Die Glocken der Stille. Arber Shabanaj

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Die Glocken der Stille - Arber Shabanaj

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aus der Forelle, holte er das Skelett aus seiner eigenen Stadt raus.

      Möglicherweise wegen des weiten Weges von Berlin aus, möglicherweise wegen der freigelassenen Dunstwölkchen und der Wärme des Lokals, formten meine Augen regelrechte Weite.

      „Du bist müde.“, sagte er zu mir.

      „Nein“, sagte ich, „dass mag nur so rüberkommen.“

      Zwischenzeitlich ging die Tür des Restaurants auf und Flora und Mark traten ein. Sie setzten sich an ihren Tisch neben dem Fenster. In der Mitte des Tisches stand ein Strauß mit Rosen.

      „Frau Duden ist angetan von Blumen.“, sagte Busch zu mir, überzeugt davon, dass mir die Rosen einen Eindruck beschert haben müssten. „Mark bringt sie täglich mit.“

      Irgendwie wollten es meine Augen und landeten mit einem Blick auf die Beiden. Flora und auch Mark, voller Toleranz, widmeten mir eine Begrüßung und anschließend schauten sie einander in die Augen.

      Flora musste immerschon hübsch gewesen sein, sehr hübsch. Selbst jetzt, während sie - laut Busch - auf die Vierzig zuging, strahlte sie eine auffallende Frische aus, wegen der auch eine Dreißigjährige neidisch werden könnte. Ihre Augen verfügten über eine besondere Lebendigkeit. Mark, mit dem Körper eines Leistungssportlers ausgestattet, ging sehr sparsam mit den Bewegungen um, die er machte. Er, ein Mensch, für den die gesamte Welt nur über einen Namen verfügte: Flora. Selbst wenn fast jeder sich bei ihm und Flora in Verbindung mit der banalen Geschichte der Ablehnung seiner Mutter vorstellig machte und ihn fragte, ob er sich dabei nicht wie eingeklemmt fühlte. Er war sich jedoch sicher, dass hinterher jeder von ihnen - wenn’s darum ging „das Menschlich sein“ zu definieren -, ihm recht geben würde.

      „Wie alt ist diese Geschichte?“, fragte ich den Busch.

      „Älter als zwanzig Jahre vielleicht. Mark hat Sport in dem Gymnasium unterrichtet, Flora war Schülerin in der Wirtschaftsschule. In einer Veranstaltung lernten sie sich kennen. Dort hatten sie einander das Wort gegeben. Doch Mark hat immer wieder gewartet. Erst als sie das Abitur abgeschlossen hatte, ging er zu seiner Mutter. Die Mutter, oder Frau Duden, wie sie alle nannten, ein äußerst sensibler Mensch, verlangte von ihrem Sohn ein Foto von ihr. Gleich als sie Flora sah, konnte sie sich vor lauter Freude nicht beherrschen. Floras Augen, voll mit Leben und Licht betankt, die Augenbrauen und die Löcher, die sich an ihren beiden Wangen formten, bescherten ihr eine selten begegnende Ausstrahlung. Als Frau Duden jedoch erfuhr wessen Tochter sie war, wurde sie wie ein graues Meer während der Flut.

      Sie fühlte sich wie ein nichtakkordiertes Klavier und gab ihren Schwur ab, dass sie nie im Leben eine familiäre Beziehung mit Frank zu Stande kommen lassen würde. Mark, wie auch Flora, waren jung und widmeten derartiger wild-ausgesprochener Ablehnung keine besondere Aufmerksamkeit. Sie lebten mit den Küssen, die sie einander abends gaben, häufig unter dem Vordach von Marks Haus, häufig auch unter den Klängen einer Sonate, die zwischen den Fingern und der Seele von Marks Mutter, wie ein Wasserfall floss. Sie glaubten daran, dass eine empfindsame Seele, wie die ihre, eines Tages von ihrer unendlichen Liebe geknackt würde und, dass Frau Duden ihnen die Tür ihres Herzen aufmachen würde. Nun mal Frau Duden, von Natur aus eine strenge und seriöse Frau, lebte mit ihre Künstlerseele, die die von Beethoven, List und Strauß übertraf, und sie hatte kaum vor eine Beziehungsmissionarin zu werden und selbst mit einer „Etüde Funebre“ den Fäkaliensprinter von Frank, Floras Vater, zu begleiten. Sie spürte eine tiefe Enttäuschung, eine sehr tiefe, als sie daran denken musste, wessen Tochter Flora war. In welchem übermäßig vulgären Ambiente sie aufgewachsen und wie es möglich war, dass ihr Sohn hinter ihr her schlich. Vielleicht wollte Mark sich auch nicht so verhalten - wie es viele junge Leute taten -, und so das Herz seiner Mutter verletzen, indem er Flora als abgeschlossenen Akt mit nach Hause brachte. Nicht nur aufgrund seiner Bescheidenheit, sondern auch weil seine Mutter seit Jahren an einem kranken Herz litt, und er stets äußerst vorsichtig damit umging, um ihr keine harten Aufregungen zu bescheren.

