Hugo Wietholz – ein Diakon des Rauhen Hauses – Autobiographie. Jürgen Ruszkowski

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Hugo Wietholz – ein Diakon des Rauhen Hauses – Autobiographie - Jürgen Ruszkowski

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vogelfrei, und ich lief durch die Straßen, um ein Lokal zu finden. Überall wollte man für die leerstehenden Läden Miete haben, wir aber hatten kein Geld.

      Hinter dem Gemeindehaus verlief die Alsenstraße. Dort sah ich auf dem Hof eines Etagenhauses eine Wellblechbaracke, die leer stand. Beim Verwalter fragte ich nach dem Eigentümer und bekam eine Telefonnummer in Rissen. Nach einem längeren Gespräch, in dem ich unsere Lage schilderte, gab der Mann, den ich nie gesehen habe, die Einwilligung, dass wir die Baracke benutzen dürften. Der Verwalter bekam die Anweisung, uns den Schlüssel auszuhändigen. Bei den Jungen war der Jubel natürlich groß. Der Raum musste noch wohnlich hergerichtet werden, auch ein kleiner Kanonenofen wurde beschafft. Die Jungen brachten alles herbei, Hocker und Kohlen für den Ofen. So konnten wir unsere Stunden wieder aufnehmen.

      Im Hintergrund versuchte die HJ, uns Schwierigkeiten zu machen. In der Wrangelstraße hatte dieser Verein sein Unterbannbüro. Ein gewisser Hohmann, der sich aufspielte, die einzige deutsche Jugend zu vertreten, verlangte von mir, ich solle mich wegen der Concordia verantworten. Da saßen dann seine Unterführer mit ihm, mir gegenüber und wollten mir klar machen, dass der deutsche Mensch zuerst einmal Nationalsozialist sei. Ich aber entgegnete ihm, durch die Geburt und Gottes Willen sei er Deutscher. Man musste mich ziehen lassen. Unsere Arbeit war nicht illegal. Ich hatte den Leiterausweis vom Jungmännerwerk mit dem silbernen Eichenkreuz. Wenn auch die Kirche nicht ihre Hand über uns hielt, dem Verband, der ja ein kirchlicher war, konnten sie nichts anhaben.

      Diesen Hohmann traf ich nach dem Krieg, in einem Gefangenenlager am Rhein, wieder, wo er vor seinem Zelt saß und vergangenen Zeiten nachtrauerte. Zum Gottesdienst, zu dem ich ihn einlud, wollte er nicht kommen. Ja, dass es mal so kommen sollte, damit hatten diese Angeber nicht gerechnet.

      Doch zurück zu 1935: Vom Reichsverband der Jungmännerbünde wurde eingeladen, im Sommer ein Bibellager auf Borkum mitzumachen. Mit einer kleinen Gruppe sind wir dann über mehrere Jahre immer zu diesem 14tägigen Lager gefahren.

      Wir fuhren mit dem Rad Richtung Emden. Unterwegs konnten wir in Apen in dem Pfarrhaus übernachten. Wir hatten ein herzliches Verhältnis zu Pastor Stöver. Bei der Morgenandacht legte er Texte aus dem Alten Testament so aus, dass das Reich Adolf Hitlers dem Untergang geweiht sei. In Emden sind wir auf die Fähre gestiegen und nach Borkum geschippert. Am Anlegesteg auf Borkum wartete die Inselbahn und brachte uns zur Waterdelle. Dort hatte der CVJM ein Grundstück mit einem Wirtschaftshaus. Ringsum in den Dünen standen die Zelte. Wir hatten berühmte Männer aus dem Werk, die hielten uns die Bibelarbeit. Über 100 junge Männer saßen morgens in den Dünen und lauschten den Worten von Paul le Seur, der es besonders gut verstand, uns das Wort Gottes lebendig auszulegen. Zu bestimmten Zeiten, wegen der Tide, durften wir in der Brandung baden. Ich war der Gruppe der Rettungsschwimmer zugeteilt, denn ich hatte zuvor im Kellinghusenbad die Prüfung zum Rettungsschwimmer abgelegt und dabei die silberne Nadel erworben. Anfangs waren es noch unbeschwerte Stunden. Später musste bei Freizeiten immer erst eine Genehmigung eingeholt werden, denn die Partei wollte wissen, was die evangelische Jugend so trieb.

      Inzwischen hatten wir mit unseren Jungen ausgemacht, jeden Morgen treffen wir uns in unserer Baracke zur Morgenandacht, soweit jeder Zeit hatte. Wir waren immer eine kleine Gruppe, die mit Gottes Wort in den Tag ging. Nach einem halben Jahr sah der Kirchenvorstand ein, der Wille der Concorden war nicht zu brechen, und wir durften wieder im Gemeindehaus unsere alten Räume einnehmen. Die Hitlerjugend hatte dabei das Nachsehen.

      Zu Pfingsten 1936 wurde vom Reichsverband zu einem Jungmännertreffen nach Danzig eingeladen. Danzig war Freistadt, um dorthin zu kommen, brauchte man einen Pass und musste durch den polnischen Korridor fahren, den die Feinde Deutschlands damals beim Friedensvertrag Polen zugesprochen hatten. Den ersten Pass mit dem polnischen Vermerk und der Quittung über 5 RM habe ich heute noch, wenn er auch jetzt nicht mehr gültig ist. In Danzig haben wir an den Veranstaltungen des Männerwerks teilgenommen, dann aber auch die alte Hansestadt besichtigt, den Artushof, den Dom und den alten Kran. Dabei gab es einen Zusammenstoß mit Führern der HJ, die uns die neuesten Nachrichten um die Ohren schlugen. Es gäbe nur eine Staatsjugend und das sei die Hitlerjugend. Alle anderen Verbände würden aufgelöst werden. So hatten alle Bemühungen, die christliche Jugend zu erhalten, nichts genutzt, es war ja auch nicht anders zu erwarten gewesen.

