Verdammte Erinnerung. Carlo Fehn

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Verdammte Erinnerung - Carlo Fehn

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bedeutenden Wortwechsel schon eine beachtliche Strecke zurückgelegt hatten und nach einer Art Kehrtwende bereits wieder auf dem Rückweg waren, schaute Pytlik auf seine Uhr.

      „Zehn! Das könnte ganz gut hinkommen. Wenn ich mich nicht irre, müsste es da vorne bereits zum See runter gehen.“

      „Wenn du dich nicht irrst? Und wenn du dich irrst?“ Lydia war nicht wirklich bang, sie war gut trainiert.

      „Wenn ich mich irre? Dann rufe ich Cajo an. Sondereinsatz.“

      Cajo Hermann war Pytliks rechte Hand und die Zuverlässigkeit in Person. Pytlik lachte Lydia leise an und legte mit ein paar schnellen Schritten einen Zwischenspurt ein, wobei er ähnlich einer Dampflok die kalte Luft angeberisch in den Himmel blies.

      „Na, warte!“ Als Lydia den Hauptkommissar nach einigen Metern eingeholt hatte und beide wieder im Gleichschritt nebeneinander herliefen, war tatsächlich durch eine Baumgruppe der Windheimer Ölschnitzsee zu sehen.

      „Da!“ Pytlik, leicht außer Atem, schob das Kinn nach vorne, um Lydia zu zeigen, was er gesehen hatte.

      „Wow, ist ja ein Hammersee!“ Die Ironie in Lydias Stimme war nicht zu überhören, Pytlik nahm die Rolle des geforderten Verteidigers aber erst gar nicht an.

      „Ich schlage vor, wir laufen rechts bis vor zum Seehaus, dann links auf die Überlaufbrücke und danach hoch in den Wald. Eine Viertelstunde noch, dann sind wir am Auto. Da kannst du noch mal zeigen, was du drauf hast.“

      „Das schwör’ ich dir aber“, gab Lydia selbstbewusst zurück und ließ Pytlik mit einem leichten Rempler fast aus dem Gleichgewicht geraten, was dieser mit einem jugendlichen „Ich krieg dich!“ quittierte und ihr hinterher rannte. Die Wogen schienen geglättet.

      Der Ölschnitzsee - bei den Einheimischen schlicht der Freizeitsee genannt - war nach seinem Bau Mitte der 1980er Jahre zu einem beliebten Ausflugsziel über die Gemeindegrenzen hinaus geworden. Klein, aber fein, taugte er nicht nur an heißen Sommertagen für eine willkommene Abkühlung, sondern bot Ausflüglern aus Nah und Fern zu jeder Jahreszeit eine gute Gelegenheit, die Natur zu genießen.

      Pytlik war einige Male mit Justus Büttner auf ein Feierabendbier hier gewesen und hatte mit seinem langjährigen Gefährten und Leiter der Schutzpolizei alte Zeiten Revue passieren lassen. An diesem Samstagvormittag zeigte sich dem Ermittler und seiner Begleitung ein atemberaubendes Bild. Der Frost hatte eine hauchzarte Eisschicht auf die Wasseroberfläche gezaubert und der Blick vom hinteren Ende des Sees vor zum Überlauf schien fast ein wenig irreal - kitschig vielleicht! Keiner von beiden wollte die Szenerie kommentieren, aber jeder spürte für sich den ganz besonderen Moment und genoss ihn. Zwei Minuten später waren die beiden selbst Teil des Bildes. Als sie gerade auf der Überlaufbrücke waren, stoppte Pytlik plötzlich.

      „Mist! Warte! Ich hab’ einen Stein im Schuh.“

      Lydia brach langsam ab, tippelte allerdings auf der Stelle weiter und wandte sich zurück.

      „Komm schon, Franz! Du brauchst doch nur noch mal eine kurze Verschnaufpause vor dem letzten Anstieg. Gib es zu!“

      Pytlik brauchte keine Verschnaufpause, allerdings wusste er in diesem Moment noch nicht, dass er bereits wenige Augenblicke später kreidebleich und sprachlos nach Halt suchen würde.

      „Beeil’ dich! Ich lauf’ schon mal weiter, sonst friere ich hier fest.“

      Kaum hatte Lydia die letzte Silbe gesprochen, begann vor des Hauptkommissars Augen ein nur wenige Sekunden dauernder Film, den er sein Leben lang nicht vergessen sollte. Ohne, dass er die Gefahr schon bewusst ahnte, nahm er die beiden Lichter des Fahrzeugs wahr, das sich, von der Frankenwaldhochstraße herunter kommend, der Brücke näherte. Im gleichen Moment - Lydia war gerade wieder losgelaufen - geschah das Unfassbare.

