Humania. Walter Rupp

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Humania - Walter Rupp

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vierzig- bis fünfzigjährigen Humanier beteuert, er zöge - sollte die Katastrophe nicht aufzuhalten sein - einen schnellen kollektiven Tod der Menschheit dem individuellen Sterben vor, das erspare ihm das Nachdenken über den Wert oder Unwert seines Lebens während einer langen Krankheit. Im übrigen glauben nur wenige, dass das Weltende ausgerechnet zu ihrer Zeit eintrete, nachdem es doch dafür noch viele andere Zeiten gibt.

      Bei den Essgewohnheiten fiel mir auf, dass sich die Humanier widersprüchlich verhalten. Auf der einen Seite legen sie auf gesunde Nahrung großen Wert, kaufen nur geprüfte, nicht gespritzte und ökologisch einwandfreie Nahrungsmittel ein, achten beim Zubereiten genau darauf, dass das Verhältnis zwischen Ballaststoffen, Kalorien und Vitaminen stimmt, und bemühen sich, beim Essen nicht alles, was schmeckt, wahllos in sich hineinzustopfen. Andererseits aber zeigen sie sich, wenn es um die Aufnahme geistiger Inhalte geht, auffallend sorglos: Sie nehmen ungeprüft und unbekümmert auf, was ihnen an Lektüre in Wartezimmer, in Magazinen, in Hörfunk- oder Fernsehprogrammen und an Kiosken angeboten wird, auch wenn es höchst unbekömmlich ist und Blähungen im Gehirns auslöst. Sie wissen zwar genau, was sie ihrem Magen zumuten dürfen, nicht aber, was ihren Gehirnzellen schadet.

       Der Weltraumflughafen Cap Canaveral konnte die verbindliche Zusage machen, es sei möglich, zwei Sekunden vor einem eventuellen Weltuntergang die Startrakete ‘Noach’ zu zünden. Probleme bereite nur die Auswahl des für ein Weiterleben auf einem noch zu bestimmenden Planeten wertvollsten Menschenpaares. Es müsse mit hoher ethischer Gesinnung, hochwertigem genetischem Erbmaterial und einer weltanschaulich neutralen Gesinnung ausgestattet sein. Man suche einen Mann mit vorwiegend weiblichen, und eine Frau mit ausschließlich männlichen Eigenschaften, damit bei einem Neuanfang der Menschheitsgeschichte endlich mit einem Matriarchat begonnen werden kann.

      ‘News’, das Magazin des kommenden Jahrtausends

      Tierwelt

      Beim Erforschen der Tierwelt wäre ich wohl nicht sehr weit gekommen, hätte mir nicht ein Alfred Brehm geholfen, den ich falsch einschätzte und nie für einen unübertrefflichen Experten auf dem Gebiet des Tierlebens gehalten hätte. Er öffnete mir die Augen für die zahlreichen exotischen Lebewesen, die in Humanien zu finden sind. So ähneln manche, wegen ihres ausgeprägten Herdeninstinktes, und weil sie über die Grimasse miteinander kommunizieren, den Schimpansen; manche, weil sie Probleme durch Niedertrampeln unkenntlich machen können, Büffeln; andere, die unvermutet große Sprünge in die eine und dann in die entgegengesetzte Richtung machen, Hirschen; wieder andere, die sich schwere Lasten aufbürden lassen, Eseln oder nichthöckrigen Kamelen. Am häufigsten verbreitet sind die verschiedensten Arten von Kriechtieren, die sich mit Hilfe einer starken Schleimabsonderung langsam, aber stetig fortbewegen, und die Schafe, die außerordentlich gefräßig sind und täglich alle Illustrierten, deren sie habhaft werden können, Wort für Wort verschlingen.

      Brehm warnte mich vor allem vor den Haien, die ihr Opfer so lange verfolgen, bis es seine Ersparnisse hergibt, vor den zierlich wirkenden Miezen, die nach sorgfältiger Krallenpflege ihre Jagd beginnen, und nur von erfahrenen Dompteuren zu zähmen sind; vor den duften Bienen, die mit Stichen, und vor den Würgeschlangen, die mit heftigen Umarmungen ihre Opfer zugrunde richten.

      Überall im Lande konnte ich unter den ökologisch eingestellten Humaniern die Forderung hören, man müsse endlich auch in jedem Zoo jedem Tier den ihm von der Natur gewährten Bewegungsraum zur Verfügung stellen. Oft hörte ich Bedauern, dass es noch immer nicht gelungen sei, für die Tierheit ein eigenes Siedlungsgebiet zu reservieren, damit sie künftig nicht mehr gezwungen sei, mit dem Menschen zusammenleben zu müssen, der doch bekanntlich der ärgste Feind der Tiere ist und mehr als jedes andere Tier zu deren Dezimierung - und häufig zu deren Ausrottung - beigetragen hat.

