Gott und die anderen Großen. Ernst Peter Fischer
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Bevor es das Fernrohr für den Himmel gab, war Galilei mehr mit irdischen Dingen und ihrer Physik beschäftigt, wie sie sich etwa in pendelnden Kronleuchtern oder den Bewegungen von fallenden oder schwimmenden Körpern zeigt. Er versuchte nach vielen Experimenten mittels zahlreicher Vorrichtungen die fleißig beobachteten und gemessenen Zahlen mit Hilfe der dazugehörenden Sprache zu verstehen, also mit den Formeln und Gleichungen, die die Mathematik den Menschen zur Verfügung stellt.
Galilei gewann dabei eine Überzeugung, die er in seinem Buch Il Saggiatore (Der Goldwäger) bis 1623 in einer Art Glaubensbekenntnis aufschrieb, dem die moderne Wissenschaft bis heute anhängt, obwohl es in vielen Disziplinen – etwa bei der Erforschung des Lebens – nicht unbedingt in der beschworenen Strenge haltbar ist und irgendwann von den praktizierenden Wissenschaftlern einmal gründlich bedacht und bezweifelt werden sollte:
„Das Buch der Natur kann man nur verstehen, wenn man vorher die Sprache und die Buchstaben der Mathematik gelernt hat, in denen es geschrieben ist. Es ist in mathematischer Sprache geschrieben, und die Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, und ohne diese Hilfsmittel ist es menschenunmöglich, auch nur ein Wort davon zu verstehen.“
Mit anderen Worten, Galilei verkündet als seine feste Überzeugung, dass Gott ein Mathematiker ist. Viele Zuhörer sind bis heute von dieser Botschaft so sehr angetan und begeistert, dass niemandem auffällt, wie gewaltig Galilei hier aufschneidet. Was er sagt, heißt nämlich in moderner Sprache, dass es mathematisch fassbare Naturgesetze für Bewegungen wie etwa die des freien Falls von Kugeln und anderen Gegenständen gibt, um die sich Galilei höchstpersönlich und höchst emsig bemüht hat – leider ohne jeden Erfolg.
Galilei lag keinerlei Beweis für seine oben zitierte starke Behauptung vor, das Buch der Natur sei mathematisch verfasst, und sein Diktum sollte sich frühestens am Ende des 17. Jahrhunderts als relevant und akzeptabel herausstellen, nachdem der schon einmal angekündigte Isaac Newton sein berühmtes Gesetz für die Schwerkraft finden konnte, wie im nächsten Kapitel geschildert wird.
Kurzum, was Galilei über die Mathematik schreibt, entspricht und entspringt vielleicht seinen Wünschen und verdient vielleicht unsere Bewunderung als eine kühne Vision, hat aber leider mit dem ihm und seiner Zeit verfügbaren Wissen nichts zu tun. Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit brachte unseren Helden dann auch in den gefährlichen Konflikt mit der Kirche, den nur die Institution gewinnen konnte.
Wie gesagt, es dauerte einige Zeit, bis Galilei seine Augen von der Erde abwandte und sie durch ein Fernrohr an den Himmel schauen ließ, aber in dem Zusammenhang begann er sich auch so allmählich der Frage zuzuwenden, ob Kopernikus mit seinem heliozentrischen System besser beschreibt, wie sich die Planeten und ihre Sphären bewegen, als es das von der Kirche bevorzugte Schema mit der Erde in der Mitte der Welt zustande bringt. Unserem Helden gelingen einige glänzende Beobachtungen – neben den erwähnten Befunden muss unbedingt die Erkenntnis einer irregulären Struktur des Saturns genannt werden –, und sein Wissen bringt er als Sternenbotschaft (Sidereus Nuntius) in einem Buch unter, das sich weniger an die Kirche und mehr an die Kollegen richtet, denen gegenüber Galilei Stärke beweisen und seinen Anspruch auf Priorität festhalten möchte.
Er ist nicht nur extrem ehrgeizig, ihn ärgert zudem das sture Festhalten an überlieferten Gedanken, ob sie nun von Aristoteles oder aus der Bibel stammen. Er kämpft unermüdlich gegen alles, was einen Denkzwang ausübt – was ganz sicher zu Brechts Zuneigung ihm gegenüber beigetragen hat. Bei dem geschilderten Charakter muss es Galilei deshalb 1632 ein diebisches Vergnügen bereitet haben, seinen heute so berühmten Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme zu verfassen, womit das neue Kopernikanische und das alte geozentrische Bild gemeint sind, die miteinander zum Nachteil kirchlicher Lehren verglichen werden.
