Deutschland schafft mich. Michel Abdollahi

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Deutschland schafft mich - Michel Abdollahi

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Sprache. Diese »elitären Hipster« seien eine »Zumutung«. Neulich sei er in einem Berliner Restaurant vom Kellner auf Englisch angesprochen worden. Also, in Paris sei ihm das nicht passiert. Was uns Herr Spahn damit eigentlich sagen wollte, kann ich bis heute nicht ganz verstehen. Außer purem Populismus ist in diesen Aussagen nicht viel zu erkennen.

      Als ich den Syrer sagen hörte, dass er mit Englisch hier gut klarkommen würde, war ich auf der einen Seite ganz froh, dass wir uns in Deutschland von you can say you to me verabschiedet und nun zumindest in Berlin auch im Englischen die nose in front haben. Diese Internationalisierung hat sicher in den vergangenen Jahrzehnten zu einer deutlichen Weltoffenheit in Deutschland geführt. Aber so gar kein Deutsch lernen zu wollen? Ich wollte auch nicht ständig in Deutschland auf einer anderen Sprache angesprochen werden, dafür hatte ich mir erstens viel zu viel Mühe gegeben, diese Sprache zu erlernen, und zum anderen bin ich so gut integriert, dass ich es als meine Pflicht ansah, die deutsche Sprache in Aleppo zu verteidigen. Dennoch hatte ich kein wirkliches Argument gegen den jungen Mann in der Hand, um mit der These »Die Sprache ist der Schlüssel zu einer gelungenen Integration« zu punkten. Denn natürlich wusste auch ich, dass es viele Migranten in diesem Land gibt, die Deutsch längst als Muttersprache sprechen und von Integration trotzdem noch sehr weit weg sind. Was ich aber anführen konnte, war, dass mangelnde Sprachkenntnis oft zu Angst führt, weil immer die Sorge besteht, im Gespräch grobe Fehler zu machen. Diese Angst führt oft zu Frustration, weil man sich erst gar nicht traut, das, was man sagen will, zu sagen. Letztendlich entsteht daraus entweder eine partielle oder eine grundsätzliche Fehlkommunikation, die schließlich in einer beidseitig wahrgenommenen Ausgrenzung gipfelt, weil man sich nicht richtig verständigen kann. Dieses Problem besteht insbesondere da, wo es auf die Feinheiten der Sprache ankommt, bei Themen wie Politik, Gesellschaft und Religion. So entstehen Parallelgesellschaften, die wiederum denen Angst machen, die nicht verstehen, warum solche gesellschaftlichen Gebilde entstehen, und am Ende haben alle Angst voreinander. Was es braucht, ist eine richtige Mischung aus Sprachkenntnissen und Kümmern. Die zu finden, ist die wahre Herausforderung.

      ***

      In meine erste Parallelgesellschaft rutschte ich gleich nach meiner Ankunft aus dem Iran. Der Erste Golfkrieg dauerte da schon mehr als sechs Jahre und mit meinen fünf Jahren stand ich kurz davor, keine Ausreiseerlaubnis mehr zu erhalten. Es war ja Krieg, wie lange noch, wusste keiner, und da brauchte man die Männer zu Hause. Also beschlossen meine Eltern, ihr Kind kurz nach seinem fünften Geburtstag mit der Oma nach Deutschland zu schicken, um es vor einem (un)gewissen Schicksal zu bewahren. Wenn ich heute öffentlich von dieser Zeit erzähle, sei es in Talkshows oder Interviews, erlebe ich häufig eine große Betroffenheit. Einen Flüchtling verbindet man in diesen Zeiten mit ertrinkenden Menschen auf dem Mittelmeer, tausende Kilometer langen Fußmärschen über die Balkanroute oder völlig überfüllten Auffanglagern mit Zäunen und Wachschutz. Ich hingegen flog recht komfortabel Linie mit einer damals hochmodernen Boeing 747-SP, die der Schah eigentlich für die Transatlantikflüge der Iran Air geordert hatte, um Nonstop nach New York fliegen zu können. Es gab hervorragendes Essen und eine liebevolle Oma neben mir, die allerdings bei jeder späteren Rückreise einen roten Stempel in ihren Pass bekam, der verriet, dass sie ein männliches Kind zu Kriegszeiten außer Landes geschafft und nicht zurückgebracht hatte. Wir lebten fortan gemeinsam in Hamburg, bis meine Eltern irgendwann nachkamen.

      Welche Nachteile es hatte, die Sprache nicht zu sprechen und auch niemanden zu kennen, der sie sprach, zeigte sich schnell. Ich wurde kurz nach meiner Ankunft eingeschult. Was man da in der Grundschule Heidacker im beschaulichen Hamburg-Eidelstedt von mir wollte, verstand ich nicht, genauso wenig wie die mitgereiste Familie wusste, was sie fernab vom trubeligen Teheran in diesem verschlafenen Vorort den ganzen Tag machen sollte. Grundschüler Michel, Klasse 1b, stellte sich in der Milchpause um 9.30 Uhr wie alle anderen Kinder brav in eine Schlange und zeigte dann vor der Milchmutter überzeugend auf jeweils das, was er haben wollte. Alle anderen machten es genauso, und um das nachzumachen, brauchte es keine Sprache. Die kleinen quadratischen Kartons mit dem dazugehörigen Strohhalm waren magisch. 15 Pfennig für die Milch, 20 Pfennig für den Kakao oder die Vanillemilch, 30 Pfennig für den Trinkjoghurt und 50 Pfennig für etwas Undefinierbares in Kackbraun, was sich Jahre später als Nusspudding herausstellen sollte.

