Gaias Vermächtnis. Hans-Rudolf Zulliger

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Gaias Vermächtnis - Hans-Rudolf Zulliger

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Junitag 2015 mähte ich zusammen mit einem Hilfsgärtner meine Blumenwiese. Der junge, kräftige Mann schwang fachmännisch meine alte, frisch geschärfte Sense, die fast lautlos durch das hohe Gras glitt. Ich hatte ihn angeheuert, weil ich die ohrenbetäubend lauten, stinkenden und mit Zweitaktmotoren angetriebenen, rotierenden Rasentrimmer als schädlich für die Umwelt betrachte. Sie wirbeln unnötig Staub auf, verpesten die Luft und töten Käfer und andere Kleintiere, und Zeit gewinnt man mit diesen Dreckschleudern auch nicht. Während der fleißige Mann mähte, legte ich das Gras mit allen Kräutern und Blumen an der Sonne zum Trocknen aus, damit die Samen sich lösen und auf den Boden fallen konnten – eine jahrtausendealte Methode, um Natur zu erhalten und sich entwickeln zu lassen. Jedes Frühjahr erfreue ich mich erneut an der Farbenpracht dieser Wiese; zahlreiche Schmetterlinge, Grillen, Vögel und viele Insekten finden dort ihre Nahrung und halten Schädlinge in Schach.

      Inzwischen stieg die Temperatur auf etwa dreißig Grad. Wir unterbrachen die Arbeit und erholten uns bei einem kühlen, alkoholfreien Bier. Seit ich an diesem Buch arbeite, frage ich meine Gegenüber gelegentlich, was sie von Nachhaltigkeit halten. Dieser Moment schien mir dafür geeignet: »Was halten Sie von Nachhaltigkeit?« Der Gärtner sah mich fragend an und gestand: »Ich weiß nicht viel davon, finde aber, dass man alles etwas übertreibt.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Mit dem Klima müssen wir allerdings aufpassen.« Er hob sein Glas, nahm einen kräftigen Schluck vom schäumenden Bier und war sichtlich erfrischt und zufrieden. Dabei dachte ich: Es gibt keine wirksamere Methode, die zunehmende Klimaerwärmung zu vermitteln, als diese am eigenen Leibe zu spüren.

       Ölkrise 1973/74

      Meine Erinnerungen an Umweltsünden gehen in meine frühe Kindheit zurück, mein Vater warnte mich vor giftigen Autoabgasen. Kurz nach seiner Lektion spazierten wir Hand in Hand an einer Autokolonne vorbei. Ich fragte ihn: »Weshalb dürfen die Autos das giftige Abgas in die Luft lassen?« Er antwortete etwas ausweichend, dass sich das Gift in der Luft verteilen würde und somit unschädlich sei. Diese Antwort hat mich schon dazumal nicht befriedigt. Den Beweis, dass meine Zweifel berechtigt waren, habe ich viele Jahre später in Kalifornien am eigenen Leib erlebt.

      1974 wohnten wir in Portola Valley, Kalifornien, etwa 50 km südlich von San Francisco. Für meine tägliche Autofahrt zu unserer kleinen Hightech-Firma Nuclear Semiconductor, Inc. in Mountain View, benötigte ich, je nach Verkehr, etwa 25 Minuten. Die Erinnerung an die Warnung meines Vaters vor giftigen Autoabgasen war mir immer noch präsent. Mein häufig irritierter Hals und das andauernde Hüsteln im Sommer klärte sich erst bei einem Arztbesuch auf, der meine Beschwerden mit der verpesteten Luft in Verbindung brachte. Von der erhöhten Lage unseres Wohnorts war es unübersehbar, dass die gelbbraune Smogwolke über der San Francisco Bay die Ursache dieser unangenehmen Beeinträchtigung war. Zusammen mit meinem Geschäftspartner, der im gleichen Dorf wie wir wohnte, hatten wir schon lange eine Fahrgemeinschaft gegründet, in der wir abwechslungsweise den anderen zur Arbeit mitnahmen. Meine Frau und ich besaßen einen VW-Käfer, den ich mit einem Katalysator aufgerüstet hatte, mein Kollege fuhr einen Porsche. Dieses Arrangement schien zu dieser Zeit die beste Lösung für unseren täglichen Transport zu sein.

      Im Herbst 1973 brach jedoch eine Erdölkrise aus. Libyen verstaatlichte Erdölfirmen, die OPEC erhöhte den Basispreis von Erdöl um 70% und drosselte die Fördermenge um 5%. Kurz darauf beschlossen Abu Dhabi und andere Erdöllieferanten einen Boykott gegen die USA. Benzin wurde in ganz Amerika knapp, lange Schlangen bildeten sich vor den Tankstellen. Zwischen den Wartenden brachen regelrechte Schlachten aus. Es wurde allen klar: Benzin war die Lebensader des Landes. Die Regierung beschloss eine Rationierung: Die Besitzer der Autonummern mit geraden Zahlen konnten an den geraden Monatstagen tanken und diejenigen mit ungeraden Nummern an den ungeraden Tagen. Mein Fahrpartner und ich hatten Glück, denn meine Autonummer endete auf einer geraden Zahl und seine auf einer ungeraden. Überall entstanden »Car Pools«, und wir fanden in der Nachbarschaft noch einen dritten Mitfahrer, der einen kleinen Fiat als gemeinsames Fahrzeug mitlieferte. Wir »kauften« uns als Mitbesitzer dieses Autos ein und teilten alle Kosten solidarisch. Durch diese Aktion hatten wir den Benzinverbrauch und damit die Luftbelastung nochmals reduziert. Wenn viele andere unserem Beispiel gefolgt wären, hätte sich die Krise wesentlich schneller gelegt.

