Die vertauschten Bronzebecher. Denise Remisberger

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Die vertauschten Bronzebecher - Denise Remisberger

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Wanderferien, um genau zu sein. Sie hatten vor Wochen beschlossen, den Splügenpass zu begehen. Von Thusis nach Chiavenna. Diesen Morgen war Pfarrer Jacques ganz früh in den Zug von Zürich nach Chur und dann von Chur bis Thusis gestiegen und hatte sich mit Prior Hans-Peter, der von einem Mitbruder mit dem Auto von Sankt Gallen herkutschiert worden war, am Bahnhofskiosk getroffen. Ausgerüstet mit Wanderschuhen und Rucksack hatten sie sich vorgenommen, als Erstes die schaurig-schöne Viamala-Schlucht zu durchqueren.

      «Ich bin es gar nicht mehr gewohnt zu wandern», hatte Prior Hans-Peter einen wackeligen Fuß vor den anderen gesetzt.

      «Das fängt ja gut an», hatte Pfarrer Jacques geschmunzelt. «Keine Sorge, Hans-Peter, wir haben es nicht eilig.»

      Die beiden waren also von Thusis aus auf der Via Spluga über eine Hängebrücke, die über den Hinterrhein führte, nach Sils gelaufen, ein hübsches Dorf mit barockem Palazzo, dann den Saumpfad hinauf, an der Burg Ehrenfels vorbei und zur Ruine Hohenrätien, wo sie nun ins Domleschg hinunterschauten und das erste Picknick abhielten.

      Ritter Cuno und des Pfarrers Geliebte verließen Cunos Stammplatz in der Schlucht unten und schwebten hinauf auf das imposante Felsplateau bis zu den beiden Klerikalen, die sich ihren Sandwiches und Feldflaschen widmeten.

      «Wir sollten denen hinterhersausen», meinte des Pfarrers Geliebte.

      «Du meinst, wir sollen etwas mehr loslassen, Pfaffenliebchen? Nicht mehr so ganz erdverbunden in unserer Schlucht unten hocken? Einfach gehen?»

      «Genau, Wüstling, wir sollten uns mal bewegen, nicht mehr über der Vergangenheit brüten, reisen, was Neues sehen. Die wollen nach Italien, da war ich noch nie. Was meinst du?»

      «Ich fühl mich hier aber sicher.»

      «Na komm schon. Für unsereins ist es überall sicher.»

      «Italien. Da könnten wir wirklich hin. Doch. Ja. Nach Italien also.»

      2

      «Wollen wir weiterwandern?», fragte Pfarrer Jacques, der in römischer Liegeposition den Kopf auf die Hand stützte.

      «Nach Carschenna?», antwortete der auf dem Rücken ausgestreckte Prior Hans-Peter.

      «Ja, zu den berühmten Felszeichnungen.»

      «Gut, Jacqui, erheben wir uns.»

      Die beiden packten ihre Sachen zusammen und liefen los. Der Weg führte hangaufwärts durch Wald und über Wiesen, was den runden Prior des Öfteren dazu bewog, seinen Strohhut in den Nacken zu schieben, um sich mit einem bestickten Stofftaschentuch die Stirn abzutrocknen. Endlich am Aussichtspunkt Crap Carschenna angelangt, hielten sie inne, ließen den Blick weit schweifen und löschten erst einmal ihren Durst. Ein angenehm kühler Waldpfad führte zu den Steinzeichen aus der vermutlich späten Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit, wo sie auf eine Frau trafen, die im Schneidersitz neben der Großen Platte mit ihren konzentrischen Kreisen auf der Wiese auf einer Decke hockte und meditierte. Als die beiden Klerikalen ganz nah waren, öffnete sie die Augen und sagte lächelnd: «Wollt ihr einen Keks?»

      «Gerne», sagte Hans-Peter sofort und war schon beim zweiten angelangt, als Jacques immer noch vorsichtig am ersten herumknabberte.

      «Willst du vielleicht ein paar Kirschen? Es ist schon Mittag», bot ihr der Prior eine Handvoll davon an. «Ich bin übrigens Hans-Peter, katholischer Prior aus Sankt Gallen.»

