Brücken bauen. Mauern einreißen.. epubli GmbH

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Brücken bauen. Mauern einreißen. - epubli GmbH

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      So vergingen die nächsten Tage und Wochen. Mein Geburtstag kam, den ich zum ersten Mal nach langer Zeit in Freiheit feiern konnte, dann folgte das Weihnachtsfest. Weihnachten verbrachte ich alleine zu Hause und die beiden Feiertage mit ein paar Freunden, die ich in den letzten Monaten in Hamburg kennengelernt hatte. Es war ein schönes Fest. Nach dem Fest ging es wieder an die Arbeit, jedenfalls für die letzten paar Tage in einem für mich und auch für das ganze deutsche Volk so ereignisreichen Jahr. Mit dem Silvesterabend ging dann auch dieses Jahr zu Ende.

      Genauso wie jedes andere Jahr zuvor? Nein, da war ich mir sicher, in diesem Jahr war so viel passiert, dass man allein damit Bücher füllen könnte. All die Menschen, die direkt dabei waren, könnten darüber ganze Regale mit Büchern füllen. Doch zurück zum Silvesterabend. Alle, oder zumindest viele Menschen, hatten an Silvester gute Vorsätze für das neue Jahr. Dieses Mal hatte auch ich mir drei gute Vorsätze für das neue Jahr vorgenommen:

      Ich werde mich im kommenden Jahr aufmachen und meinen Bruder suchen.

      Ich werde meine Freundin suchen.

      Ich werde, sobald es geht, versuchen herauszufinden, wer mich an die Stasi verraten und so meine Verhaftung erst möglich gemacht hat.

      Das waren die drei Dinge, die ich unbedingt im neuen Jahr tun wollte.

      Der Weg in die Freiheit

      Hans Hohlbein

      Auszug aus »Flüchtige Verstrickungen« (epubli)

      Genau in diesem Moment schubste mich Alex an und zeitgleich sprangen wir beide aus der Hocke in die Senkrechte. Mit einem letzten flüchtigen Handschlag wandte er sich von mir ab, setzte zum Sprung an und rannte einige Meter parallel zum Bahndamm mit dem Zug um die Wette. Für wenige Sekunden blieb ich noch in angespannter Haltung wartend auf dem Schotter stehen, um mit weit aufgerissenen Augen genau die Vorgehensweise von Alex zu verfolgen, und vor allem, um selbst gleich blitzschnell reagieren zu können.

      Den ersten Wagon hinter der Lok ließ Alex in geduckter Haltung an sich vorbei fahren, danach ähnelte seine Reaktion dem Verhalten eines Panthers beim Beutesprung. Genau am Anfang des zweiten Wagens schnellte er hoch, machte einen seitlichen Sprung, erfasste mit beiden Händen gleichzeitig den langen Haltegriff neben der Tür, schwang sich auf die erste Stufe der Einstiegstreppe und hatte es geschafft.

      Das Ganze hatte ich blitzschnell registriert, als schon Sekunden später der Haltegriff vom Ende des gleichen Wagons auf mich zukam. Mit einem Ruck löste ich mich aus meiner Starre, duckte mich nach vorn, riss kurz entschlossen beide Arme nach oben und setzte zum Sprung an. Dabei erwischte meine Linke zuerst den langen Haltegriff, umfasste den kalten Stahl, und wollte meinen Körper mit gewaltiger Kraft nach oben ziehen. Zeitgleich versuchte meine rechte Hand ebenfalls den Griff zu erreichen, rutschte aber sofort wieder von der Stange ab und fasste mehrmals ins Leere. Meine Linke hing zwar noch für Sekunden fest am Griff, mein Körper aber drehte sich plötzlich durch die Kraft des Zuges nach rechts ein.

      Ausschließlich am linken Arm hängend, die Füße noch nicht auf dem Trittbrett, hatte ich als Rechtshänder nicht mehr die Kraft, um mich weiter nach oben ziehen zu können. Die gewaltsame Drehung meines Oberkörpers verursachte in der linken Schulter einen solchen Schmerz, dass meine Hand den Griff augenblicklich wieder loslassen musste und mein Arm auf die erste Trittbrettstufe aufschlug. In Sekundenschnelle landete ich rücklings auf dem Schotterbett neben den Bahngleisen, rollte über die linke Schulter ab, wurde zwischen Bahndamm und Gestrüpp geschleudert und blieb wie betäubt reglos am Boden liegen.

      Ob ich bei dem Aufprall geschrien habe, ist mir nicht mehr in Erinnerung, zumal ich trotz der Schmerzen in Schulter und Handgelenk, ohne einen Laut von mir zu geben, in dieser Lage verharren musste bis der hell erleuchtete Zug gänzlich an mir vorbei gerauscht war. Das gelbliche Licht aus den Fenstern der Zugabteile huschte jetzt zunehmend schneller über mich hinweg, während ich erstarrt und mit schmerzenden Gliedern im Graben neben dem Gleisbett ausharren musste.

