Die Flucht ohne Ende. Йозеф Рот
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Irene verkehrte bei einer befreundeten Familie aus Triest. Es war eine alte Familie, die seit Dezennien von Kachelöfenerzeugung lebte und von klassischen Statuen aus Gips. Dieser Familie sind die meisten Diskoswerfer zuzuschreiben, die unter Glasstürzen auf Mahagonivitrinen stehen. Ein Zweig der Triestiner Familie hatte – wahrscheinlich aus geschäftlichen Gründen – dem Irredentismus gehuldigt, seine Büros nach Mailand verlegt und sich von dem habsburgertreuen Familienteil getrennt. Beide Lager wechselten nicht einmal mehr Hochzeitstelegramme. So tiefgehende Konsequenzen kann der Patriotismus erzeugen.
Nach dem Kriege knüpften sich die Beziehungen wieder langsam an. Da der Sieg zur Großmut verpflichtet, streckte der italienische Teil der Familie dem österreichischen zuerst die Hand entgegen. Es war ein Neffe, der von Mailand nach Wien kam – und das ist der Mann, den Irene schließlich heiratete.
Er eroberte sie durch Galanterie. Es war in jenen Tagen bei deutschen Männern eine seltene Eigenschaft – sie ist es noch heute. Er war unbedeutend, flink, geschäftstüchtig, er verdiente Geld und besaß die große weltmännische Fähigkeit, geizig zu sein und gleichzeitig einer Frau kostbare und überraschende Geschenke zu machen. Sein persönlicher Geschmack stand in einem verblüffenden Gegensatz zu seinem beruflichen. In seinem Hause befand sich nicht eine einzige jener Statuen, die er fabrizierte. –
Irene war froh, als sie ihre väterliche Villa verließ und nach fünfzehn Jahren zum erstenmal die adelige Dame.
Da der Hund dem Ehepaar folgte, übernahm die Wirtschafterin auch einen Teil seiner Funktionen: sie knurrte den Briefträger an.
Irene vergaß Tunda nicht. Ihr erstes Kind, es war ein Mädchen, nannte sie gegen ihren guten Geschmack: Franziska.
4
Ich habe erzählt, wie Tunda für die Revolution zu kämpfen begann. Es war ein Zufall.
Er vergaß seine Braut nicht, aber er befand sich nicht mehr auf dem Wege zu ihr, sondern schon in der Nähe von Kiew und auf dem Marsch nach dem Kaukasus. Er trug einen roten Stern, seine Stiefel waren zerrissen. Noch wußte er nicht, ob er in seine Kameradin verliebt war. Aber nach althergebrachter Sitte schwor er ihr einmal Treue. Er begegnete ihrem Widerstand gegen jede Poesie und fühlte den Zusammenbruch ewiger Gesetze.
»Ich werde dich niemals verlassen«, sagte Franz Tunda.
»Ich werde dich loswerden!«, erwiderte das Mädchen.
Man nannte sie Natascha Alexandrowna. Sie war die Tochter eines Uhrmachers und einer Bäuerin, hatte sich früh mit einem französischen Parfümerie-Fabrikanten verheiratet und nach einem Jahr von ihm scheiden lassen. Sie zählte heute dreiundzwanzig Jahre. Ihr Gesicht veränderte sich manchmal. Ihre gewölbte Stirn legte sich in viele kleine Falten, ihre starken, kurzen Augenbrauen schoben sich eng zusammen, die zarte Haut ihrer Nase straffte sich über dem Knochen, die Nasenlöcher wurden schmal, die Lippen, immer rund und halb offen, preßten sich gegeneinander wie zwei verbissene Feinde, der Hals streckte sich vor wie ein suchendes Tier. Ihre Pupillen, sonst braun, rund, in dünnen goldenen Ringen, wurden schmale grüne Ovale, zwischen zusammengezogenen Lidern wie Klingen in Futteralen. Sie wollte von ihrer Schönheit nichts wissen, rebellierte gegen sich, hielt ihre Weiblichkeit für einen Rückfall in die bourgeoise Weltanschauung und das ganze weibliche Geschlecht für den unberechtigten Überrest einer besiegten, verröchelnden Welt. Sie war mutiger als die ganze männliche Schar, in deren Mitte sie kämpfte. Sie wußte nicht, daß Mut die Tugend der Frauen ist und Furchtsamkeit die Klugheit der Männer. Sie wußte auch nicht, daß alle Männer nur deshalb ihre guten Kameraden waren, weil alle sie liebten. Sie wußte nicht, daß Männer keusch sind und sich schämen, ihre Herzen zu verraten. Sie hatte sich keinen von ihnen genommen; sie hatte keines einzigen Liebe gemerkt, weil sie bürgerlicher war, als sie sich zugestehen durfte.
