Tödlicher Crash. Barbara Wimmer

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Tödlicher Crash - Barbara Wimmer

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war mittlerweile in die Knie gegangen und auf den Boden gesunken. Sie weinte, zitterte und trauerte. Tief versunken und nicht bereit, diese Emotionen und ihr Leid mit irgendwem zu teilen. Melanie dachte sich: Ich muss jetzt stark sein. Tapfer ging sie zur Bürgermeistergattin hin und strich ihr vorsichtig über den Rücken. Die Schwäche und Verletzlichkeit der Frau ermutigten das Mädchen, selbst mutig zu sein. Mutiger, als es eigentlich war. »Es wird alles gut«, flüsterte Melanie. Weil ihr nichts Besseres einfiel. So tröstete sie ihre Mama immer, wenn sie traurig war.

      Auf den Lippen von Sigrid Steinrigl zeichnete sich ein leichtes Grinsen ab und sie murmelte leise: »Damit könntest du recht haben, Mädel.« Ein Satz, den Melanie in dieser Situation ganz und gar nicht verstand. Sie runzelte die Stirn und entfernte reflexartig ihre Hand vom Rücken der Frau.

      Kapitel 3

      Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich die Meldung über den Tod des Finanzministers via Nachrichtenagentur bei den Medien des Landes verbreitet hatte. »Wolfgang Steinrigl: In den Tod gerast«, lautete eine der ersten Schlagzeilen der Online-Plattform »Heute Mittag«. Über das soziale Netzwerk Facebook verbreitete sich die Meldung in Windeseile. Die Boulevard-Plattform war deswegen immer am schnellsten bei der Verbreitung von Neuigkeiten, weil in der Redaktion bereits ein Agentur-Roboter zum Einsatz kam. Das bedeutete, dass ein Roboter die Eilmeldungen, die über Nachrichtenagenturen verbreitet wurden, automatisch online stellte. Nur über den Titel schaute noch ein Mensch, um die Nachrichten auf die Klientel abzustimmen. Text und Bild stammten direkt von der Nachrichtenagentur. Das war natürlich ein Wettbewerbsvorteil für das Medium, aber ein nicht unumstrittener. Es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass die Schlagzeile mit einem falschen, völlig unpassenden Bild versehen war und somit das Gespött der gesamten Branche auf sich gezogen hatte. Und Medienmenschen behielten ihre Schadenfreude nur sehr selten bei sich.

      »Fataler Unfall: Finanzminister tödlich verunglückt«, war in der Online-Ausgabe von »24 Stunden« zu lesen. Stolze neun Minuten nach der Meldung bei »Heute Mittag«. Als Hashtag, das war ein durch ein Raute-Symbol markiertes Stichwort, etablierte sich in den Social-Media-Diensten wie Facebook und Twitter »#steinrigl«. Es trafen im Sekundentakt neue Kurzmitteilungen dazu ein. Durch den Hashtag konnte man außerdem gleich erkennen, ob die Anzahl der Jubel- oder Trauermeldungen überwogen und was das Ableben des Ministers bei den Menschen auslöste. Unter den Kurzmitteilungen befanden sich zahlreiche Beileidsbekundungen, aber auch viele Erleichterungsausrufe und bösartige oder ironische Kommentare. Steinrigl war eben nicht bei jedem beliebt gewesen. »Wo bleibt die Sondersendung im TV?«, fragten sich einige Nutzer und schimpften auf den öffentlich-rechtlichen TV-Sender. Andere veröffentlichten Bilder, bei denen der Slogan »Mehr privat, weniger Staat«, der über einem Foto mit dem Kopf von Wolfgang Steinrigl prangerte, durchgestrichen war. So etwas nannte man ein sogenanntes Meme, das sich rasch weiterverbreitete, in dem es von vielen verschiedenen Nutzern geteilt wurde. Das gehörte zu den klassischen Internetphänomenen, die sich auch 2022 noch wacker hielten.

      Wie genau der Finanzminister gestorben war und dass er mit seinem heißgeliebten, brandneuen, autonomen Auto unterwegs gewesen war, war offenbar noch nicht bekannt geworden. Zumindest gab es darüber vorerst keine Kommentare. Doch nicht nur auf Facebook und Twitter überschlugen sich die Mitteilungen zum Ableben des Finanzministers, auch in den Redaktionen des Landes ging es heiß her. Es war 19 Uhr. Viele Politik- und Chronik-Redakteure hatten bereits Feierabend oder befanden sich gerade am Weg zu Abendterminen. Die Redaktionskonferenzen waren um die Uhrzeit auch schon längst vorbei. Aber natürlich musste das Ereignis noch in die Blätter des Landes gebracht werden. In der Redaktion von »24 Stunden« saß Armin Tumler. Der 55-jährige Wirtschaftsredakteur war an dem Tag zum Abenddienst eingeteilt. Als ihn die Kollegen vom Online-Team über den Tod des Finanzministers informierten, drehte er als Erstes seine Tasse, die vor ihm stand, nach links. Auf dem Bild, das dadurch zum Vorschein kam, war eine Palme zu sehen, die ihn an seinen letzten Urlaub erinnern sollte. Armin Tumler nahm einen kräftigen Schluck aus der Tasse – und darin war kein Kaffee, sondern etwas Stärkeres. Dann seufzte er laut und machte sich widerwillig an die Arbeit.

