Ein Stück Leben. Zoran Dobric

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Ein Stück Leben - Zoran Dobric

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bleiben. Auch die Masse, also die Größe des Gerätes, der Batterien ist beträchtlich. Sie müssen das rund um die Uhr tragen. Können Sie sich das vorstellen?«

      Nein. Offen gestanden, allein der Gedanke an so eine Situation macht mich unruhig.

      »Man trägt es Tag und Nacht, es gibt auch gewisse Umrüstungen von Tag- auf Nachtmodus. Das Kunstherz ist im Körper und die Batterie, die das Kunstherz versorgt, ist außerhalb des Körpers. Die beiden sind mit Kabeln verbunden und diese Kabel gehen durch die Haut und weiteres Gewebe durch. Das sind Löcher, die regelmäßig steril gemacht und verbunden werden müssen. Da war ich meiner Frau zutiefst dankbar, dass sie all das so perfekt erledigt hat. Das hat uns als Team noch viel mehr zusammengeschweißt. In jedem Fall bin ich auch meinem Körper dankbar, dass er dreieinhalb Jahre an derselben Stelle einen massiven Verband ausgehalten hat. Das ist nicht immer der Fall, dass die Haut das auch so verträgt. Aber Ihr Leben hängt von dieser Maschine ab.

      Als ich nach der Transplantation zu einer Besprechung gerufen wurde, drehte ich mich um und dachte mir, ich müsste noch ein Gerät mitnehmen, doch es war gar kein technisches Gerät mehr in meiner Nähe. Da wurde mir klar, dass ich meine Freiheit wiedergewonnen hatte. Das kann man nur dann nachvollziehen, wenn man dreieinhalb Jahre diese Freiheit nicht gehabt hat. Dann schätzt man solche Freiheiten wieder. Für gesunde Menschen ist das selbstverständlich. Wenn so eine Einschränkung bei einem kranken Menschen wegfällt, dann schätzt man das nicht nur doppelt, sondern vielfach.«

      Wann konnten Sie nach der Transplantation aufstehen, sich bewegen und das Gefühl haben, es wird jetzt alles gut?

      »Auf der Intensivstation steht man nicht sofort auf, sondern da ist man mit Geräten, mit Dränagen, da ist man derartig verkabelt, dass man sich im besten Fall aufsetzen könnte. Das ist dann schon die einzige körperliche Bewegung, die man sich leisten kann. Sechs Tage nach der Transplantation bin ich in die allgemeine Station verlegt worden und dort bin ich am zweiten Tag schon aufgestanden. Das war toll. Natürlich versucht man zuerst den Körper zu testen, was der verträgt. Es ist auch eine gewisse Unsicherheitskomponente dabei und man muss sich so schön langsam vortasten. Die Schwester hat gesagt: ›Sie müssen uns rufen, wenn Sie irgendeinen Schritt selbstständig machen wollen.‹ Ich war ganz überrascht und bin auch dankbar, wie schnell es körperlich funktioniert hat. Bis auf die heisere Stimme, die ich durch die Intubation bekommen habe, geht es mir gut. Das mit der Stimme wird sich noch legen. Ich bin ganz erstaunt, dass man nach zehn Tagen schon so aktiv sein kann und so viel Lebensqualität wieder zurückgewonnen hat.«

      Haben Sie schon Pläne?

      »Ich bin guter Dinge, dass ich auch die nächsten Schritte sehr gut meistern werde. Ich möchte wieder Sport betreiben, verreisen, das gemeinsame Leben mit meiner Partnerin genießen. Meine Ehefrau hat nicht nur die sterilen Verbände auf meinem Bauch gewechselt, sondern sie ist immer an meiner Seite gestanden. Jetzt erwarte ich mir mehr Lebensqualität und weniger Abhängigkeit von technischen Geräten. Als Kärntner komme ich ja aus der Seenregion. Die letzten vier Jahre musste ich aufs Schwimmen verzichten. Jetzt freue ich mich sehr auf den Wörthersee. Im See wieder schwimmen zu dürfen wird für mich einen enormen Anstieg der Lebensqualität bedeuten.«

      Mir scheint es eindeutig, dass Ulf Scheriau die kritische Phase nach seiner Herztransplantation überstanden hat. Sein Äußeres präsentiert einen schwer kranken Menschen, doch sein Geist ist wach und seine Freude überwältigend.