Die Männer ihres Zuges waren Matrosen, Arbeiter, Bauern, ohne Bildung und von der Unschuld der Tiere. Tunda war der erste Mann von bürgerlicher Beschaffenheit. Ihn nahm sie sofort. Sie ahnte nicht, daß es der deutliche Rückfall in die Bürgerlichkeit war. Sie anerkannte seine erotische Ebenbürtigkeit, sie verspottete seinen bürgerlichen Horizont. Sie nahm sich vor, aus diesem Material einen Revolutionär zu machen. Sie wußte nicht, daß es ihr nur gelingen konnte, weil sie und er, in der Mitte der anderen, dennoch auf einer unnahbaren Insel lebten und trotz ihrer verschiedenen Überzeugungen einander am schnellsten verstanden.
Natascha Alexandrowna verliebte sich in Tunda, regelrecht, nach allen von ihr bekämpften Liebesgesetzen der alten, von ihr verleugneten Welt. Deshalb sagte sie: »Ich werde dich loswerden«, und wußte nicht, daß sie log. Tunda schwor zuerst ewige Liebe mit der Sicherheit aller oberflächlichen Männer, denen viele kluge Frauen anheimgefallen sind. Erst der programmatische und unwahre, aber verblüffende Widerstand der Frau und ihr selbstbewußter und ihm so ungewohnt schroffer Verzicht auf alle Süßigkeiten männlicher Verführung machten ihn verliebt – zum erstenmal in seinem Leben.
Nun erst entschwand ihm seine Braut, mit ihr sein ganzes früheres Leben. Seine Vergangenheit war wie ein endgültig verlassenes Land, in dem man gleichgültige Jahre verbracht hat. Die Photographie seiner Braut war eine Erinnerung wie die Ansichtskarte von einer Straße, in der man gewohnt hat, sein früherer Name auf seinem echten Dokument wie ein alter polizeilicher Meldezettel, nur der Ordnung wegen aufgehoben.
Natascha sah einmal die Photographie seiner Braut, und obwohl sie eifersüchtig wurde, gab sie ihm das Bild mit einer gleichgültigen Hand zurück und sagte:
»Ein guter bürgerlicher Typ!«
Es war, als hätte sie das alte, aber für seine Zeit im Verhältnis noch anständig gebaute Modell einer heute schon weit übertroffenen Pistole betrachtet, für moderne revolutionäre Kriegführung unmöglich zu gebrauchen.
Wie gut wußte sie die Stunden ihres Tages einzuteilen, die Kameradschaft mit dem Genuß der Liebe zu verbinden und diesen mit der Pflicht des Kampfes!
»Um elf Uhr dreißig rücken wir vor«, sagte sie zu Tunda, »jetzt ist neun. Wir essen bis halb zehn, du zeichnest die Karte für Andrej Pawlowitsch, um zehn bist du fertig, bis elf Uhr dreißig können wir miteinander schlafen, wenn du nicht fürchtest, dann müde zu sein. Mir macht es gar nichts!«, fügte sie mit einem leisen Hohn hinzu und überzeugt, daß sie wieder einmal ihre männliche Überlegenheit bewiesen hatte.
Sie blieb wach und kontrollierte ihre Genüsse wie ein Posten die Geräusche der Nacht. Die körperliche Liebe war eine Forderung der Natur. Natascha erhob die Liebe fast zu einer revolutionären Pflicht und hatte fortab ein reines Gewissen. Tunda hatte sich weibliche Soldaten immer so vorgestellt. Diese Frau war wie aus Büchern gestiegen, ihrer literarisch bekräftigten Existenz ergab er sich mit Bewunderung und der demütigen Treue eines Mannes, der nach falschen Überlieferungen in einer entschlossenen Frau eine Ausnahme sieht und nicht die Regel.
Er wurde ein Revolutionär, er liebte Natascha und die Revolution.
Viele Stunden des Tages benutzte Natascha dazu, ihn und ihre Leute »politisch aufzuklären« und Tunda besondern Nachhilfeunterricht zu erteilen, weil er von der Revolution weniger verstand als die Arbeiter und Matrosen.
Es dauerte lange, ehe er es sich abgewöhnte, bei dem Wort »Proletariat« an Gründonnerstag zu denken. Er war mitten in der Revolution, und er vermißte noch die Barrikaden. Als seine Leute – denn er kommandierte sie jetzt – einmal