Wege, Lichtung, Horizont: Konstellationen des 'Essayistischen' in María Zambranos Claros del bosque und Octavio Paz' El mono gramático. Veit Lindner

Чтение книги онлайн.

Читать онлайн книгу Wege, Lichtung, Horizont: Konstellationen des 'Essayistischen' in María Zambranos Claros del bosque und Octavio Paz' El mono gramático - Veit Lindner страница 3

Wege, Lichtung, Horizont: Konstellationen des 'Essayistischen' in María Zambranos Claros del bosque und Octavio Paz' El mono gramático - Veit Lindner Orbis Romanicus

Скачать книгу

Nun täte es not zu erforschen: Was geschieht auf den Lichtungen? Welcher Horizont lässt sich von ihnen aus erblicken?

      Wir sind der Lettern überdrüssig geworden, und dennoch versiegt nicht der Impuls des Schreibens. Diesen grundlegenden Widerspruch meint Fernando de la Flor in unserem Umgang mit typografischen Erzeugnissen zu beobachten: Wir produzieren Schriften in immer größerem Tempo ohne jeglichen Anspruch auf Dauerhaftigkeit und geben sie somit dem Vergessen anheim, noch bevor sie rezipiert werden könnten. Der überbordenden Allgegenwart der Bücher schwindet das Publikum, sodass man den Eindruck gewinne, es steige nicht die Zahl der Leser, sondern nur die Zahl derer, die gelesen sein wollen.16 Die zeitgenössischen Dichter langweilen uns, aber wir retten gesellschaftlich ,die Poesie‘. Eine Generation von Erzählern folgt auf die nächste, ohne eine nennenswerte Erinnerung zu hinterlassen; aber niemals zuvor wurde in den Universitäten so viel über Narrativik theoretisiert.17 Im Grunde, ließe sich aus de la Flors Beobachtung schließen, lebt unsere Buchkultur in einer Ordnung des Hyperrealen, die nach Baudrillard alle Werte „einbalsamiert und friedlich verpackt“.18 Und was wir nicht mehr lesen, mumifizieren wir als Theorie für nachfolgende Textarchäologen. Das Buch, einst Waffe der Kritik und des Intellektuellen, wird nun gefahrlos noch in seiner Verpackungsfolie zur Schau gestellt oder im Unterricht ,behandelt‘. Es wäre, so gesehen, längst zum pittoresken Objekt eines folkloristischen Verehrungskultes ohne Realität geworden. Das wohlmeinende Etikett des ,Kulturellen‘ verdammt die Bücher zu einem Dasein, wenn hübsch entstaubt, als Zimmerzier; und die Bibliophilen zu Freaks.

      José Luis López Aranguren hatte die Beobachtung einer Simulation kritischer Kultur einst auf folgende Parabel gebracht: Ein dicker Fisch schwimmt in einem Aquarium, umgeben von Wasserflöhen. Nachdem er alle außer einen gefressen hat, fragt der letzte verbleibende Floh, warum er nicht auch ihn gefressen habe. Darauf antwortet der Fisch: Weil ich etwas für die Kultur tun möchte … mal sehen, wie du tanzen kannst!

      López Aranguren schließt mit den Worten, der Intellektuelle solle es vorziehen, von der Gesellschaft verschlungen zu werden, bevor er als Tänzer toleriert werde.19 Er hatte die Parabel in Anspielung auf die Franco-Diktatur ersonnen; dennoch ließe sie sich vielleicht folgendermaßen neu interpretieren: Nie zuvor wurden so viele Bücher nicht gelesen. Sollten sich die Intellektuellen also lieber kollektiv verschlingen lassen, statt nur noch für sich selbst und das Wohlgefühl simulierten gesellschaftlichen Interesses und vorgetäuschter Toleranz zu schreiben? Ist Schreiben im besten Fall Sehnsucht nach verlorener Kultur und im schlechtesten bloße Heuchelei oder Egomanie? Eine leere Geste des Schreibens ohne Objekt, ohne Ziel, das zum reinen „Plappertext“20 wurde?

