kann es nicht gleich beim Eintreten in die Wohnung sagen, muss Geduld haben bis Charlotte im Bett liegt und schläft. Nicht mehr nachdenken, nachdem der Entschluss feststeht, nicht mehr grübeln, in Zweifel ziehen. Ich will, dass du ausziehst. Der Satz hallt in ihr nach und umkreist ihre Gedanken, er mischt sich überall ein, sie wird ihn nicht mehr los, die Stimme lauter und deutlicher, jedes Wort, jeder Buchstabe wie in Leuchtschrift vor ihren Augen tanzend.

      Ich will, dass du ausziehst. Noch immer nicht ausgesprochen, das Echo in ihrem Kopf, es wird verhallen wenn sie die Worte ausspricht, hört, ein Gegenüber darauf reagiert. Einmal ausgesprochen wird es kein Zurück mehr geben, sie weiß es und doch, sie muss es tun. An diesem Abend schläft Charlotte schlecht ein, sie wälzt sich, steht wieder auf, geht zur Toilette, wieder ins Bett, wieder zur Toilette, wieder ins Bett und noch einmal wieder und wieder. Justine sitzt auf dem Sofa, der Fernseher läuft, ein Fußballspiel, er wirkt müde, die Augen fallen ihm immer wieder zu. Wenn sie den Satz jetzt nicht ausspricht ist er eingeschlafen bevor sie dazu kommt. Der zu sagende Satz liegt auf ihrer Zungenspitze, will heraus, Worte drängen vor, sie beißt sich auf die Lippen, fest, ganz fest. Das Flimmern der Fernsehbilder auf dem Flachbildschirm, die weichen Ledersessel, in denen es sich bequem schlafen lässt, der gedämpfte Ton, das gedimmte Licht der Stehlampe. Charlotte tapst hin und her, sie legt sich zu ihr ins Bett, hört ihre Herzschläge und Atemzüge, betrachtet das Zucken ihrer Wimpern, die blaugeäderte Haut der Lider hinter der dunkle Wolkenträume heraufziehen. Die Atemzüge unregelmäßig, die Herzschläge holprig, sie dämmert und genießt die Wärme des kleinen Körpers, fast schläft sie selbst ein. Der Mond wirft sein fahles milchigweißes Licht durch die Vorhänge, Justines Augen sind geschlossen, lange hat sie gewartet bis Herzschläge und Atemzüge gleichmäßig und ruhig klingen. Da taucht ein Satz auf, den sie gar nicht gebrauchen kann: Morgen ist auch noch ein Tag. Sie verwirft ihn wieder, sucht nach dem anderen Satz in ihrem Kopf, der mitsamt seinem Widerhall verschwunden zu sein scheint, der Satz, der dazu führen soll, dass morgen nur noch zwei Menschen in dieser Wohnung leben. Charlotte und Justine, Justine und Charlotte. Sie steht auf, in ihrem Innern ein Befehl, sie läuft ins Wohnzimmer, er sitzt vornübergebeugt mit dem Kopf auf der Brust auf einem der Sessel, von hinten wirkt er fast kahl, schutzlos. Noch immer flimmert das Fußballspiel über den Bildschirm, werden Wiederholungen in Zeitlupe gezeigt, kommentiert eine Stimme im Flüsterton das Geschehen. Wenn er eingeschlafen ist, wird sie ihn nicht wecken, das wäre zu hart, öffnet er die Augen, ja, sonst nein. Sie geht um den Sessel herum und schaut in sein Gesicht, er schlägt die Augen auf, sie kann nicht mehr zurück, das ist er selbst schuld, hätte er geschlafen, wäre alles anders gekommen. Sie sagt den Satz. Er zuckt zusammen und setzt sich gerade wie ein ertappter Schuljunge, sein Gesicht erschrocken, aber gefasst. Jetzt gleich? Soll ich jetzt gleich gehen? Jetzt gleich? Kein Anzeichen von Überraschung, eher Gefasstheit nach wenigen kurzen Atemzügen, er umfasst sein Bierglas und nimmt einen Schluck. Sie versteht, er begreift nicht, was vor sich geht, reagiert nur mechanisch, will sich keine Blöße geben. Es ist fast Mitternacht und sie müsste längst schlafen, auch wenn morgen Samstag ist, auch dieser Tag verpflichtet sie zu vielem, auch dieser Tag ist nicht geschenkt. Morgen, morgen kannst du in Ruhe packen. Ihre Stimme klingt versöhnlich und ruhig, als ginge er auf eine längere Reise bei der sie ihn nicht begleiten könnte. Morgen, morgen Abend, morgen. Er nimmt noch einen Schluck, trinkt, weiße Schaumbläschen bleiben im Glas zurück als er es mit einer zu entschlossenen Bewegung wieder absetzt.

      Der Morgen, grau und nebelverhangen, naht eher als erwartet, noch unklar, ob sich die Sonne im Verlauf des Tages zeigen wird. Eine Mondsichel ragt fahl aus der Wolkendecke auf. Justine trägt Charlotte ins Auto, sie will vor seinem Erwachen fort sein, reißt den Mantel vom Bügel, duscht nicht, kämmt sich nur flüchtig das Haar und fährt los. Was wollte sie? Warum ist sie so lange geblieben? War ihre Liebe nicht schon vor der Schwangerschaft mit Charlotte vorbei gewesen? Endete sie nicht spätestens an einem Nachmittag beim gemeinsamen Kuchenessen als er ein Kreuzworträtsel löste und sie lange Zeit zusah wie sich die Buchstaben mit dem Kugelschreiber in die Kästchen einfügten und auf einmal schrie, laut aufschrie: Wie kann ein Mann mit einer Frau wie mir Kreuzworträtsel lösen? Das kann nicht sein, das ist nicht möglich, das geht nicht. Er sah nicht auf, immer wenn er mit ihr sprach blickte er weiter nach unten auf die Zeitung oder in sich hinein und auch wenn er einmal den Kopf hob und in Richtung ihrer Augen blickte, schien er hindurch zu schauen, als sei sie nicht anwesend, als müsse er zu einem unsichtbaren Gegenüber einen auswendig gelernten Text sprechen wie ein schlechter Schauspieler. Die vielen Männer, mit denen sie eine andere war, früher, vor ihm, jung und schön, eine Königin der Nacht mit übersprudelnden Ideen, Fantasien, Schätzen, die aus der Tiefe emporstiegen und in einem bunten Feuerwerk Funken durch den Alltag sprühten. Göttin statt Gattin, gefeierte Herrscherin über Liebe und Triebe.

      Und später hellblaue Strampler, Milchflecken, Geschrei, die Mutterrolle holt sie ein, spät, sehr spät, aber noch rechtzeitig, gerade noch rechtzeitig. Lange schrille Schreiphasen, durch nichts zu verändern, ihr Körper ausgezehrt, die Brüste prall und schwer hängend wie Fremdkörper, die Hüften zu beiden Seiten angewachsen, nicht mehr sie selbst. Und wieder ein Wandel, innerhalb weniger Jahre wieder Umschwung, sie selbst schlank, fit, beruflich engagiert, sie, die Karrierefrau. Jetzt ist alles anders, jetzt, wo der Satz gesagt ist. Powershopping und Ladiesday mit Charlotte am Morgen danach, einen Samstag lang Atempause vor dem Männerwechsel gönnen sie sich. Der frühe Morgen mit nebliger

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