Ströme meines Ozeans. Ole R. Börgdahl

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Ströme meines Ozeans - Ole R. Börgdahl

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hat Victor nicht gleich an seinem ersten Tag auf Tahiti geschrieben. Er hat erst noch Eindrücke gesammelt, um mir mehr von dieser neuen Welt zu berichten. Papeete ist eine lebhafte Stadt. Die Menschen sprechen tatsächlich Französisch, aber nur die Menschen in der Stadt. Es gibt eine große Anzahl Europäer in Papeete, bei Weitem nicht alles Franzosen. Es gibt eine katholische und eine evangelische Kirche. Die Katholiken sind streng, das wird Mutter gefallen. Dann schreibt Victor über das Land. Er schreibt, dass er es eigentlich nicht beschreiben kann. Ich weiß, dass Victor sich nie für Blumen oder Pflanzen interessiert hat. Das, was er auf Tahiti gesehen hat, muss ihn aber dennoch beeindruckt haben. Er schreibt eine Seite lang nur über die Natur. Neben all diesem Berichten, diesem Beobachten, vergisst er aber auch nicht über seine Gefühle zu schreiben. Seine Worte haben mich sehr berührt. Ich habe sogar kurz geweint, weil ich Victor jetzt doch so sehr brauche. Ich habe den Brief zweimal, dreimal, ach, ich weiß nicht wie oft, gelesen. Ich habe laut gelesen, ich habe unseren Kindern den Brief ihres Vaters vorgelesen und ich habe ihn dann wieder still gelesen, nur für mich, mit der Kraft meines Herzens.

      Allaire, 20. März 1895

      Ich habe mich im Bett aufgerichtet und Mutter hat mir mein Buch, Tinte und Feder und ein Tablett als Unterlage gegeben. Ich muss aufpassen, die frischen Laken nicht mit der Tinte zu bespritzen. Mutter sitzt neben der Wiege und sieht den Mädchen beim Schlafen zu. Ich habe sie vor einer Stunde gestillt. Ich brenne darauf, meinem Tagebuch alles zu berichten. Ein Brief an Victor ist schon seit heute Morgen fertig und geht am Abend auf die Kutsche nach Allaire. Ich brauche nicht lange zu überlegen und beginne mit dem Morgen des 17. März. Dieser Morgen war nicht anders als an den Tagen zuvor. Ich habe nichts Ungewöhnliches gespürt, als wir durch den Park gingen. Ich hatte in der Nacht sehr gut geschlafen, was in den letzten Wochen nicht immer der Fall war, aber die Nacht vom 16. auf den 17. war sehr gut, als wenn mein Körper Kraft sammeln wollte. Der Spaziergang fiel mir leicht. Als wir den See erreicht hatten, flog aber plötzlich ein Schmerz durch meinen Körper. Es ging so schnell vorbei, wie es heftig war, ich konnte noch nicht einmal aufschreien. Ich ging vorsichtig weiter, vorsichtiger als sonst. Mutter fiel es erst auf, als wir schon die Abzweigung in den Wald genommen hatten. Ich musste stehen bleiben, als erneut eine Wehe kam. In diesem Moment war mir bewusst, dass es heute passieren würde. Ich freute mich sogar. Es waren vielleicht noch fünfhundert Meter bis zum Sanatorium, durch den Wald und den Rest durch den Park. Mutter und ich sind weitergegangen. Ich war davon überzeugt, es zu schaffen. An dem Findling machten wir noch einmal halt. Ich stützte mich mit der flachen Hand an den kalten Felsen und da durchfuhr mich erneut eine Wehe. Ich wusste sofort, dass ich nicht weitergehen konnte. Mutter erstarrte ganz kurz, sah mich an, es waren nur Sekunden und dann begann Mutter zu laufen, sie lief das letzte Stück aus dem Wald heraus auf die Parkfläche. Ich hörte sie um Hilfe schreien. Ich spürte auch, wie mir eine warme Flüssigkeit an den Beinen herunterlief. Ich weiß nicht, wie lange es dann noch dauerte, wie lange es dauerte, bis ein Mann mit einer Decke mich erreichte. Mutter kam auch hinzu. Sie wollten mich auf der Decke forttragen, zum Sanatorium, aber sie stellten fest, dass es zu spät war. Ich sank neben dem Felsen auf die Decke nieder. Ich erkannte Dr. Delanis und Schwester Catherine. Mutter hielt mir die Hand und ich dachte noch, dass ich jetzt wohl Schwester Armelle bräuchte, dass es ohne meine Hebamme nicht gehen würde. Es ging so schnell, ich empfand einen heftigen Schmerz, aber es war nicht schlimm, ich konnte es ertragen. Ich sah, wie sie mein Kind in eine Decke wickelten. Dann spürte ich auch schon, wie sie mich auf eine Bahre legten, mich zu allen Seiten abstützten und eilig zum Sanatorium brachten. In einem Zimmer, das jetzt als Kreißsaal diente, wurde ich gewaschen. Sie zogen mir die Kleider aus und dann kam wieder dieser Schmerz, ich weiß nicht mehr wie oft. Dann war es vorbei, die Schwester gab mir meine Kinder in die Arme, beide, meine beiden Mädchen. Dr. Delanis nickte mir zu, Mutter hielt noch immer meine Hand. Schwester Armelle ist erst viel, viel später gekommen, Stunden später, sie hat ihren Einsatz verpasst, aber ich bin nicht böse darum, es war ja auch meine Schuld. Ich habe noch am selben Tag die Namen meiner Kinder bestimmt, Julie und Thérèse Jasoline. Ich bin sehr stolz und Victor wird es auch sein.