      Wie es möglich sei, dass sich ein Patient nach einem derart massiven medizinischen Eingriff so schnell erholen könne, frage ich den Leiter der Transplantationsabteilung:

      »Der Patient wird nach der Operation von uns auch begleitet, bis auf die Intensivstation, und wir bleiben natürlich mit den Anästhesistinnen und Anästhesisten in engem Kontakt, weil es sich hier um eine immer noch sehr kritische Phase handelt. Je nach Verlauf und je nach Schwere der Erkrankung, die der Patient, die Patientin vor der Operation schon mitgebracht hat, ist es sogar manchmal möglich, schon am Tag nach der Operation die Beatmung zu reduzieren und zu beenden. Es ist möglich, schon in dieser Phase den Patienten aufwachen zu lassen und die ersten Worte und Erklärungen an ihn zu richten. In den nächsten Tagen ist es dann so, dass die Patientinnen und Patienten bald begreifen, dass die Operation gut gegangen ist. Wir haben natürlich auch ein Team, eine Transplant-Psychologin, die die Betreuung übernimmt. Es tauchen häufig Fragen und Sorgen auf, die meist auf der Normalstation durchgearbeitet werden. Die Patienten bleiben ca. drei Wochen bei uns, davon etwa eine Woche auf der Intensivstation. Danach kommen sie in eine spezielle Rehabilitationsklinik, wo sie unter ärztlicher Kontrolle körperlich trainiert werden.«

      Wann ist ein Herztransplantierter durch? Wann darf er aufatmen und sagen: »So, jetzt kann ich wieder ganz normal, wie die anderen, leben«?

      »Die Transplantation selbst ist erst der Beginn eines, wenn die Transplantierten Glück haben, langen Prozesses, der alles andere als einfach ist. Das ist der erste große Schritt. Die Patienten müssen lebenslang in medizinischer Versorgung bleiben, denn das, was wir machen, ist: Wir tauschen eine Erkrankung durch eine andere Erkrankung aus. Wir tauschen z. B. eine schwere Herzerkrankung mit einer katastrophalen Lebensqualität und einer sehr schlechten Prognose (nur 20 Prozent jener, die nicht transplantiert werden, leben länger als fünf Jahre) gegen eine andere Erkrankung aus. Das ist die lebenslange Immunsuppression. Die Menschen müssen lebenslang Medikamente schlucken, damit sie praktisch ihren Körper überlisten und das neue Organ als das eigene akzeptieren. Allerdings mit einer viel besseren Lebensqualität – nämlich jener eines fast herzgesunden Menschen und einer deutlich verlängerten Lebenserwartung.«

      Was muss der Patient selbst dabei noch tun?

      »Es ist nicht nur, dass man den Patienten jetzt transplantiert und fertig. Auch er muss etwas dafür tun. Der muss nachher in Bewegung kommen, der muss nachher aktiv sein, der muss sich nachher an bestimmte Spielregeln halten und nicht nur die Medikamente nehmen. Sie müssen möglichst Bewegung machen, Ergometer fahren, spazieren gehen, laufen gehen, Sport betreiben. Das ist ja der Grund, warum wir sie transplantieren, damit sie möglichst wieder alles das tun können, was ihnen Spaß macht. Natürlich gibt es immer wieder Patienten, die nur zu Hause sitzen, vor dem Fernseher, und einfach essen und damit sich selbst auch noch schädigen. Das ist klar. Das versuchen wir vorher ungefähr herauszufinden. Man kann es aber nie hundertprozentig wissen. Jedenfalls muss der Patient sehr viel selber dazu tun. Ich sage allen: ›Das erste Jahr haben wir die Hauptverantwortung, ab dem ersten Jahr haben Sie die Hauptverantwortung über Ihr Leben. Das müssen Sie selber in die Hand nehmen, denn wenn Sie selber gewisse schädigende Aktionen setzen, dann wird das Herz nicht so lange halten.‹ Aber jeder Patient ist für sein eigenes Schicksal selbst verantwortlich.«

      Wie hoch ist die Lebenserwartung bei den transplantierten Patienten?

      »Die Zahlen in Wien sind deutlich: 75 Prozent der Herztransplantierten in Wien leben länger als zehn Jahre nach der Transplantation. Am längsten leben bei uns welche seit über 34 Jahren. Während einer Transplantation ist in den letzten zehn, 15 Jahren bei uns kein Patient gestorben. Wir haben mittlerweile eine Sterblichkeitsrate im Laufe des Spitalsaufenthalts nach der Transplantation von knapp fünf Prozent. 95 Prozent der Patienten verlassen das Spital und werden rehabilitiert. Die Ein-Jahres-Überlebensrate bei uns ist 91 bis 92 Prozent.«

      Woran sterben diese Patienten?

      »Zumeist sterben die Patienten entweder an katastrophalen Infektionen, die sie plötzlich bekommen oder die sie vielleicht schon in die Transplantation mitgebracht haben, und das im Vorfeld nicht erkannt wurde. Es sind Patienten, die oft in einem sehr schlechten Zustand vor der Transplantation sind, und dann, wie jegliche anderen Intensivpatienten, können sie auch ein Multiorganversagen entwickeln. An Abstoßungen, also an immunologischen Problemen, sterben sehr wenige Patienten bei uns. Wir haben das sehr, sehr gut im Griff. Abstoßungsepisoden treten überhaupt nur noch bei knapp zehn bis zwölf

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