Die wichtigsten Werke von Leo Tolstoi. Leo Tolstoi

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Die wichtigsten Werke von Leo Tolstoi - Leo Tolstoi

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der Adjutant lächelnd.

      Verwundert über diese Worte wandte sich Kutusow um.

      Der Bericht des Generals enthielt hauptsächlich eine Kritik der neuen Stellung bei Zarewo-Saimischtsche. Kutusow hörte ihn ebenso zerstreut an wie vorhin Denissow und sieben Jahre früher am Abend vor der Schlacht bei Austerlitz im Kriegsrat. Er hörte nur, weil er Ohren hatte, welche auch ohne seinen Willen hörten. Man sah, daß ihn nichts wunderte oder interessierte, daß er voraus wußte, was man ihm erzählen konnte, und daß er alles geduldig anhörte, wie man ein Tedeum anhört. Was Denissow gesagt hatte, war klug und vernünftig gewesen, was der General vom Dienst ihm vortrug, war noch klüger und vernünftiger. Aber Kutusow verachtete das Wissen und die Klugheit, denn nach seiner Ansicht mußte etwas anderes die Entscheidung bringen. Fürst Andree beobachtete aufmerksam seine Miene, welche zuerst Langeweile, dann Neugierde bei dem Rauschen des Kleides ausdrückte und endlich den Wunsch, die Gebräuche zu beobachten. Er traf nur eine Verfügung in betreff der Plünderer. Der General vom Dienst reichte ihm zur Unterschrift einen Befehl an die Korpsgenerale, für die Kriegsschäden, die die Soldaten anrichten, Entschädigung zu zahlen, infolge der Klage eines Landbesitzers, dessen Haferfeld verwüstet worden war. »Ins Feuer! Ins Feuer damit!« rief Kutusow. »Ein für allemal, mein Freund, wirf alle Dummheiten ins Feuer! Man mag das Getreide schneiden, oder den Wald verbrennen, so viel man will! Ich werde es weder befehlen noch erlauben, aber es steht nicht in meiner Macht, es zu verhüten, noch die Leute zu entschädigen. Wenn man Balken zimmert, fliegen Späne!« Dann überflog er nochmals den Rapport. »Ach«, sagte er, »diese deutsche Kleinlichkeitskrämerei.«

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       Inhaltsverzeichnis

      »Nun, das ist alles«, fügte er hinzu, nachdem er das letzte Papier unterzeichnet hatte. Dann erhob er sich und ging nach der Tür des Hauses.

      Popadia, die Frau des Geistlichen, ergriff errötend und hastig das Tragbrett, auf welchem Salz und Brot lagen, und näherte sich Kutusow mit einer tiefen Verbeugung, der ihr dankte und das Kinn streichelte.

      »Hübsches Frauchen!« sagte er, »ich danke, mein Täubchen.«

      Dann zog er aus seiner Westentasche einige Goldstücke und legte sie auf das Tragbrett. »Geht es dir gut hier?« fragte er sie, indem er in das Zimmer trat, das für ihn vorbereitet worden war. Popadia folgte ihm lächelnd mit Grübchen auf dem errötenden Gesicht.

      Der Adjutant forderte den Fürsten Andree auf, mit ihm zu frühstücken. Eine halbe Stunde später ließ ihn Kutusow rufen. Andree fand ihn auf einem Lehnstuhl ausgestreckt, mit aufgeknöpfter Uniform und einen französischen Roman lesend: ›Die Schwanenritter‹, von Madame Genlis. »Setze dich!« sagte Kutusow, indem er das Buch beiseite legte. »Es ist sehr traurig! Sehr traurig! Aber erinnere dich, mein Freund, daß ich dein zweiter Vater bin.«

      Fürst Andree erzählte ihm von den letzten Augenblicken seines Vaters. »Wie weit ist es gekommen!« sagte plötzlich Kutusow. »Aber es wird anders werden!« rief er zornig. »Ich habe dich kommen lassen, um dich bei mir zu behalten«, sagte er nach kurzem Schweigen.

      »Ich danke Durchlaucht«, erwiderte Fürst Andree, »aber ich tauge nicht für den Dienst im Generalstab.«

      Kutusow sah ihn forschend an.

