Requiem für meinen Glauben. Georg Schwikart
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Angenommen.
Manchmal … da überkommt mich dieses unangenehme Gefühl wie ein seelischer Schüttelfrost: „Mach dir nichts vor, Georg, du betuppst dich selbst: Da ist kein Gott! Nirgends!“
Immerhin, ich darf annehmen, der Zweifel hat den Glauben immer schon begleitet. Er kann nicht ein für allemal überwunden werden. Anselm von Canterbury, Mönch, Bischof und als Philosoph ein exzellenter Denker, wollte im 11. Jahrhundert, mitten im „dunklen Mittelalter“, Gott logisch beweisen. Er formulierte einen sogenannten Gottesbeweis. Dessen Spitzenaussage (hergeleitet aus wirklich beeindruckend tiefschürfenden Überlegungen) lautet: „Das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, existiert in Wirklichkeit.“
Anselms Ansinnen ist anerkennenswert, aber seine Methode ist unpassend. Er spricht vom „Glauben, der nach Einsicht sucht“. Anselms Formel, die in der Theologie bis heute Bestand hat, lautet: „Credo, ut intelligam“ – „Ich glaube, damit ich verstehe.“ Wir drehen das üblicherweise um, wir wollen verstehen, um glauben zu können. Aber daran hindert uns dann der Zweifel.
Zweifel ist ein natürlicher Impuls, eine kritische Reflexion, ob eine Sache plausibel ist, also mit unserem Wissen und unserer Erfahrung übereinstimmt. Im „weltlichen“ Bereich ist der Zweifel völlig normal: Ich habe eine Stunde Zeit eingeplant für die Strecke von Bonn nach Düsseldorf, aber ich bezweifle, dass sie reichen wird. Mir erzählt ein Kind, es habe ein Raumschiff am Himmel gesehen – aber war es nicht doch eher eine Wolke oder eine Luftspiegelung? Ein Gemeindeglied behauptet, spontan von einem Krebsleiden geheilt worden zu sein; war die Diagnose wirklich sicher? Beziehungsweise: Ist das Leiden tatsächlich überwunden? Ich bezweifle das. Man kann an der Treue des Ehepartners, an der Glaubwürdigkeit der Zeugin vor Gericht, an der Ehrlichkeit des Angestellten zweifeln. Wer an sich selbst zweifelt, nimmt bestimmte Defizite an seiner eigenen Person wahr; das kann an mangelndem Selbstbewusstsein liegen, jedoch auch der durchaus angemessene Versuch sein, sich selbst objektiv einzuschätzen.
In der Corona-Krise zweifelten auf einmal viele Leute das ganze System unserer Gesellschaftsordnung an. Ihnen schienen krude Verschwörungstheorien glaubwürdiger zu sein als die schlichte Erkenntnis, dass die Natur böse Überraschungen parat hält (wie eben ein Virus), was dann Regierungen zeitweilig überfordern kann. Und solche, die zuvor selbstverständlich von den Erkenntnissen der Medizin profitierten (sich den Blinddarm herausoperieren, einen Stent in die Adern einsetzen oder an das Dialysegerät legen ließen), die zweifelten nun an der gesamten Wissenschaft. Und das nur, weil auch die Wissenschaft nicht immer mit einer Stimme spricht, sondern den Streit der Deutungen kennt.
Unser Alltagszweifel soll uns vor Enttäuschung und falscher Einschätzung einer Lage bzw. Person bewahren. Wir wollen vertrauen können, wollen wissen, wo wir wirklich dran sind. Lässt sich der Zweifel nicht ausräumen, wirkt er verunsichernd.
Das gilt umso mehr für Glaubenszweifel. Muss ich glauben, dass Maria durch den Heiligen Geist schwanger wurde – und nicht durch Josef? (Mindert eine menschliche Vaterschaft die Bedeutung des Christus?) Ist es eine Sünde, daran zu zweifeln, dass Jesus übers Wasser ging, obwohl es so im Evangelium steht? Was Christinnen und Christen auch tun, es geht immer nur um das Reich Gottes – sind an dieser Behauptung Zweifel erlaubt?
Bereits um das Jahr 1200 berichtet der englische Priester Giraldus Cambrensis, viele Geistliche seiner Zeit glaubten selbst nicht, was sie dem Volk predigten. Der österreichische Historiker Peter Dinzelbacher hat bei Giraldus gelesen, was damals ein Amtsbruder seinen Kollegen spöttisch fragte, „ob dieser denn tatsächlich glaube, dass aus Brot und Wein Fleisch und Blut werde, der Schöpfer Mensch geworden sei, eine Frau ohne Geschlechtsverkehr empfangen habe und nach der Geburt auch noch Jungfrau geblieben sei“. Giraldus zitiert diesen anonymen Zweifler wörtlich: „Das ist doch alles Täuschung, was wir da tun. Unsere Vorfahren haben sich das ja schlau ausgedacht, um den Menschen Angst einzujagen und sie von vorwitzigen Anmaßungen zurückzuhalten.“ Giraldus stellt außerdem fest, „unter uns Geistlichen gäbe es viele, die im Geheimen ebenso dächten“.