      Unterwegs zur Arbeit diskutierten wir weitere Maßnahmen, um die Energiekrise zu entschärfen. Zufälligerweise entwickelte ein Bekannter im gleichen Gebäude unseres Arbeitsortes Sonnenkollektoren für Schwimmbäder, was uns auf die Idee brachte, das Brauchwasser und die Häuser im Winter mit Sonnenenergie zu erwärmen. Weitere Kollegen stießen dazu, und am 12. Juni 1975 gründeten wir eine der ersten Sonnenenergiefirmen, Alten Associates Inc., in Mountain View. Für die erste Installation stellte uns ein mutiger Freund sein Haus zur Verfügung. In seinem Garten vergruben wir einen 4000 Liter fassenden isolierten Wassertank, schraubten unsere neu entwickelten Kollektoren auf sein Flachdach und dichteten die Schraubenlöcher fachmännisch mit flüssigem Teer ab. Am nächsten Morgen schlug die Frau des Besitzers Alarm: Sie hatte alle 60 cm schwarzen Teer auf ihrem weißen langhaarigen Teppich gefunden! Doch unser Freund, der bei der NASA arbeitete, beruhigte alle und brachte einen Sack voll Trockeneis, das er sorgfältig auf die Teerstellen streute. Nach kurzer Zeit zerschlug er den hart gefrorenen Teer mit einem Hammer und bürstete die kleinen Bruchstücke weg. Die schnelle Reaktion meines Freundes imponierte mir, denn sie zeigte auf, dass Innovation immer auch an die Bereitschaft und an die Fähigkeit geknüpft ist, Fehler im Entwicklungsprozess korrigieren zu können.

      Die Ölkrise ging vorbei, doch der Smog blieb, und trotz einer neuen sechsspurigen Autobahn, der Interstate 280, kämpften wir uns bald wieder durch Staus. Seit Langem wurde behauptet, dass es in der San Francisco Bay Area, im Gegensatz zum berüchtigten Los Angeles, keinen Smog geben werde, doch eine stetig wachsende Smogwolke bedeckt in den Sommermonaten die San Francisco Bay bis weit in den Süden. Inzwischen ist sie 100 km lang, und in der Region sind leider alle Frucht- und Gemüseplantagen verschwunden. Schöne Ortsnamen wie Valley of Heart’s Delight (Santa Clara Valley) und Sunnyvale sind nur noch Erinnerungen an riesige Plantagen mit Blenheim-Aprikosen, Bing-Kirschen, Burbank-Zwetschgen und anderen mehr. Stattdessen sind Zehntausende von Firmen und Millionen von Häusern und Apartments entstanden, das heutige Silicon Valley. Parallel dazu entwickelte sich in der Region ein stetig wachsendes Engagement, den Planeten vor seiner Zerstörung zu bewahren. Zu jener Zeit war der Begriff »Nachhaltigkeit« noch nicht verbreitet, doch hatten sich schon viele Organisationen, wie der Sierra Club, Friends of the Earth und unsere Gruppe Creative Initiative Foundation mit Umweltschutz befasst.

       Ein Begriff und viele Definitionen

      Das Wort Nachhaltigkeit besagt, dass etwas dauerhaft erhalten bleibt, sich erneuert oder entwickelt. Der Begriff an sich hat eigentlich nichts mit Ökologie zu tun, obwohl er ursprünglich in der Forstwirtschaft und in der Landwirtschaft häufig verwendet wurde. Nachhaltigkeit wurde von den Umweltschützern adoptiert und mit sozialen Anliegen ergänzt. Es ist kein geschützter Begriff und darf deshalb auch für andere Zwecke verwendet werden, was die Vielfalt der Interpretationen erklärt.

      Dr. Alfred Strigl, Gründer und Präsident der Firma Plenum in Wien, erhielt 2014 von unserer Stiftung Unterstützung für seinen neuen Lehrgang »Pioniers of Change«, um junge Leute bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit anzuleiten. 2016 hielt er anlässlich des Symposiums unserer Stiftung ein Referat zum Thema »Nachhaltige Transformation – wie tiefe Nachhaltigkeit in die Welt kommt«. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir, dass er über eine längere Zeitspanne 140 verschiedene Definitionen von Nachhaltigkeit gesammelt hatte, die er mit Studenten in seinen Kursen diskutiert. Unter »Nachhaltigkeit als Kulturbegriff« hat er eine interessante Zusammenstellung vorgelegt, auf die ich im Folgenden eingehen möchte [→ Abb. 1].

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      Die am meisten verbreitete Definition findet sich im Bericht, den die UN-Kommission für Umwelt und Entwicklung in Auftrag gegeben hat. Dieser Bericht entstand unter der Führung von

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