      Allaire, 22. März 1895

      Ich liege weiter zu Bett, habe aber heute einen großen Empfang gegeben. Vater ist schon gestern aus Gayton eingetroffen. Er ist ganz stolz und kann sich gar nicht vom Bettchen seiner Enkelinnen trennen. Am Nachmittag waren dann die Tanten und Onkels da und Anne, Roger und Bernhard, der fast schon auf gepackten Koffern sitzt. Er wird mir nach Marseille vorausreisen. Er nimmt natürlich ein anderes Schiff, eines, das ihn nach Madagaskar bringt. Anne suchte immer eine Möglichkeit, mit mir alleine zu reden, es ist ihr aber nicht gelungen, weil ich doch ans Bett gefesselt bin und alle immer um mich herum waren. Die Mädchen haben geschlafen, als ich den großen Besuch für sie empfangen habe.

      Allaire, 23. März 1895

      Anne konnte wohl nicht mehr warten, sie hat heute erneut den Zug genommen und ist von Vannes nach Redon gefahren und dann mit der Kutsche bis zu mir nach Allaire. Sie war ganz erregt, suchte Rat, den ich ihr aber nicht geben konnte. Es ist nicht richtig, einen Mann zu treffen, solange er noch nicht geschieden ist. Das waren meine Worte und dann fing Anne zu weinen an. Ich habe dann alles erfahren. Die Frau von Annes Liebhaber erwartet ihr viertes Kind und eine Trennung ist nicht mehr so einfach. Ich habe Anne geraten, erst einmal abzuwarten. Ich habe ihr aber nicht gesagt, dass ich eine solche Verbindung schon längst abgebrochen hätte, wenn ich in ihrer Lage gewesen wäre. Hinterher hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich hätte es ihr doch raten müssen, vielleicht gibt es ja noch einmal die Gelegenheit oder ich schreibe ihr.

      Allaire, 25. März 1895

      Heute habe ich wieder Besuch empfangen. Es war eine kleine Überraschung, plötzlich stand Madame Bernier in der Tür. Ich kann seit zwei Tagen das Bett verlassen und so hat sie mich beim Briefeschreiben am Tisch vorgefunden. Ich habe uns Kaffee und Gebäck bestellt, was mir ausnahmsweise gestattet wurde. Ich habe ihr dann natürlich stolz meine beiden Mädchen gezeigt. Madame Bernier ist extra aus Paris angereist. Sie hat sich ein paar Tage freigenommen. Sie arbeitet jetzt für eine Familie mit vier Kindern. Es ist ein richtig großer Haushalt mit Kindermädchen, Köchin und sogar einem persönlichen Diener für die Herrschaft. Madame Bernier ist dort Wirtschafterin. Eine so gute Stellung hätte sie bei Victor und mir nicht haben können. Später sind wir noch im Park spazieren gegangen. Mutter hat uns begleitet. Wir haben Madame Bernier gezeigt, wo ich Julie geboren habe. Sie war etwas über den nackten Waldboden erschreckt, aber ich habe ihr versichert, dass es schlimmer aussieht, als es war.

      Allaire, 28. März 1895

      Noch ein Besuch, Onkel Gustave ist der Letzte aus der Verwandtschaft, der sich die Mädchen angesehen hat, und die Amerikaner, also Pierre und Jacques haben sie natürlich auch noch nicht gesehen. Onkel Gustave hat in Vannes ein Konto auf die Namen der Mädchen eröffnet und für jede zehntausend Francs eingezahlt. Ein großzügiges Geschenk. Wir werden es in Empfang nehmen, sobald wir aus Ozeanien zurück sind. Onkel Gustave wird noch heute mit Vater nach Liverpool reisen, sodass Mutter und ich alleine in Allaire zurückbleiben. Vater will erst in Marseille wieder zu uns stoßen.

       Marseille, 17. April 1895

      Wir sind bis kurz nach Ostern im Sanatorium geblieben. Die Mädchen sind jetzt einen Monat alt. Ich habe mich bei allen bedankt. Von Allaire aus ging es zunächst mit der Kutsche nach Redon, wo wir noch einmal Schwester Armelle getroffen haben. Von Redon aus haben wir dann den Zug nach Marseille genommen. Mutter wollte eigentlich erst nach Paris zurückkehren und dort bis zur Abreise warten. Ich kann aber nicht zurück nach Paris, nicht ohne Victor. Ich ertrage es nicht, ohne ihn in der Rue Marcadet zu leben und wenn es auch nur ein paar Wochen sind. Außerdem habe ich Paris schon hinter mir gelassen. Wir sind daher gleich nach Marseille gereist und bleiben hier noch drei Wochen in einem Hotel wohnen.

      Marseille,

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