Wohlgemerkt, das war vor 800 Jahren! Damals konnten sich allenfalls Kleriker solche Zweifel erlauben, nicht das gemeine Volk. Bei uns heute, mehr als 200 Jahre nach der Aufklärung, ist der Zweifel Allgemeingut geworden. Die ganze Religion steht unter dem Verdacht, Lüge und Betrug zu sein, mindestens eine Art Märchenwelt. Lieber tauchen einige Zeitgenossen in Fantasyuniversen ein, erfüllt von Zauberei und Magie, als dem überlieferten Glauben des Christentums zu vertrauen.
Historiker halten es für eher unwahrscheinlich, dass es im Mittelalter einen echten Atheismus gegeben habe. Der Zweifel habe sich auf Inhalte des Glaubens bezogen, nicht jedoch auf das Fundament, sprich: die Existenz Gottes. Da wären wir wieder bei Anselm von Canterbury, der uns genau diese beweisen wollte. Doch wen kann er damit heute noch überzeugen? Mich nicht.
Mit meinem mystischen Zugang zum Glauben kann ich vieles aus der Bibel, der Theologie, der kirchlichen Praxis und Geschichte als Tradition und Folklore akzeptieren; ich muss es nicht „für wahr halten“, kann damit umgehen, auch wenn ich meine Zweifel hege. Doch wenn ich daran zweifle, ob es Gott überhaupt gibt, geht es ums Ganze.
Ohne Gott ist alles sinnlos, durchfährt es mich spontan. Niemand hört mich. Niemand antwortet. Das Leben hat kein Ziel, nichts reicht über meine Erdentage hinaus. Hier und Jetzt, das ist alles, und was da nicht zum Zuge kommt, hat eben Pech. Was wir „Leben“ nennen ist höchst ungerecht, im besten Fall gedämpft von den Anstrengungen der Gesellschaft, einen sozialen Ausgleich zu suchen und auch den Verlierern Chancen zu eröffnen. Aber die meisten Exemplare des Homo sapiens bleiben auf der Strecke. Das alles bestimmende Prinzip heißt eben Zufall. Und ich frage mich, wozu ich morgens aufstehen soll.
Dabei ist mir durchaus bewusst, wie viele Menschen ein erfülltes Leben führen, ohne an Gott zu glauben – und dabei durchaus glücklich sind. Sie finden Erfüllung in der Familie, dem Beruf, ihrem Hobby, genießen ihr Dasein, sie feiern, haben Sex, machen Urlaub, akzeptieren ihre Endlichkeit und haben ein Problem weniger zu lösen als ich, den die Gottesfrage umtreibt.
Gott ist für mich so selbstverständlich da, wie die Luft, die ich atme. Ganz gleich, wo ich bin, ganz gleich, was ich tue, ich befinde mich in seiner Gegenwart. Ich bin in Gott, Gott ist in mir … in dieses Grundgefühl bin ich im Laufe meiner Glaubenswanderung hineingewachsen. Das klingt vielleicht anmaßend, als wäre ich ein begnadeter Heiliger, was Kokolores ist. Ich habe leider keine passenderen Worte für das Verhältnis von Gott und mir. Gott ist „groß“, ich bin „klein“, Gott macht sich „klein“, das macht mich „groß“ – alle Worte und Bilder bleiben schief.
Doch manchmal, unvermittelt, werde ich aus dieser selbstverständlichen Nähe hinauskatapultiert. Dann ist alles weg. Meine kleine Welt wird zum Vakuum. Alles scheint mir absurd. Alles nur schöner Schein, ach, nicht einmal schön ist er. Dann wird mir angst und bange.
Meine Furcht, Gott könne nur Einbildung sein, ist nun wirklich kein hinreichender Grund für seine Existenz, nach dem Motto: Weil ich Gott brauche, muss es Gott auch geben. Die Argumente der Religionskritiker sind das Ergebnis einer auf der Hand liegenden Überlegung. Feuerbach, Freud, Nietzsche und wie sie alle heißen, haben Recht. Religion hat etwas mit dem Schwanken zwischen kindlicher Bedürftigkeit und menschlicher Selbstüberhöhung zu tun. Eine Welt ohne Gott empfinde ich als kalt, aber ich werde mich schon dran gewöhnen und mich wärmer anziehen. Die Vertröstungsmechanismen funktionieren also weiter.
Ob Gott wirklich ist – diese Frage ist keine Sünde und kein Gedanke des Satans, sondern eine aufrichtige Frage. Ein Blick in den Weltraum macht die Formulierung „Gott wohnt im Himmel“ obsolet. Wenn, dann muss Gott auf andere Art da sein. Sollte die Schöpfung Gottes Werk sein, dann stellt sich die Frage, ob er sein Handwerk beherrscht, denn vollkommen ist das Dasein hier auf der Erde nicht gerade. Kurzum, der Verdacht liegt nahe, dass die gesamte Gotteskonstruktion eine