.

Чтение книги онлайн.

Читать онлайн книгу - страница 9

Автор:
Жанр:
Серия:
Издательство:
 -

Скачать книгу

»Da Sie gekommen sind, gehe ich davon aus, dass Sie eine Lösung für mein Ansinnen gefunden haben. Wenn Sie mir bitte folgen wollen, ich habe schon alles vorbereiten lassen.«

      Die Dame des Hauses führte von einem Salon in den nächsten, wobei jeder zumindest ebenso mit Pferdefiguren vollgestellt war wie der davor. Nach einem mondänen Arbeitszimmer erreichten sie schließlich einen Wohnsalon, wo auf einer Chaiselongue bereits Lucie wartete, ein Kindermädchen neben sich. Das Kind quietschte vor Freude, als es die Mutter erblickte.

      »Danke, Helene«, sagte diese zu dem Kindermädchen, das sich mit einem Knicks verabschiedete.

      Anna setzte sich auf das mit hellrotem Blumenmuster überzogene Möbelstück und hob ihre Tochter auf den Schoß. »Nun spannen Sie mich nicht weiter auf die Folter, Herr Hieronymus! Was ist Ihnen eingefallen? Wie wollen Sie Lucie ablichten, ohne dass ich zu sehen bin, und so, dass sie trotzdem ruhig genug hält, damit die Belichtungszeit ausreicht für eine scharfe Aufnahme?«

      »Sie haben sich informiert, wie ich sehe.«

      Anna wurde ernst. »Notgedrungenerweise. Sie glauben ja nicht, was man sonst für abenteuerliche Lügenmärchen aufgetischt bekommt.«

      »Gut.« Hieronymus stellte die beiden Koffer auf den Perserteppich und setzte sich auf einen von ihnen. »Ich gestehe, die gestellte Aufgabe ist ebenso herausfordernd wie diffizil. Denn sämtliche Lösungsansätze bedingen eine Mutter, die das Kind zumindest berührt, wie gut auch immer man sie zu verstecken versteht. Doch heute Morgen kam mir eine Idee. Vorher und nachher.« Er dachte an die beiden Bilder in der Ziegelfabrik. »Ich werde ein und dasselbe Foto zweimal machen. Einmal mit Lucie und Ihnen darauf, einmal ohne Sie beide.«

      Anna runzelte die Stirn. »Was genau wollen Sie mit einem Foto, auf dem man nur die Chaiselongue sieht?«

      »Ich ließ mich von der Malerei inspirieren«, fuhr Hieronymus fort. »Dort erarbeitet man auch oft zuerst nur den Hintergrund, bevor man kleinere Details darüber setzt. Ich werde also das Albuminpapier mit Ihnen beiden nehmen und Lucie vorsichtig ausschneiden, sodass auch ihr Schatten gewahrt bleibt, sonst würde sie ja schweben. Dann nehme ich das Albuminpapier mit dem leeren Hintergrund, lege beide Bilder übereinander, fixiere sie mit einer Glasplatte und lichte diese Collage mithilfe einer speziell geschliffenen Linse auf einer Trockenplatte erneut ab.«

      »Und damit wird Lucie alleine sitzen, ohne ihre Geistermutter«, vollendete Anna die Erläuterungen des anderen.

      Hieronymus grinste triumphierend.

      »Stanzerl hat mir nicht zu viel versprochen. Jedoch wird mich dies das Dreifache kosten, habe ich recht?«

      »Sogar etwas mehr, da ich ja Lucies Foto auch noch bearbeiten muss.«

      »Also gut, einverstanden«, sagte Anna ohne Umschweife. »Ich darf Ihnen auf diesem Wege ausrichten, dass Stanzerl sich über einen Besuch Ihrerseits sehr freuen würde.«

      Der Geisterfotograf nickte, unsicher, was er antworten sollte.

      »Und seien Sie gewiss, Herr Hieronymus. Ihr Geheimnis, wie man ein solches Werk herstellt, ist bei mir in guten Händen.«

      »Ich vertraue Ihnen voll und ganz, Frau Anna«, sagte Hieronymus und begann seine Apparatur aufzubauen.

      VII

      »Ich danke Ihnen.« Die krächzende Stimme der Gestalt klang ehrlich und eigenartig warm.

