Mai-Schnee. Gertrud Wollschläger

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Mai-Schnee - Gertrud Wollschläger

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Stille kommt ihr aus der Tiefe des Waldes entgegen. Sie läuft hin und her, die wenigen Schritte zwischen Teerstraße und Fußweg. Nichts, gar nichts kommt zurück! So sehr hätte sie sich eine Antwort gewünscht. Einen leisen Hilferuf vielleicht oder ein schwaches Stöhnen. Alles wäre besser gewesen als dieses schweigende Nichts.

      Mit einem Schlag wird ihr klar, dass etwas geschehen sein muss, das für sie nicht mehr fassbar ist, etwas, das sie alleine nicht mehr im Griff hat und alleine nicht aushalten kann. Hätte ihr Kind verletzt auf seinem üblichen Waldpfad gelegen, hätte es die Mutter rufen gehört und Antwort gegeben. Edelgard ist sich plötzlich gewiss: „Sonja ist irgendwo anders, aber wo?“

      Sie hat keine Idee, wo sie suchen könnte. Fast körperlich spürt sie, dass etwas nicht mehr stimmen kann. Aber was? Sie blickt ratlos um sich, sieht Menschen auf den Wiesen, die Blumen pflücken für die Blumenteppiche vor den Altären. Sie weiß: Morgen ist Fronleichnam. Pflückt Sonja am Ende Blüten mit jemand? Sie rennt zu den Frauen. „Ist Sonja bei euch? Habt ihr sie gesehen?“

      Lotte, die unten im Dorf an der alten Kirchsteige wohnt, dreht sich erstaunt zu ihr um: „Was, isch die noch net daheim? Ich hab sie doch g’sehen, wie sie die Straße zum Berg nauf gangen isch. Ja sag mal, wo kann die denn hin sein? He, Anna, du warsch doch vor dem Haus, du musch d’ Sonja doch au g’sehen haben, wie sie vorbei’gangen isch!“

      „Ja klar“, sagt Anna. „Oh, die Mädle, immer habet sie anderes Zeugs im Hirn. Mach dir net so viele Sorgen, die wird schon auftauchen. Vielleicht isch sie ja inzwischen daheim! Wahrscheinlich isch die einfach bei jemand eing’schtiegen, der sie mitg’nommen hat.“

      Etwas von der Panik fällt von Edelgard ab. „So wird es sein“, wünscht sie sich und geht mit schnellen Schritten zu ihrem Traktor zurück. Ihre Blicke streifen die vollen Blumenkörbe, die am Wegrand zum Abtransport aufgestellt sind. Weiße Margeriten, roter Klee, gelber Löwenzahn, lilafarbene Pfeifenputzer, blaue Kornblumen, all das leuchtet ihr in den schönsten Farben entgegen. Sie wünscht sich, dass das heute auch ihre Arbeit gewesen wäre. So gerne hätte sie dazugehört, zu der schwatzenden, lachenden Schar von Frauen, die sorglos einfach nur Blumen pflücken dürfen.

      Langsam tuckert sie auf den Hof zurück. Sie fühlt sich müde und erschöpft.

      Schon als sie in den Hof einfährt, ist ihr klar: „Sonja ist nicht zu Hause!“ Ihre Mutter steht in der Haustür, starrt sie an und schüttelt nur den Kopf. Schwerfällig kriecht Edelgard vom Sitz des Traktors mit einer solchen Schwäche in den Beinen, wie sie sie noch nie erlebt hat. Schweigend gehen beide Frauen ins Haus. Es ist still. Sie treten in die halbdunkle Küche. Fliegen summen überlaut. Ohne ein Wort zu wechseln, setzen sie sich einander gegenüber auf die Eckbank. Sehen sich nur an. Ratlos. Verkrampfen ihre Hände ineinander, jede für sich. Die eine im Schoß, die andere auf dem Tisch. Schweigen.

      Der Fliegenfänger, der als Klebestreifen mit unzähligen toten Tieren daran von der Decke hängt, trennt ihre Gesichter voneinander. An ihm muss man vorbeischauen, wenn man sich in die Augen sehen will. „Diese vielen Fliegen“, muss Edelgard in diesem Moment denken, „das ist die frühe Wärme in diesem Jahr.“ Eine Weile sieht sie den noch lebenden zappelnden Tieren zu. „Man sollte ihn irgendwann auswechseln“, geht es ihr durch den Kopf.

      „Jetzt schwätz scho, was ist?“, fragt die Mechthild-Oma. „Hast du sie gefunden? Weißt du was?“ Edelgard schüttelt den Kopf und starrt ihre Mutter mit großen, aufgerissenen Augen an. „D’ Lotte hat sie heimgehen sehen und d’ Anna, em Fritz Schäuble sei Anna, au“, meint Edelgard. „Aber sie isch net da! Oder meinsch du, sie könnt sich versteckt haben – im Hof oder im Stall?“, rätselt sie.