      «Und ich bin Jacques, reformierter Pfarrer aus Zürich.»

      «Setzt euch nur neben mich. Ich bin Dorothea.»

      Alle drei aßen friedlich zu Mittag, die Welt um sie herum wurde immer intensiver. Und dann wurde sie noch intensiver.

      «Sagt mal», sprach Jacques, «seht ihr auch, wie die Pflanzen leben? Wie sich die Welt langsam dreht und wie alles Grüne hier ein- und ausatmet?»

      Die beiden anderen fingen an zu kichern.

      «Ich höre Trommeln und Gesang. Ich sehe Menschen, die hier tanzen. Sie feiern. Sie feiern den Vollmond. Es ist schon Nacht. Jacques, wie spät ist es?», lachte der Prior.

      «Erst früher Nachmittag, Hans-Peter.»

      «Heute ist Vollmond», sagte Dorothea, «in wenigen Stunden werden wir ihn alle sehen.»

      «Dorothea, was ist in den Keksen?», wollte der Pfarrer wissen.

      «Oh! Nur Pflanzen aus der Gegend. Geheimrezept. Keine Sorge, ihr werdet nicht daran sterben, nur etwas bewusster werden. Wisst ihr, ich komme von hier. Ich wohne in Sils unten.»

      «Schön ist es hier oben», war Hans-Peter absolut begeistert und streckte sich auf dem kurzen Gras aus. Er starrte in den Himmel, wo der Mond voll leuchtete und lauschte den jungsteinzeitlichen Feierlichkeiten. Jacques streckte sich ebenfalls aus und spürte, wie Mutter Erde sich drehte, stetig und scheinbar unbeeindruckt von allem, was sich auf ihr ereignete. Er sog den klaren Duft nach Wald durch die Nase ein und ließ alle Sorgen Sorgen sein. Dorothea blieb in ihrem Schneidersitz und wachte über die beiden, bis es dunkel wurde.

      «Der Mond», sagte sie in die Stille hinein.

      «Ja, jetzt sehe ich ihn auch», setzte sich Jacques auf.

      «Habe ich einen Hunger!», rief Hans-Peter, setzte sich ebenfalls auf und alle drei aßen zu Abend.

      «Wo übernachten wir eigentlich?», schaute sich Hans-Peter um und das einzig Lichtspendende, das er sah, war der Mond. «Der Rückweg ist sicher stockfinster.»

      «Wir übernachten natürlich hier», lachte Dorothea. «Die Decke unter uns ist auf der Rückseite mit einer isolierenden Schicht überzogen und zum Zudecken habe ich noch eine genauso riesige Thermodecke.»

      «Dann hol die mal langsam hervor. Es ist schon recht kühl geworden», knöpfte Jacques seine leichte Regenjacke bis unter die Nase zu.

      Eingekuschelt in ihre Decke betrachteten sie den Vollmond, sagten ab und an etwas, glitten sachte in den Schlaf hinüber. Jacques träumte. Er sah im Traum einen großen Wolf, der ihm direkt in die Augen sah, ruhig und lange. Ein großer graufelliger Wolf mit klarem Blick, der sich in des Pfarrers Augen festsetzte. Und dann war es Morgen.

      3

      «Ich brauche einen Kaffee!», jammerte Hans-Peter und bewegte sich keinen Zentimeter unter der Decke hervor.

      «Den habe ich hier im Thermoskrug», zog Dorothea den Becher vom Gefäß, schraubte den Deckel ab und schenkte die stark duftende schwarze Flüssigkeit ein. «Hier», reichte sie dem Prior die Deckeltasse zuerst. «Ist noch ganz heiß.»

      «Oh ja», nahm sie dieser und schlürfte das Getränk genießerisch. «Das tut gut.»

      «Jacques?», füllte Dorothea den Becher wieder auf.

      «Trink du zuerst. Ich bin nicht so ein Morgenmuffel wie unser Hans-Peter hier.»

      «Ich habe noch nie in freier Wildbahn geschlafen. Du natürlich schon, was?!»

      «Klar. Ich

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