In seinem in vielen Teilen polemischen Text zeigt Galilei, dass ein toskanischer Bauer leichter das Geschehen am Himmel versteht als ein aristotelischer Philosoph, und er macht sich höchst vergnüglich über alle Zeitgenossen lustig, „die trotz guter Augen nicht sehen, was andere mit ihrer Erfahrung an Wahrem und Irrigem aufgedeckt haben“.
Mit diesem Dialog hat Galilei zwar der Nachwelt eine große Freude, sich selbst aber leicht angreifbar gemacht. Die Kirche sollte sich bald rühren und ihre unchristliche, menschenverachtende Macht zeigen.
Der Konflikt mit der Kirche
Galileis Konflikt mit der Kirche hatte um 1614 begonnen, als er sich in Briefen und Gesprächen dahingehend äußerte, dass es doch für Astronomen nicht um die Frage gehen könne, ob einzelne Bibelstellen in Einklang mit dem Kopernikanischen System stünden oder nicht. Es gehe in der Wissenschaft seiner Tage vielmehr um die Aufgabe, das ganze Denken über den Kosmos von der ihm überholt erscheinenden Philosophie des Aristoteles zu lösen und für eine Epoche neu zu entwerfen, der ein Teleskop zur Verfügung stand, das den Himmel näher holte und genauer Beobachtung zugänglich machte.
Nun hatte sich die Kirche schon seit langem entschieden, das Denken des großen Griechen nicht nur als zufällige Ergänzung einer durchweg christlichen Weltanschauung zu betrachten, sondern sich zu dem wissenschaftlichen Inhalt seiner Schriften zu bekennen. Zwar gab es einzelne Bemühungen in katholischen Kreisen, vorsichtig zu begründen, warum die Bibel dem historischen Schritt von Aristoteles zu Kopernikus kein Hindernis in den Weg lege. Aber im Jahre 1616 verkündete das Heilige Offizium unbeirrt und stur in Form eines Dekrets, dass die Behauptung, die Sonne stehe im Zentrum der Welt, „irrtümlich im Glauben“ sei.
Natürlich hinderte dieses Wissen einen Kämpfer wie Galilei nicht, weiter in dieser Wunde zu bohren. So publizierte er in seinem bereits erwähnten Dialog über die beiden Weltsysteme die erste populäre Darstellung des Kopernikanischen Systems. Damit geriet er in das gnadenlose Räderwerk der Inquisition. Nach einem unwürdigen Prozess wurde Galilei am 22. Juni 1633 dazu verurteilt, der heliozentrischen Lehre auf Knien abzuschwören und ihre Behauptungen als bedauerlichen Irrtum zu bezeichnen – worauf er sehr viel später mit seinem berühmten „Und sie bewegt sich doch“ rhetorisch reagiert hat.
Galilei hat sich seine Verurteilung zielsicher persönlich mit eingebrockt, und zwar dadurch, dass er in seinem Dialogo einen Gesprächspartner mit dem wenig schmeichelhaften Namen „Simplicio“ auftreten lässt, dem er – für alle Leser seiner Zeit unmittelbar ersichtlich – die eigentlich gar nicht so schlichten Ansichten des amtierenden Papstes in den Mund legt. Es handelt sich um Urban VIII., der damals schon genug Niederlagen im weltlichen Raum hinnehmen musste und dem jetzt wohl der Geduldsfaden gerissen war, wobei eine genaue Darstellung zeigen könnte, wie sehr der Papst mit manchen Vorwürfen gegenüber Galilei recht hatte. Dazu gehört die Verwerfung von Galileis übertriebenem Anspruch, die Kopernikanische Lehre beweisen zu können. Urban VIII. meinte, in der Mathematik gebe es Beweise, am physikalischen Himmel nur Beobachtungen mit plausiblen Erklärungen.
Doch wie dem auch sei, mit dem Urteil gegen Galilei war ein in vielen Kreisen willkommener Märtyrer geboren worden. Es dauerte viele hundert Jahre bis zum Herbst 1992, bis die Kirche durch Papst Johannes Paul II. Galileis Verdammung endlich aufgehoben und seine Verurteilung als unglückliches Ergebnis „eines tragischen wechselseitigen Unverständnisses zwischen dem Pisaner Wissenschaftler und den Richtern der Inquisition“ bezeichnet hat.
Galileis Glaube
Keine Frage, Galilei ist heftig mit der Kirche in Konflikt geraten. Lag das mehr an seiner Streitlust oder mehr an seinem Glauben? Was kann man überhaupt über Galileis Gott sagen?
Die Antwort auf die letzte Frage fällt sehr enttäuschend aus und heißt: „Wenig!“ Zwar findet man in der Literatur Hinweise auf den gläubigen Christen Galilei oder gar auf einen frommen Katholiken, aber ein Bekenntnis, in dem Galilei