      »Dann … lassen Sie nun von mir ab?« Den Mann mit der Glatze und den buschigen grauen Augenbrauen überfiel ein heftiger Hustenanfall, der ihn und den Stuhl, an den er gefesselt war, gehörig beutelte.

      »So einfach ist es nun auch wieder nicht.«

      »Was wollen Sie denn noch von mir?« Tränen liefen dem alten Mann über die Wangen und lösten sich erst auf, als sie dessen kurze graue Bartstoppeln berührten. Die Augen hielt er fest zugepresst. Von hinten legte sich eine behandschuhte Hand auf seine Schulter, verweilte dort beruhigend, beinahe väterlich.

      »Was nun folgt, hat nichts mehr mit Ihnen zu tun«, sagte die Stimme ruhig. »Es hat etwas mit mir zu tun, mit mir ganz alleine. Kommen Sie, öffnen Sie die Augen.«

      Der Alte schüttelte trotzig den Kopf, gleich einem Kind, das nicht einsehen wollte, dass das von ihm Verlangte nur zu seinem Wohle war.

      »Öffnen Sie die Augen oder ich schneide Ihnen die Lider ab. Sie wissen sehr wohl, was das bedeutet.«

      »Ich kann nicht!« Der Trotz war einem Wimmern gewichen.

      Die Gestalt packte ein Tischchen, das unweit des Gefesselten stand, und zog es ruckartig zu diesem, ungeachtet der großen Vase darauf, die zu Boden stürzte und ohrenbetäubend zerschellte. Dann legte sie die Beißzange und den ehernen Dorn darauf, nahm ein Skalpell in die rechte Hand und setzte dieses am Lidansatz des alten Mannes an.

      Der riss die Augen auf.

      »Hören sie doch auf, um Himmels willen!«

      In diesem Augenblick wurde ihm gewahr, warum er die Augen so fest verschlossen gehalten hatte. Nur wenige Fuß weit entfernt saß Stephania, seine Gemahlin, den Rücken an den breiten Türstock gelehnt, die Arme schlaff zu Boden hängend. Den Hals so weit aufgeschlitzt, dass der Kopf wie ein lästiges Anhängsel vom Torso hing.

      Die Lippen des Alten bebten, immer wieder flüsterte er den Namen seiner Frau. Dann schien ein Ruck durch ihn zu gehen, sein Blick wurde klar, sein Körper spannte sich an.

      »Wissen Sie was? Nehmen Sie mein Leben. Ohne meine Stephania ist es doch nicht mehr lebenswert.«

      »Ah«, raunte die Gestalt. »Die Erkenntnis darüber, was das Leben in seinem Kern ausmacht. Am Ende sind es immer die gleichen Dinge, nicht wahr? Nicht der Reichtum, der einem Halt gibt, nicht der Zuspruch von anderen, der einen antreibt. Es ist einzig der Wunsch, nicht allein auf dieser trostlosen Welt zu sein. Und wenn man diesen letzten Anker lichtet, von dem die meisten glauben, sie würden ihn brauchen wie einen Bissen Brot, dann treibt man im Geiste mutterseelenallein auf dem Ozean der Zeit einem Abgrund entgegen.«

      Der Alte sah die Gestalt verwundert an.

      »Mir deucht, Sie hatten solch tiefsinnige Worte von mir nicht erwartet? Wissen Sie, wenn man, so wie ich, alles verloren hat, jener besagte Anker nicht mehr ist als ein sichtbarer Hauch in einer kalten Wintersnacht, dann beginnt man, die abstrusesten Gedanken zu spinnen. Ich glaube gar von mir behaupten zu können, mehr über das Leben und seine Unbilden nachgedacht zu haben als ein Sokrates, ein Platon oder ein Aristoteles.«

      »Das reine Nachdenken macht aus einem noch keinen Philosophen. Nur wer die richtigen Rückschlüsse zu ziehen imstande ist, den ereilt die Erkenntnis.«

      Die Gestalt lachte auf. »Da ist er ja wieder, der belehrende Tonfall, der mir so gut in Erinnerung geblieben ist. Das arrogante Hinwegsetzen eines Mannes über andere, der überzeugt war, er stünde über diesen. Und der vermeinte, er verstünde sie auch noch.«

      »Ich wollte doch nur helfen, nach bestem Wissen und Gewissen.«

      »Nun, mit dem Gewissen ist das so eine Sache, nicht wahr? Georg Büchner schrieb dazu:

Скачать книгу