      »Und überdies«, fuhr Andree fort, »liebe ich mein Regiment und könnte mich nicht von ihm trennen. Wenn ich auf die Ehre verzichte, bei Ihrer Person zu bleiben, glauben Sie mir, daß …«

      »Ich bedaure es, du wärest mir nützlich gewesen, aber du hast recht«, sagte Kutusow wohlwollend, mit etwas spöttischem Ton, »nicht hier sind Männer nötig. Wenn alle diese Ratgeber, wie du, in den Regimentern dienen möchten, so wäre es viel besser! Ich erinnere mich deines Benehmens bei Austerlitz, ich sehe dich noch mit der Fahne in der Hand.«

      Andree errötete in freudiger Erregung. Kutusow zog ihn an sich, umarmte ihn, und Andree konnte sehen, daß seine Augen feucht wurden. »Gehe, wohin dich Gott führen wird, ich weiß, es ist der Weg der Ehre! Du wärest mir in Bukarest sehr nützlich gewesen, da gab es auch Ratgeber, wie hier. Eine Festung nehmen, das ist nichts, aber einen Feldzug zum guten Ende führen, das ist die Schwierigkeit. Dazu genügt es nicht, nur zu stürmen und anzugreifen, man muß Geduld haben und die rechte Zeit abwarten. Kaminsky hat mit dreißigtausend Mann Festungen erstürmt, aber ich habe nur mit Zeit und Geduld mehr Festungen als er genommen und die Türken Pferdefleisch fressen lassen! … Glaube mir«, sagte er, auf seine Brust schlagend, »die Franzosen werden’s auch versuchen.«

      »Man wird aber doch eine Schlacht annehmen müssen«, sagte Fürst Andree.

      »Ja, ohne Zweifel, wenn es alle wollen, aber ich sage dir, es gibt keinen besseren Soldaten als die Zeit und die Geduld, diese erreichen alles! Aber die Ratgeber begreifen das nicht, das ist eben das Unglück. Adieu, mein Freund, wenn du etwas nötig hast, so komme zu mir!« Er umarmte ihn.

      Mit einem Seufzer ließ sich Kutusow in einen Lehnstuhl nieder und griff wieder zu seinem Roman. Diese Unterhaltung hatte auf Andree eine beruhigende Wirkung hervorgebracht. Er kehrte zuversichtlicher zu seinem Regiment zurück. Er wußte, daß dieser Greis nichts erfinden und nichts unternehmen, aber alles im rechten Augenblick benutzen und nichts Schädliches zulassen werde. Trotz des französischen Romans und der französischen Redensarten, die Kutusow anwandte, wußte Andree, daß ein echt russisches Herz in ihm schlug und seine Ernennung von der Nation mit einstimmigem Beifall aufgenommen worden war.

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       Inhaltsverzeichnis

      Nach der Abreise des Kaisers nahm Moskau sein alltägliches Leben wieder auf und die Begeisterung der letzten Tage schien nur ein Traum gewesen zu sein. Inmitten des Schweigens, das nun folgte, schien niemand mehr an die Wirklichkeit der Gefahr zu glauben. Die Annäherung des Feindes machte die Moskauer nicht ernsthafter, sie sahen im Gegenteil ihre Situation mit wachsendem Leichtsinn an, wie es oft vor einer Katastrophe der Fall ist. Dann erheben sich in der Seele zwei Stimmen von gleicher Stärke, die eine predigt die Notwendigkeit, der bevorstehenden Gefahr ins Auge zu sehen und an Gegenmittel zu denken, die andere findet, es sei peinlich, daran zu denken, weil es dem Menschen nicht gegeben sei, dem Unvermeidlichen zu entgehen, und weil es daher einfacher sei, die Gefahr zu vergessen und vergnügt weiter zu leben bis zu dem Augenblick, wo sie eintritt. In der Einsamkeit hört man auf die erstere dieser Stimmen, die meisten aber gehorchen der zweiten, und die Moskowiter waren ein neues Beispiel dafür, denn niemals war man in Moskau so vergnügungssüchtig wie in diesem Jahr. Man las und besprach die neuesten Ankündigungen des Gouverneurs Rostoptschin, wie man einen Band neuer Gedichte bespricht. Man sagte, alle Fremden seien aus Moskau ausgewiesen, weil es Spione darunter gegeben habe. Das Regiment, welches Mamonow ausgerüstet habe, koste ihn achthunderttausend Rubel, und Besuchow werde das seinige noch mehr kosten, und es mache ihm alle Ehre, daß er die Uniform anziehen und seinem Regiment vorausmarschieren und sich von jedem gratis bewundern lassen werde.

      »Sie schonen niemand«, sagte Julie Drubezkoi zu Schinschin, mit einem kleinen Knäuel Scharpie in der Hand, das sie verfertigt hatte. Sie gab eine Abschiedsgesellschaft, weil sie am nächsten Tage Moskau verlassen wollte. »Besuchow ist lächerlich«, sagte sie französisch, »aber er ist so gutmütig und liebenswürdig! Welches Vergnügen finden Sie darin, so kaustisch zu sein?«

      »Sie zahlen Strafe!« rief ein junger Mann, welchen Julie ihren Chevalier nannte, und der sie nach Nishnij

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