Die wichtigsten Dramen von Ödön von Horváth. Ödön von Horváth

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Die wichtigsten Dramen von Ödön von Horváth - Ödön von Horváth

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Prinzenstraße erschienen sind und daß diese vier Soldaten die Witwe Schramm ermordet haben?

      SLADEK

      Ja.

      STAATSANWALT

      Was haben Sie sich denn dabei gedacht?

      SLADEK

      Ich? Zuerst: Daß man sie umbringen muß.

      STAATSANWALT

      Danke.

      SLADEK

      Bitte.

      STAATSANWALT

      Das genügt.

      SLADEK

      Nein, das genügt nicht, denn hernach war ich sehr dagegen, aber da war schon alles vorbei. Ich hab sogar »Halt!« gerufen, denn ich hab an die Gerechtigkeit gedacht, und wegen diesem »Halt!« hätten sie mich gar auch erschossen, wenn ich nicht gewußt hätt, daß sich nichts ändern läßt, – ich hab aber plötzlich trotzdem »Halt!« gerufen, es war nämlich nicht mehr nötig sie umzubringen, weil sie es sich überlegt hat. Sie hätte nichts verraten. Sicher.

      RECHTSANWALT

      Was wollte sie denn verraten?

      SLADEK

      Die schwarze Armee.

      RICHTER

      Ich mache Sie aufmerksam, daß es für das Schicksal des Angeklagten keine Bedeutung hat, den Komplex der sogenannten schwarzen Armee hier aufzurollen. Jene Männer waren alte Soldaten, die für des Vaterlandes Wohl zu kämpfen glaubten, verworrene fanatische Idealisten –. Aber in diesem Falle Sladek darf man wohl mit Recht bezweifeln, ob das alles so ideal –

      SLADEK

      unterbricht ihn: Oho!

      RICHTER

      Sie sind nicht gefragt! Mord bleibt Mord, und der Mörder ist in jenem Falle persönlich verantwortlich!

      SLADEK

      Aber ich dachte –

      RICHTER

      unterbricht ihn: Ruhe! Sie haben die Witwe Schramm ermorden wollen, das haben Sie gestanden! Jetzt reden Sie.

      SLADEK

      Was soll ich da reden, bitte? Ich hab immer selbständig gedacht und dann hab ich aber überall gehört, daß der Einzelne nichts zählt, daß er sich für das Ganze aufopfern muß, ob er nun will oder nicht – das hab ich so lang gehört, bis ich es glaubte, es ist ja auch so, aber trotzdem ist da ein Fehler, nämlich der, daß ich hier nun als Einzelner für etwas, was ich als Teil tat, getan haben soll. – Ich hab nämlich mit all diesen Problemen gerungen. Man hört die Öffentlichkeit lachen. Ich hab doch alles, was ich ja gar nicht tat, nur tun wollte, für das Vaterland getan, das war alles sozusagen ideal. Ich hätt sie nie umgebracht, wenn dies Vaterland nicht gewesen wär, ich hab mich ja zu guter Letzt geopfert, aber das wird nirgends anerkannt. Ohne dieses Vaterland hätt es vielleicht zwischen mir und ihr nur einen Wortwechsel gegeben, höchstens, daß ich ihr eine heruntergehaut hätte, und dann wär das ausgewesen, wie jedes Liebesverhältnis.

      RECHTSANWALT

      Der Angeklagte ist das Geschöpf einer kranken Zeit. Ein Mensch, der sich an unsere stolze Vergangenheit nicht erinnert, der in der großen Zeit die Stimme wechselte und der anfing zu denken, als wir den Krieg verloren haben, das spricht Bände. Ohne Sinn für Moral negiert er alles allgemeinmenschlich – Gefühlsmäßige und grübelt über lauter Selbstverständlichkeiten: Es beschäftigt sich nur mit sich selbst, aber ohne jede Kultur. Ich bitte um mildernde Umstände für ein Gespenst: Hier sitzt die Zeit der Inflation.

      SLADEK

      Ich bitte, mich als Menschen zu betrachten und nicht als Zeit.

      RECHTSANWALT

      Ich bitte, den Angeklagten auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen.

      RICHTER

      Das Gericht beschließt, Zeugen zu vernehmen. Franz kommt.

      RECHTSANWALT

      schnellt empor: Ich protestiere gegen die Vereidigung dieses Zeugen! Ein wegen Landesverrat Verurteilter –

      FRANZ

      unterbricht ihn: Und »Begnadigter«. Freilich säße ich noch heute im Zuchthaus, gäbe es morgen keine Wahl! Der neudeutsche Staat –

      RICHTER

      unterbricht ihn: Keine Tiraden, bitte!

      STAATSANWALT

      Der Zeuge nimmt es auf seinen Eid, daß ihm der Angeklagte Sladek gestanden hat, die Witwe Schramm ermordet zu haben.

      FRANZ

      Ja.

      SLADEK

      Nein.

      RICHTER

      Schweigen Sie!

      SLADEK

      Ich hab noch nie jemand ermordet!

      FRANZ

      Ich selbst hätte ermordet werden sollen, diese Bestien! Wagst du es denn zu leugnen, daß du es mir selbst erzählt hast, wie jene Bedauernswerte im sogenannten Interesse des sogenannten Vaterlandes »hingerichtet« wurde?

      SLADEK

      Das geb ich schon zu, aber ich hab dir nie gesagt, daß ich sie umgebracht hab.

      FRANZ

      Er lügt! Er lügt!

       Stille.

      SLADEK

      Ich weiß, daß du nicht lügst. – Also müssen wir uns mißverstanden haben.

      FRANZ

      Ich habe dich verstanden.

      SLADEK

      Nein, ich bin unverstanden. Hab ich dir nicht zweimal gesagt, daß ich ein sogenannter zurückgezogener Mensch bin, und daß alles, was ich dir so sag, nur für dich persönlich ist? Du hast das vergessen. Ich hab über das alles nachgedacht, was du dem Hauptmann gesagt hast –. Du hast mich sozusagen bekehrt: Zu guter Letzt gibt es wirklich nur den Sladek. Und jetzt? Hier? In diesem Saal?

      FRANZ

      fast gewollt spöttisch: Du hast mich sozusagen bekehrt, daß man keine Rücksicht nehmen soll auf den Sladek, weil sonst das

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