      Nun so, auf die leise Art, waren einige Jahre vergangen. Mark und Flora versteckten sich danach nicht mehr vor den Augen der Stadt, wie vorher. Bis eines Tages erzählt wurde, dass Flora zu einem Fortbildungskurs nach Köln gegangen war und sie für einige Monate keiner gesehen hatte. Mark fehlte am Samstag und Sonntag in der Stadt, und alle wussten, dass er nach Köln gefahren war, um Flora zu treffen.

      Doch warum Flora nicht in ihr eigenes Haus zurückgekommen war, den Grund dafür hat keiner so richtig mitbekommen. Eine Frau, namens Aroma, von Natur aus sehr fleißig und als Quatschkünstlerin bekannt, sagte, dass ihr Vater Flora aus dem Haus geworfen hätte. Sie sollte entweder Mark heiraten oder sein Haus nicht mehr betreten. Ein Anderer hätte Flora aus der Kölner Geburtsklinik kommen sehen. Ein Weiterer hat gesagt, dass sie unter einer Krankheit leide und sie wollten dies der Stadt verheimlichen … Doch, in jedem Fall, das waren nur Desinformationen und davon hat es einige gegeben, keine davon traf zu …

      So bis an dem Tag, als sie mit Mark auf den Straßen der Stadt gesehen wurde, war sie noch viel hübscher als vorher. Ihr Gesicht wirkte noch femininer und strahlte derartiges Licht und Leben aus, sodass selbst wenn du ein alter Mann gewesen wärest, würde sie dich jung machen.

      Frau Duden war nicht zu brechen, auch selbst nicht als Floras Vater, Frank, starb, obwohl ein enger Freund der Familie, Tom Dick, spontan ein derartiges Gespräch eröffnete:

      „Frau Emma“, sagte er ihr wie gewöhnlich, dabei nannte er ihren Vornamen, „ist etwa die Zeit gekommen, wo Sie die Grenze ihres Willens überspringen, um das zu akzeptieren was Sie bis gestern abgelehnt haben …“

      Sie roch worauf er hinaus wollte und hob ihre rechte Augenbraue, völlig überrascht von demjenigen, von dem sie dachte, er sei auf ihrer Seite, der sich aber offensichtlich gegen sie stellte.

      „Ich verstehe dich dieses Mal nicht, Herr Tom.“

      Tom, als Sohn eines alten Händlers, hatte schon in seiner Jugend viel von der Welt gesehen, wie auch Frau Emma. Insbesondere die Stadt Wien, die Hauptstadt der Herren Europas, hatte ihn schon länger für sich gewonnen. Er war behindert, da er einen Arm hinter einem Zug in dem Bergwerk verloren hatte, in dem er während seiner Knastzeit arbeitete. Also, weil er sich kaum mit anderer Arbeit beschäftigte, außer mit Lesen, hatte er alle Zeit der Welt vorbei zu kommen, um mit Frau Duden zu diskutieren und dabei jeden Abend klassische Musikstücke zu hören, die ihm die Seele jünger machten. Davon abgesehen glaubte Frau Duden, dass in Tom ein wahrer Familienfreund steckte, mit dem sie sich nicht nur auf einer gesellschaftlichen Ebene verbunden fühlte. Für sie war das von sehr großer Bedeutung, und sie hatten bei sehr verschiedenen Dingen eine identische Denkweise. Beide waren in einem fortgeschrittenen Alter und geprägt von den Ereignissen von gestern, sodass, wenn du ihre Gespräche hören würdest, du davon überzeugt wärst, dass es darin kaum das Heute und auch nicht das Morgen gibt. Die einzige Verbindung die Frau Duden mit dem Heute hatte, war der Klavierkurs, den sie den beiden Töchtern des Doktor Christs kostenlos gab, weil deren Großvater ein Ass-Anwalt in Wien war.

      „Es sind so viele Jahre vergangen, Frau Emma, und die Jahre tun ihr Ding. Sie ist mittlerweile über dreißig. Mark sowieso …“

      Frau Duden erwartete kaum einen derartigen Schlag von Tom.

      Eine Hälfte ihres Lebens hatte sie verloren, seitdem Mark mit Franks Tochter zusammen gekommen war, und jetzt war sie dabei ihren alten Freund, Tom, ganz zu verlieren.

      Aus einer kleinen Tasche ihres Hemdes holte sie die Packung heraus und steckte sich zügig eine „Ramipril“ Tablette in den Mund. Tom, der über ihre Herzunruhen sehr gut Bescheid wusste, wurde plötzlich kreideblass, sodass jetzt Frau Duden, eine ganz andere Unruhe spürte: Ob Herr Tom, etwa dort, bewusstlos liegen bliebe.

      „Nimm

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