      Jetzt gingen wir harten Zeiten entgegen. Im Heim hatten wir uns Hitlers „Mein Kampf“ vorgenommen. Dieses Machwerk wurde zerpflückt und kritisiert. Das muss wohl auch nach draußen gedrungen sein. Auf Umwegen hörten wir, dass die SA unser Heim stürmen und auseinander nehmen wolle. Also mussten wir auf der Hut sein. Inzwischen begannen die HJ und die SS gegen uns zu hetzen und Lügen zu verbreiten. Wir aber demonstrierten mit Wimpeln und Fahnen in Hamburgs Straßen. Auch durch die Mönckebergstraße ging unser Marsch mit dem Lied: „Es rauscht durch deutsche Wälder...“ Refrain: „Deutsche Jugend heraus!“ Ein Vers lautete: „Erst vom eitlen Wesen und falschem Götzentand, im innersten genesen, sich Herz zu Herzen fand, denn wie in Vätertagen mag für das deutsche Haus, der Freiheit Stunde schlagen: Deutsche Jugend heraus!“ Dieses Lied stand gegen Hitler und seine Meute.

      In Hamburg hatte Bischof Tügel für die Eingliederung der Evangelischen Jugend den Pastor Vorrath ernannt. Er hieß bei uns nur Pastor Verrat. Die Kirche ließ sich die Jugend aus der Hand nehmen. Jetzt wurde auch die Überwachung unserer Arbeit von Seiten der HJ immer stärker. Im Hamburger Tageblatt, einem Naziblatt, brachte man unwahre Artikel über die Evangelische Jugend an die Öffentlichkeit. Kurz vor der Eingliederung wurden Flugblätter gedruckt und von Klebekolonnen der HJ und der SS an die Häuserfronten geklebt. Wir überraschten so eine Kolonne, gingen hinterher und rissen die Plakate mit den dicken Lügen wieder ab. Dabei kam es in Eimsbüttel zu Handgreiflichkeiten, wobei mein Schneidezahn ein Stück verlor, was bis heute zu sehen ist.

      Dann kam der Sonntagnachmittag, an dem unsere ganze große Gruppe vor dem Gemeindehaus angetreten war. Ich gab vor der versammelten Mannschaft bekannt, was uns erwartete: Die Evangelische Jugend darf nicht mehr in alter Weise auftreten, keine Fahrten machen, auch die Pfadfinderkluft und alle Wimpel und Fahnen seien verboten worden. Man dürfe nur in kirchlichen Räumen christliche Stunden abhalten. Ich habe dann jedem freigestellt, unter diesen Bedingungen bei uns weiter mitzumachen. Für uns galt in dieser Stunde nur eins, die Eingliederung machen wir so nicht mit. Wir sangen nochmals unser Lied: „Deutsche Jugend heraus“, rollten Fahnen und Wimpel ein und traten weg. Wir würden nicht zur HJ übergehen! Wo Eltern meinten, sie müssten ihre Jungen zur Staatsjugend schicken, mochten sie es tun, wir aber stünden gegen diese Art Jugenderziehung.

      Am Abend wurden sämtliche Jugendleiter von dem obersten Führer der HJ, Kohlmeyer, ins Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof, eingeladen. In seiner Ansprache wollte er uns vor Augen führen, wie gut doch die Arbeit der Hitlerjugend sei. Unter anderem meinte er, mit den Worten des Alten Fritz, jeder könne ja nach seiner Fasson selig werden. Darauf ging ein ablehnendes Raunen durch den Saal. Nun konnte uns die HJ-Führung den Buckel runterrutschen.

      Ein paar Tage später, hatte man mir das Kampfblatt der SS, das „Schwarze Korps“ vor die Bürotür gelegt. In einem Artikel wollte man Pastor Dr. Witte etwas anhängen. Er war früher in Lübeck Diakonissenpastor gewesen, da wäre etwas mit einer Schwester gewesen. So versuchte man auf allen Gebieten, kirchlichen Mitarbeiten etwas anzuhängen, immer mit dem Gedanken, auch wenn das nicht stimmte, etwas werde schon hängen bleiben.

      Eines Abends, wir waren in meinem Büro um die Bibel versammelt, klopfte es an der Tür, zwei HJ-Führer mit einer dicken Kordel vor der Brust wollten wissen, was wir so treiben. Natürlich konnten sie an der Bibelstunde teilnehmen. Bald ging man zum Angriff auf Bibel und Kirche über. Natürlich bekamen sie von uns tüchtig Kontra. Dann spielten sie ihren Trumpf aus, wenn das Reich erst ordentlich gefestigt sei, innen wie außen, dann werde es keine Kirchensteuern mehr geben. Wir antworteten darauf, dann würde man sehen, wo die wirklichen Gemeindeglieder sind. Dann wussten sie bald nicht mehr weiter und nahmen die katholische Kirche ins Visier. Ich sagte nur, das sei nicht unser Gebiet. Dann zogen

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