      „Aaaaaaaaaah!“

      Das ploppende Geräusch kam direkt von unterhalb der Überlaufmauer und übertönte das filigrane Knacken des millimeterdünnen Eises. Lydia, die sich genau auf Höhe des Ereignisses befand, reagierte gleich einem scheuenden Pferd vor einem plötzlich auftauchenden Hindernis. Mit einem schreckhaften Schritt zur Seite trat sie nach dem lauten Schrei auf eine tellergroße, zugefrorene Pfütze, rutschte aus, verlor das Gleichgewicht und war innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde zum Spielball der Schwerkraft geworden. Pytlik, gute zehn Meter von ihr entfernt, hatte aufgehört zu atmen. Er wusste nicht, wohin er sich zuerst wenden sollte. Mit dem halben Oberkörper, den Kopf zur Straßenmitte gestreckt, lag Lydia nach ihrem Sturz auf der Fahrbahn und schien nach dem harten Aufschlag benommen zu sein. Pytlik war unfähig, etwas zu tun.

      Von den großen Scheinwerfern des Kleinbusses geblendet, riss er den rechten Unterarm vor seine Augen.

      „Lydiaaa! Neiiiin!“

      ***

      Dem Quietschen der Reifen folgte eine unheimliche Stille. Ohne zu wissen, warum, schaute Pytlik zunächst nach rechts, dem Kleinbus hinterher, der nach einer Schlingerfahrt und anschließender Vollbremsung leicht quer versetzt über die beiden Fahrspuren stand. Pytlik nahm die Bremslichter, den ruhig aufsteigenden Rauch aus dem Auspuff und die vereiste Heckscheibe wie eine stille Bedrohung wahr. Seine eigene Angst bemerkte er nicht. Nach wenigen Augenblicken fuhr das Fahrzeug weiter, ohne dass sich der Fahrer oder sonst jemand gezeigt hatte. Pytlik war es nicht einmal wichtig, sich das Kennzeichen zu merken - wieso auch?

      Lydia! Blitzschnell drehte er sich um. Seine Lebensgefährtin saß bereits wieder aufrecht auf dem Schotterweg, hielt sich aber mit beiden Händen den Kopf und jammerte schmerzvoll. Der Kleinbus war ihr im letzten Moment ausgewichen.

      „Lydia! Wie geht es dir? Zeig mal! Schön langsam!“

      Pytlik nahm Lydia in den linken Arm und untersuchte gleichzeitig mit seiner rechten Hand ihren Kopf und das Gesicht auf äußere Verletzungen. Sie schien bis auf Kopfschmerzen weitgehend unversehrt zu sein, allerdings hatte sie die Todesangst wohl ziemlich mitgenommen. Sie wimmerte leise vor sich hin und noch bevor Pytlik wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, stammelte sie mit ängstlicher Stimme und mit einer Geste hin zum Wasser, ohne den Blick zu heben: „Was war das? Was ist das?“

      Pytlik war nun hellwach. Seit dem Moment, in dem er das Geräusch gehört hatte, war sein kriminalistischer Spürsinn aktiviert. Es gab nur eine Möglichkeit. Das idyllische Bild des mit einem leichten Eisüberzug bedeckten Ölschnitzsees hatte vor wenigen Augenblicken tatsächlich einen Riss bekommen. Ein schwarzer Plastiksack trieb ruhig an der Oberfläche.

      ***

      Pytlik fasste in die kleine Gesäßtasche seiner Laufhose und rief zunächst Justus Büttner an, in der Hoffnung, dieser wäre zuhause und könnte am schnellsten vor Ort sein. Gleichzeitig würde er zwei oder drei Streifenwagenbesatzungen zum Freizeitsee beordern. Danach informierte er Cajo Hermann, den er beim Frühstücken in Kronach störte, ihm die Dringlichkeit der Situation aber unmissverständlich deutlich machte. Hermann wies er zudem an, alle erforderlichen Maßnahmen für die Bergung einer Wasserleiche in die Wege zu leiten. Die Staatsanwältin Strehmel zu informieren, übernahm Pytlik persönlich.

      „Ja, äh, Pytlik, Kripo Kronach. Guten Morgen, Frau Staatsanwältin.“

      Pytlik hatte sich in der Zwischenzeit zunächst noch um Lydia gekümmert, die sich nur schwerlich von den Geschehnissen zu erholen schien. Außerdem hatte er den Plastiksack in Augenschein genommen und mit erfahrenem Blick gemutmaßt, dass es sich beim Inhalt nur um menschliche Überreste handeln konnte.

      „Ja,

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