      „Auf“, bestimmt Mechthild energisch, „komm, mir gehet jetzt mit’nander suchen, au auf den Höfen in der Nachbarschaft. Los, komm, des machet mir glei!“ Mit diesen Worten macht Mechthild schon die Haustür auf. „Weisch, ich hab jetzt kei Ruh mehr. Des passt doch net zur Sonja. Jetzt isch es bald Viere und die isch no net daheim.“ Edelgard ist froh, dass die Mechthild die Initiative übernimmt. „Gut, dass Mutter da ist!“ Sie spürt, wie sie immer noch von der energischen Kraft der Älteren profitiert.

      Sie eilt der alten Frau hinterher, rüber in den Anbau des Onkels. Dort öffnen sie alle Türen, laufen hinters Haus, in den Stall, in die Scheune. Sie rufen hoch ins Heu. Edelgard steigt die Holzleiter hinauf, kriecht im Heuboden herum. Nichts! Sie gehen hinunter in den uralten Gewölbekeller, den die Kinder überhaupt nicht mögen. Sie ist nicht da. „Was sollte sie auch hier?“, überlegt Edelgard. Es gab für Sonja bessere Verstecke, wenn sie eines gebraucht hätte.

      Ihr lautes Rufen hören die Nachbarn. Irgendwann fangen sie an mitzusuchen. In jedem noch so versteckten Winkel der alten Bauernhäuser wird nachgeschaut. Nichts! Das Kind fehlt, wie jemand, der pünktlich losgewandert ist, seinen gewohnten Weg genommen hat und doch an seinem Ziel nicht angekommen ist. Sonja wird nicht gefunden. Keine Spur von ihr hier oben. Nicht in den Häusern, nicht zwischen den Häusern.

      Der Wald hat sie behalten! Warum? Es war, als habe er das Mädchen verschluckt. Sie ist unten hineingegangen und oben nicht wieder herausgekommen.

      Dass etwas Unheilvolles geschehen sein musste, wird in Edelgard zur gefühlten Gewissheit. Sie braucht nur ihre Mutter anzusehen und weiß, dass die keinen anderen Gedanken hat. „Wenn doch bloß der Arthur da wäre!“, wünscht sich Edelgard sehnlichst. „Der wüsste Rat, was zu tun ist. Aber gerade heute ist er auf der anderen Seite des Tales, auf den beiden großen Pachtwiesen, um nach dem Rechten zu sehen.“

      „Geh, ruf Hilfe!“, sagt die Mechthild sehr bestimmt. Es klingt energisch, aber Edelgard hört die zitternden Tränen im Hintergrund heraus. „Wen ruf ich an?“, überlegt sie kurz. „Am besten unseren Freund Herbert, Rolands Vater. Der weiß meistens Rat. Der wird wissen, was zu tun ist. Heute am Mittwochnachmittag sind die meisten auf Arbeit, aber den Herbert könnte ich erreichen, der werkelt bestimmt in seiner Schreinerei herum.“

      „D’ Sonja isch net heimkommen!“ Edelgard schreit diesen Satz förmlich in die Muschel. „Wie, net heim’kommen?“, fragt Herbert mit ruhiger Stimme. „Was meinsch du?“ „Ja von der Schul! Jetzt isch es fast Fünfe und sie isch no net da. Wir haben schon überall g’sucht. Sie sei in Richtung heim gangen, haben d’ Leut g’sagt, aber sie isch verschwunden, sie isch weg!“ Ohne abzusetzen sprudelt es aus Edelgard heraus. In der folgenden Stille hören beide nur das Atmen des anderen.

      Dann sagt Herbert: „Also am besten, wir alarmieren die Feuerwehr, machen gleich Nägel mit Köpfen.“ Herbert spricht jetzt hochoffiziell mit fester Stimme, wie es sich für einen wichtigen Mann im Dorf gehört. In solchen besonderen Situationen glänzt er sogar mit seinem erlernten Hochdeutsch, auf das er ganz besonders stolz ist. „Ja so was“, denkt er für sich, „was kann denn da passiert sein? Vielleicht liegt das Kind wo und hat den Fuß gebrochen. Die klettern doch alle Abkürzungen den Wald hoch. Wahrscheinlich hat das Mädle seine Mutter gar nicht rufen gehört. Da muss man danach gucken! Vor drei Stunden in den Wald rein und kommt nicht mehr raus. Da ist doch was faul.“ So denkt der Herbert, wäscht sich schneller als sonst die Hände, lässt sich nicht mal Zeit zum Abtrocknen und gibt fast wortgleich seine Gedanken von vorhin übers Telefon dem Feuerwehrkommandanten weiter. „Da muss man freilich danach gucken“, kommt die kurze, bündige Antwort zurück. „Ich mach das!“

      Kurz darauf heulen Sirenen. Die Menschen halten inne, egal was sie gerade tun. Brennt’s denn? Wo? Sie rennen auf die Straße. Weiß der Nachbar was? Nein. Aber da muss es doch wo brennen! Die Sirenen heulen weiter, gehen durch Mark und Bein. Grausig ist das. Bis einer es weiß: „D’ Sonja ist von der Schule noch nicht daheim. Man muss sie suchen.“

      Die Feuerwehr stellt gerade einen Suchtrupp zusammen. Alle, auch die Kerle von der Jugendfeuerwehr, müssen kommen

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