       Schäferhund, zwölfeinhalb Jahre alt, mit guten Manieren, wünscht sich für seinen Lebensabend ein älteres Damchen oder Herrchen, das ihm Unterhalt und Verpflegung gewährt. Als Gegenleistung nimmt er jede Art von Liebkosungen entgegen.

       Kanarienvogel, seiner Einsamkeit überdrüssig, möchte, um nicht mehr allein piepsen zu müssen, mit einem Beamten oder einem Studenten zusammenziehn.

       Jung verheiratetes Floh-Ehepaar ist bestrebt, nach einem glücklich überstandenen Kleiderbad eine neue Existenz aufzubauen. Es bevorzugt eine Wohngemeinschaft in einem Gammlerhemd.

       Papagei, der fließend bajuwarisch spricht, bewirbt sich zwecks sprachlicher Weiterbildung um Aufnahme in eine kinderreiche Familie, in der schwäbisch oder sächsisch als Umgangssprache üblich ist.

       Zierfische, seit 17 Jahren im Süßwasser lebend, wünschen dringend eine Ortsveränderung. Sie bieten als Gegenleistung ein beheiztes Aquarium mit Sandboden und umweltverträglichen Wasserpflanzen an, außerdem einen einmaligen Panoramablick, und die Möglichkeit, exotische Menschentypen zu begaffen.

       Suchanzeigen des Tierschutzbundes

      Geschichte

      Als ich mich für die Geschichte des Landes zu interessieren begann, war ich ganz auf mich gestellt. Die Leute konnten mir nicht weiterhelfen, weil sie sich ausschließlich für ihre persönliche Vergangenheit interessieren. Sonst sind die Humanier mit ihrer Geschichte überaus zufrieden, mit der ihrer Nachbarn jedoch nicht. Wie der weise Sokrates sagen sie gerne, wenn sie in die Vergangenheit zurückblicken: „Ich weiß nichts! Ich habe von all dem nichts gewusst und möchte davon auch nichts mehr wissen!“

      Leopold von Ranke, ein bereits pensionierter Geschichtslehrer eines Gymnasiums, war überglücklich, zum ersten Mal in seinem Leben jemanden gefunden zu haben, der sich für Geschichte interessiert und war sofort bereit, mich, trotz seiner doch beträchtlichen Gedächtnislücken, in die wichtigsten historischen Ereignisse Humaniens einzuführen. Er erklärte mir die Regierungszeiten der verschiedenen Herrscher, ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zu anderen Herrscherhäusern, wieviele Ehen sie eingingen und wieviele Kinder als ehelich anzusehen sind, ihre Raubzüge, Niederlagen oder Siege. Er meinte, da das Volk nur selten einmal gegen einen Herrscher aufgestanden ist, sei es unbedeutend. Auch Entdeckungen, Erfindungen oder die Werke großer Künstler, wären nicht der Erwähnung wert, weil das geistige Errungenschaften sind.

      Da die Humanier in jedem Jahrhundert mehrmals Kriege führten, sind sie kriegserfahren wie kaum ein anderes Volk. Zahlreiche Heldenfriedhöfe, Kriegerdenkmäler, Gedenktafeln oder Gedenkstätten, die allerorten errichtet wurden, zeugen von ihrer steten Bereitschaft, für hohe Ideale Menschenopfer zu bringen. Hohe Ideale sind bei ihnen: der Gewinn von Ländereien, Machtzuwachs und die Demonstration der eigenen Überlegenheit. Die Humanier haben allerdings immer nur dann Kriege geführt, wenn sie sich dazu gezwungen sahen: wenn ein Gegner Schwächen zeigte oder wenn ein überraschender Überfall Vorteile versprach.

      Außerhalb der Kriege sind sie stets bemüht, ihre Feindseligkeiten nicht über den engeren Verwandten- und Bekanntenkreis hinaus auszudehnen. Sie achten sehr darauf, ihre Feinde womöglich nur seelisch zu verwunden. Haben sie einmal einen Feind ausgemacht, sind sie sehr tapfer. Sie verfolgen ihn dann so lange, bis er auf alle Forderungen eingeht und kapituliert. Vor ihren Feinden schützen sie sich, indem sie Verleumdungen gegen sie ausstreuen, sie mit einem Wortschwall einschüchtern oder sich hinter Mehrheiten verstecken. Dreißigjährige Kriege werden eigentlich täglich geführt, wenn eine Ehe nicht rechtzeitig geschieden wurde oder das gespannte Verhältnis zu Bekannten und Kollegen nicht entspannt werden konnte. Nachdem die Helden, die Humania zu allen Zeiten hervorgebracht hat, fast ausnahmslos

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