      Ich zeigte stets auf die gelbe Vanillemilch, die wir bei Aldi mal versehentlich gekauft hatten, weil Gelb meine Lieblingsfarbe war. Niemand aus der Familie konnte mit dem sonderbar süßlich-gelben Getränk, mit der für damalige Iraner völlig fremden und absonderlich schmeckenden Vanille, etwas anfangen. Ich mochte das süße Zeug, aber ich bekam es nicht. Jeden Morgen um 9.30 Uhr stellte ich mich mit allen Kindern an, zeigte auf die Vanillemilch und bekam sie nicht. Die Milchmütter sagten zwar etwas zu mir, aber ich verstand sie nicht. Ich nickte, zeigte wieder auf den gelben Karton und wurde erneut abgewiesen.

      Zu Hause wurde dieses mir völlig unverständliche Erlebnis nicht wirklich ernst genommen. Niemand verstand so richtig, worum es überhaupt ging. Wie sollte man überhaupt ohne Sprachkenntnisse herausfinden, warum alle Kinder bekamen, was sie wollten, nur ich nicht? Wie sollte man danach fragen, was es mit diesem komischen Nusspudding und dem kalten Hagebuttentee auf sich hatte, von dem ich Alpträume bekam, den ich aber jeden Tag trinken sollte? Vielleicht mochte man mich nicht, weil ich anders aussah? Vielleicht wurden die Deutschen anders behandelt als wir »Gäste«? Vielleicht machte ich auch etwas falsch oder dachte mir die Geschichten einfach nur aus, damit ich Aufmerksamkeit bekam, weil meine Eltern nicht da waren, man wusste es nicht. Es gab viele Theorien, aber niemanden, der die Wahrheit herausfinden wollte und konnte. Ich bekam dafür morgens Toastbrot mit Nutella mit auf den Weg, denn das kannten wir und mochten wir, und vor allem konnte ich es ab und zu gegen eine Tüte Vanillemilch mit meinen Mitschülern tauschen. Bis irgendwann meine Eltern die ersehnte Ausreisegenehmigung erhielten und dem Spuk ein Ende setzten.

      Während ihnen alle aufgeregt von den Ereignissen an der Schule erzählten, von der gelben Milch, dem braunen Pudding, dem kalten Tee und von diesem einen sehr sonderbaren Ereignis, das den kleinen Michel und die ganze Familie sehr traumatisiert hatte, diesem einen Morgen im März, als es draußen neblig war und der Boden gefroren und das Kind mittags weinend wieder nach Hause kam, weil man es in einen Wald geschleppt hatte, um dort Dinge zu suchen, dämmerte es meiner Mutter, dass hier sehr viele Mutmaßungen, aber kaum Fakten vorhanden waren.

      Es war nämlich so, dass ich an einem Märzmorgen bei Dunkelheit gezwungen wurde, mit den anderen Kindern in einen Wald zu gehen, der sich später als das Niendorfer Gehege herausstellen sollte. Lange bevor Till Schweiger dort sein Unwesen trieb, besuchte ich dieses Kleinod der Natur am Rande von Hamburg zusammen mit Dutzenden aufgeregten Kindern, die selbstverständlich darauf vorbereitet waren und ausgestattet mit regenfester Allzweckwäsche, Gummistiefeln, Friesennerz und allerlei anderer Funktionskleidung in den Wald stürmten. Ich hingegen war angezogen wie auf dem Weg zu meiner eigenen Hochzeit, mit Hemd und Fliege. Auf der Einladung hatte »Ausflug« gestanden, das wurde zu Hause im Wörterbuch nachgeschlagen und ich dann so angezogen, wie es im Iran Sitte war, wenn Kinder auf einen »Ausflug« gingen. Wahrscheinlich bestand im Iran bei Ausflügen immer die Möglichkeit, dass man den Kaiser traf oder um die Hand angehalten wurde, ich weiß es nicht. Hemd und Fliege jedenfalls schienen verbindlich zu sein. Während die Funktionskleidung der anderen Kinder nicht ganz so elegant daherkam, war sie doch zumindest praktisch, derweil ich mich ratlos, frierend, deplatziert, aber elegant angezogen wieder in den warmen Bus zurücksehnte.

      Meine damalige Erzieherin Strocki versuchte mir zu erklären, was hier jetzt passieren würde. Das wiederum machte mir nur noch größere Angst. Ich sollte hier hinter den Bäumen nach Eiern suchen, nach bunten Eiern. Ich mochte keine Eier. Generell machen mir seit diesem Tag ovale Dinge Angst. Zwar konnte ich die Sprache noch nicht wirklich sprechen, doch an meinem Gesichtsausdruck ließ sich anscheinend deutlich die Frage ablesen, warum ich an einem dunklen Märzmorgen in einem nassen Wald nach Eiern suchen sollte. Warum die auch noch bunt waren, war da erst einmal irrelevant. »Der Hase hat sie gebracht«, erklärte Strocki. Der Hase, so so. Bunte Eier. Strocki machte einen Hasen nach, der mit langen Ohren durch das Niendorfer Gehege sprang.

      Es

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