      Erst als über meinem Kopf die davon blitzenden Lichtreflexe schneller und kürzer wurden, konnte ich sicher sein, dass der Zug wieder seine alte Geschwindigkeit erreicht hatte. Obwohl mein ganzer Körper jetzt schon bei der kleinsten Bewegung schmerzte, versuchte ich ganz vorsichtig den Kopf anzuheben und bekam gerade noch mit, wie die roten Schlusslichter in sanften Schwingungen in die Nacht abtauchten. Umso mehr spürte ich meine wahnsinnigen Schmerzen, fühlte eine totale Leere in meinem Kopf. Nur mit äußerster Anspannung gelang es mir, mich überhaupt zu konzentrieren, auch nur annähernd meine Orientierung wieder zu finden, um möglichst schnell einen klaren Gedanken fassen zu können. Vor Angst zitternd lauschte ich nach allen Seiten in die Dunkelheit hinein, weil ich befürchten musste, jetzt von patrouillierenden Grenzern entdeckt zu werden, aber das einzige Geräusch, das ich in der Ferne ausmachen konnte, waren die abschwellenden Schlaggeräusche der Schienenstöße.

      Es waren Sekunden, die für mich zur Ewigkeit wurden, in denen sich die Zeit wie ein unerträglicher Schmerz ausdehnte, bis irgendwann die Nacht lautlos zurückkehrte, und mit ihrer Kühle mein Schmerzempfinden wieder ein wenig milderte. Ich weiß nicht wie lange ich gezögert, wie lange ich mit mir gerungen habe, bis ich wieder den vorsichtigen Versuch unternahm, mich zu bewegen, meine Gliedmaße auf ihre Funktion hin zu testen. Mit den Armen abstützend versuchte ich langsam wieder in die Hocke zu kommen, um mich aus dieser unbequemen Haltung heraus allmählich wieder aufrichten zu können.

      Nach wie vor hatte ich große Angst, entdeckt zu werden, blieb deshalb weiter in geduckter Haltung und lauschte nach allen Seiten hin in die Finsternis. Meine Augen starrten unendlich lange ins Leere, fingen schon zu brennen an, suchten vergeblich nach dem davongefahrenen Zug, der mich ganz allein hier am Bahngleis zurückgelassen hatte. In weiter Ferne entdeckte ich gerade noch zwei winzige rote Punkte, die wie Schlusslichter eines Bootes in der Dunkelheit davon tänzelten. Mit der Entfernung kleiner werdend tauchten sie in die Unendlichkeit der Nacht ab. Mit ihnen entschwanden auch Alex B. und all meine Hoffnung.

      Obwohl meine Schulter und besonders mein linkes Handgelenk jetzt enorm wehtaten, fand ich beim Abtasten meiner Kleidung keinerlei Hinweise auf defekte Stellen, und schlüpfte kurz entschlossen erst einmal in das Gebüsch zurück, um wieder auf den Pfad entlang des Zaunes zu gelangen. Egal wie, jetzt musste ich denselben Weg zurück, diesmal ganz allein, ohne Alex. Eine Alternative dazu gab es nicht.

      Gerade wollte ich meine schmerzenden Glieder wieder zaghaft in Bewegung setzen, als plötzlich vom Schotterbett des Gleises her deutlich Schritte zu vernehmen waren. Es bestand auch kein Zweifel, dass sie mir entgegenkamen, denn die Trittgeräusche wurden zunehmend lauter. Gleichzeitig hörte ich Stimmen, die zweifelsfrei von zwei Wachposten herrühren mussten, die sich vermutlich auf ihrem Kontrollgang befanden. Auf der Stelle blieb ich wie angewurzelt stehen, ging, jeden Schmerzlaut unterdrückend, ganz vorsichtig nach unten in die Hocke und versuchte parallel zum Bahndamm wieder in die Horizontale zu kommen. So gut es ging ignorierte ich die nicht nachlassenden Gelenkschmerzen und legte mich vorsichtig der Länge nach auf den Boden. Die Arme ganz eng an meinen Körper gedrückt, die Beine lang ausgestreckt, so konnte ich flach auf dem Bauch liegend mein schwaches Stöhnen als auch meinen hastigen Atem weitgehend unterdrücken.

      Schon bei dem einfachen Versuch meinen Kopf auf dem rechten Arm abzulegen, hätte ich vor Schmerz laut aufschreien wollen, aber die Schritte kamen jetzt bedrohlich näher und ich konnte die ersten Wortfetzen der Grenzsoldaten schon deutlicher heraushören. Vorsichtig rollte ich mich in die Seitenlage, winkelte die Beine an, legte den Kopf zum Zaun gewandt auf meinem rechten Oberarm ab und starrte, meinen lauter werdenden Atem weiter flach haltend, mit leerem Blick durch das gerade noch wahrnehmbare Gitternetz des Zaunes. Hinter dem Maschendraht lag der alles verschlingende nächtliche Wald.

      Lange quälende Minuten vergingen, bis ich das Gespräch der Grenzer

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