      19.33 Uhr. Das Smartphone von Stefanie Laudon vibrierte seit wenigen Minuten in immer kürzeren Abständen. Wenigstens hatte sie den Ton, also das Bling-bling, abgedreht. Aber warum hatte sie es auch unbedingt zu sich auf den Tisch legen müssen? Das war wohl die Macht der Gewohnheit gewesen, die sie jetzt aus ihrer Entspannung herausriss. Endlich hatte sie einmal komplett abschalten können, war weit genug weg von ihrem Alltag. Dort lautete ihr Credo berufsbedingt nämlich: »Immer erreichbar sein, weil, es könnte ja etwas passieren.« Jetzt saß sie gerade in einem Restaurant in der Altstadt von Barcelona. Am Placa Reial gab es zahlreiche nette Innenhöfe, rundherum herrschte hektisches Treiben. Ein paar Tische weiter führte gerade eine Gruppe von Jungs einen akrobatischen Tanz auf. Dazu dröhnte laute Musik aus dem Ghettoblaster. Nicht schlecht, die Kunststücke. Dafür musste man ordentlich trainieren. Sie stocherte noch ein wenig in der vegetarischen Paella herum, die vor ihr am Tisch stand. So richtig schmecken wollte sie ihr nicht. Da war sie wohl auf einen Touristen-Nepp reingefallen. Das Smartphone vibrierte erneut, was bedeutete, dass sie schon wieder eine neue Nachricht erhalten hatte. Stefanie legte ihre Gabel zur Seite und kaute hastig den Bissen zu Ende. Sie seufzte einmal tief und holte Luft. Dann klappte sie die Lederhülle auf, in der sie das Gerät zum Schutz vor Kratzern aufbewahrte. Sie war natürlich neugierig, was es so Dringendes gab. Nicht umsonst hatte sie sich vor mehr als zehn Jahren für den Journalismus als Beruf entschieden, obwohl die Bedingungen schon damals alles andere als rosig waren. Schlecht bezahlt. Hoher Konkurrenzdruck. Miserable Arbeitszeiten. Aber die Neugier … die Neugier und ihr großer Drang, die Welt zu verändern, ließen Stefanie jeglichen Rat ihrer Universitätsprofessoren und Lehrer, besser etwas »Gescheites« zu lernen, ignorieren.

      »Steinrigl ist tot«, stand nüchtern in der Messenger-Nachricht von Facebook, die ihr ihre Freundin Meggie Winter geschickt hatte. »Freu dich, der alte Sack von Finanzminister wird uns nicht mehr das Leben schwermachen!!«, war dagegen in der Signal-Nachricht von Paul Mond zu lesen. Sie schrieb beiden kurz zurück: »WOW!!!! Was für News!« Die anderen Nachrichten waren Push-Mitteilungen von diversen Nachrichtendiensten, die sie abonniert hatte und die ebenfalls mit Steinrigls Tod Alarm schlugen. Diese konnte sie getrost ignorieren.

      Die halb aufgegessene Paella, die so schmeckte, als wäre sie mit billigem Fertig-Pulver und viel zu lange gekocht worden, hatte die Journalistin nun völlig vergessen. Emotional ließ sie der Tod des Finanzministers erst einmal kalt. Es löste nichts in ihr aus. Absolut nichts. Als Privatperson hatte sie Wolfgang Steinrigl nie kennengelernt. Als Politiker hatte sie ihn in ihren Kommentaren oft genug kritisiert. Für sie war er ein unsympathischer konservativer Politiker, der das österreichische Sozialsystem immer weiter aushöhlte, dem Staat am Ende nur geschönte Bilanzen präsentierte und dabei auf die Änderungen, die das Land wirklich brauchte, vergaß. Sie verstand daher die Freude von Paul über den Tod Steinrigls. Sie selbst dachte sich eher, den vorzeitigen Tod, den hatte keiner verdient. Auch kein Arsch, der oft genug versucht hatte, bei ihrem Chefredakteur zu intervenieren, um ihre Berichte zu stoppen.

      Statt weiter zu essen, begann sie aber dennoch zu recherchieren. Schließlich gab es da etwas, was sie durchaus stutzig werden ließ bei der Sache: Wie war Steinrigl eigentlich gestorben? Sie hoffte, das als Erstes auf Twitter rauszufinden. »›Mehr privat, weniger Staat‹ hat damit hoffentlich ein Ende«, schrieb einer der schärfsten Kritiker Steinrigls auf Twitter. Stefanie kannte ihn persönlich und versah seinen Eintrag sofort intuitiv mit einem Smiley. Doch das war jetzt nicht das, was sie am meisten interessierte. Verdammt, sie wollte wissen, wie der Finanzminister gestorben war!

      Wolfgang Steinrigl war schon immer einer gewesen, der gerne mit teuren Dingen protzte. Interessanterweise hatte das die Bevölkerung nie gestört, im Gegenteil. Er gab den Menschen das Gefühl, dass auch sie das alles, was er hatte, erreichen konnten. Frei nach dem amerikanischen Motto: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Zuletzt hatte er vor allem mit seinem supertollen neuen Wagen, den er eigens aus den USA hatte einfliegen lassen, ordentlich angegeben. Ein autonomes Auto. Und genau dieses war es, das Stefanie schon vor

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