      Die Dinge liegen vielleicht komplizierter. Gerade in realen oder empfundenen, gesellschaftlichen oder persönlichen Krisen gibt es offenbar die Notwendigkeit, das ,Schreiben an sich‘ zu bewahren. Als reine Geste des Schreibens drückt sie sich als kontemplative ,écriture‘ aus, die sich auf die Suche nach dem macht, was wir haben schreiben und was wir haben wissen wollen. Sie ist Atemholen und fortgesetzter Neubeginn und entspricht dem Impuls, zunächst die Intimität mit den Büchern wiederherzustellen und die Nähe der entfremdeten Schrift wieder zu spüren. Sie weiß noch nicht, was sie schreibt, sondern ist die Iterabilität einer erneuernden Erfahrung der Literatur. Jacques Derrida sagte in einem Interview mit Derek Attridge, es sei zwar unmöglich, das Interesse über den reinen Signifikanten hinaus abzuschaffen und die Referenz aufzugeben; wohl aber könne sie verkompliziert werden. „Die Dichtung und die Literatur haben gemeinsam […] dass sie die thetische Naivität einer transzendenten Lektüre suspendieren. Darin besteht die philosophische Kraft der Literatur.“21 Derridas ‚lectio difficilior‛ ist ein Hinauszögern der Referenz – und somit die Bewahrung eines kraftvoll philosophischen Impulses. Lesen und Schreiben werden also ein Umweg, der den ausgetretenen Pfaden und den einfachen Bedeutungen misstraut, um abseitige, neue Orte zu erkunden. Derrida siedelt diese Praxis des Umwegs zwischen Literatur und Philosophie an und beschreibt damit ebenso seinen eigenen intellektuellen Standpunkt: „Und weil das, was mich heute immer noch interessiert, weder einfach Literatur noch Philosophie ist, amüsiert mich die Idee, dass mein jugendliches Begehren […] mich durch das Schreiben zu etwas geführt hat, was weder das eine noch das andere war. Was aber war es?“22 Natürlich antwortet Derrida nicht direkt auf diese Frage, spricht aber von einer tiefen Versuchung der Ganzheit, der Totalisierung und dem Wunsch eines „Alles-Versammeln-Wollens“; den inneren Polylog aufzuzeichnen und bekenntnishaft alle Stimmen zu bewahren, die das Selbst durchkreuzen – kurz: alles zu sagen. In dieser Zeit des „autobiographischen Traums“ seien es jene Fragen gewesen, die sein Interesse an den Schriften gelenkt und bestimmt hätten: „,Wer bin ich?‘, ,Wer ist dieses Ich?‘, ,Was passiert gerade?‘, etc.“23 Der Versuch, diese existenziellen Fragen in einem allumfassenden Blick zu beantworten, ist die Seinsweise eines essayistischen Geistes. Er drückt sich aus in einem kontemplativen Schreiben, das der Ganzheit einer Erfahrung Form verleihen will. Nach Derrida reichen jedoch die diskursiven Ressourcen für eine totale Archivierung nicht aus. Und so bleibe immer das Begehren nach jenem nicht Einzufangenden, dem Überschüssigen, nach dem „+n“. Darin lebt die Idee der Totalität, und sie zirkuliert, so Derrida, auf einzige Weise zwischen Literatur und Philosophie, das heißt: in der Erfahrung des Institutionen überschreitenden und Regel brechenden „Alles-sagen-Wollens“, das in einer philosophischen ,Emotion‘ gründet, „dem Gefühl der Existenz als Exzess, als ,Überflüssigsein‘, in einem jenseits des Sinns, das dem Schreiben einen Ort gibt“.24

      Ein Schreiben, das sich auf die Suche nach den existenziellen Fragen begibt (Wer bin ich? Wer ist dieses Ich? Was passiert gerade? Etc.), muss einen dauernden Überschuss produzieren und darf sich nicht mit einmal getätigten Aussagen zufriedengeben. Darin liegt das Paradox dieses Schreibens; ein Innehalten im ständigen Überschuss. Nicht den Strom versiegen lassen: ihn hervorbringen, um darin erst die Leerstellen zu schaffen, immer wieder neu anzusetzen. Nicht vom Luftanhalten hatte Benjamin gesprochen, sondern von der Ausdauer und Beständigkeit des Atemholens. Das Schreiben muss sich also perpetuieren, den Impuls und die Rhythmik des Atems aufrechterhalten und selbst jener Exzess sein. Eine solche Schrift besitzt keinen sicheren Standpunkt, von dem aus sie über einen Gegenstand verfügen könnte. Jemand, der so schreibt, wirft seinen ganzen Körper in die Fluten und lässt sich von den unberechenbaren Untiefen seiner Handschrift fortreißen. In einer solchen Weise lässt sich nicht mehr über etwas schreiben und auch nicht über sich selbst; es lässt sich nur absolut schreiben und sich selbst schreiben. In einem 1966 an der Johns Hopkins University gehaltenen Vortrag mit dem Titel Écrire, verbe intransitiv? versucht Roland Barthes, genau diesen Eindruck als grundlegende Kategorie modernen Schreibens zu erfassen. Dabei stellt er die Vermutung an, man habe zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen, das Verb schreiben statt transitiv nun intransitiv zu verwenden; der Schriftsteller war nicht mehr einer, „der etwas schreibt, sondern jemand, der schlechterdings schreibt“.25 Der ,ecrivain‘ folgt keinem bestimmten Zweck, sondern bedient sich einer „entpragmatisierten Rede“, die Barthes mit dem Terminus der Intransitivität verbindet.26 Allerdings könne kein Schriftsteller jemals ganz davon absehen, etwas zu schreiben. Mit Derrida ließe sich intransitives Schreiben also weniger als Suspendierung denn als Verkomplizierung transzendenter ,écriture‘ betrachten. Barthes sucht jedoch noch einen anderen Ausweg, den er in der grammatischen Kategorie der Diathese zu finden glaubt. Sie bezeichnet, „in welcher Weise das Subjekt des Verbs in Mitleidenschaft gezogen wird“.27 Im indoeuropäischen Sprachraum würden dabei nicht eigentlich Aktiv und Passiv gegenübergestellt, sondern Aktiv und Medium. Die beiden Kategorien unterscheiden sich dadurch, dass sich ein Vorgang im Aktiv völlig außerhalb des Subjekts vollzieht, während im Medium das Subjekt selbst von seiner Handlung in Mitleidenschaft gezogen wird.

      Hayden White macht darauf aufmerksam, das Medium verweise in der griechischen Grammatik nicht nur auf die innere Beteiligung eines Subjekts an einer Handlung, sondern verwische genau genommen Subjekt und Objekt. Für Barthes sei das Schreiben im Medium „schöpferisch und befreiend, weil es den Schreiber als Handelnden im Schreibprozess ansiedelt und die Bildung eines Schreib-Subjekts als das verborgene, aber eigentliche Prinzip, Ziel und Ende allen Schreibens namhaft macht“.28 Damit ist das Schreiben im Medium, so White, vollkommenes Beispiel eines performativen Sprechakts: Ebenso

Скачать книгу