Über Herbert den Greisen und Leo den Weisen. Peter-Erwin Jansen
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Ich komme zu meinem letzten Punkt, den ich auch für die gegenwärtige Analyse zahlreicher aktueller Gesellschaftsentwicklungen als bedeutend ansehe: Für Marcuse bestand die Leistung der Nazis gerade darin, die Ebene zwischen Ideologie und gesellschaftlicher Wirklichkeit so zu verzahnen, dass sich im Verhalten der Menschen eine Art nüchterner Opportunismus als »aufrechte Haltung« verfestigte, getragen von einem scheinbar individuellen materiellen Eigeninteresse und einer die Gesellschaft prägenden, aber verschleierten irrationalen Rationalität, die sich in den Köpfen als heilsbringende Mythologie einbrannte: »Die extreme Sachlichkeit, mit der die Deutschen demokratische Freiheiten gegen wirtschaftliche Sicherheit eintauschten, wurde von der nationalsozialistischen Mythologie nicht bekämpft, sondern gefördert. Paradoxerweise macht nämlich die Erziehung zu zynischer Sachlichkeit den Geist der Mythologie aus. In ihren Leitbegriffen ersetzt sie die gesellschaftlichen Verhältnisse durch ›natürliche‹, scheinbar konkretere und anschaulichere Begriffe […]. Volk und Rasse werden zu ›Tatsachen‹ erklärt, denn die durch Herkunft und Ort bestimmte Geburt ist eine Tatsache, der gegenüber Klasse und Menschheit scheinbar nur abstrakte Ideen sind.«22
Bevor ich mit einem Zitat Marcuses enden werde, möchte ich Jürgen Habermas zu Wort kommen lassen. Ich sehe seine Anmerkungen in engem Zusammenhang der Veranstaltungen, die über »Demokratie leben!« auch hier in Koblenz stattfinden: »Im Bündnis mit einer pessimistischen Anthropologie gewöhnt uns der Neoliberalismus täglich mehr an einen neuen Weltzustand, in dem soziale Ungleichheit und Exklusion wieder als Naturtatsachen gelten. Der Wortlaut unserer Verfassungen legt eine ganz andere Betrachtungsweise nahe. Brauchen wir vielleicht doch eine renovierte Sprache, damit diese normative Sicht der Dinge gegenüber Zwängen zur Anpassung an funktionale Imperative nicht in Vergessenheit gerät?«23
Da ich niemals ein Referat zu Herbert Marcuse abschließe, ohne seinen träumerischen Optimismus zur Sprache zu bringen, folgt ein letztes Zitat aus seinem kleinen Beitrag Ist eine freie Gesellschaft gegenwärtig möglich? Verfasst wurde er mitten in der brutalen Vernichtungspolitik 1940: »Handelt es sich dabei [die Grundlagen der Freiheit; PEJ] nicht lediglich um subjektive Werturteile? Sie beruhen auf einer Annahme, die sich nie beweisen lassen wird, nämlich der, dass die Menschen frei sein sollten. Dieses ›sollten‹ ist zwar, mit positivistischen Kriterien gemessen, keine wissenschaftliche Behauptung, aber es ist die Voraussetzung allen Denkens und die Bedingung der Wissenschaft selbst. […] Der Ort der Wahrheit ist das Denken […].«24
1 Adorno u. a. (1950), S. 10.
2 Vgl. Bauman (2003).
3 Adorno u. a. (1969), Bd. 2, S. 209.
4 Löwenthal (2021), S. 26.
5 In sozialer Hinsicht bedeutet das heute, dass der Zugang zum gesellschaftlichen Leben, zum politisch gestaltbaren Raum und zur politischen Öffentlichkeit annähernd nur noch ökonomisch privilegierten Gruppen, Global Playern und/oder deren politischen Marionetten möglich ist. Der neoliberale Wahn, würden sich alle sozusagen »moralisch neutral« nach einem ökonomisch rationalen Nutzenkalkül verhalten, dann ginge es allen gut, verkennt die Bedeutung normativer Grundlagen oder, wie es Axel Honneth in seiner Anerkennungstheorie beschreibt: die Formen gesellschaftlicher Missachtung als Ursache eines gewaltigen Legitimitätsdefizits moderner Gesellschaften.
6 Gerade in den Krisenzeiten nach dem Ersten und vor dem Zweiten Weltkrieg verkündeten von Heidegger über Ernst Jünger bis Oswald Spengler viele Intellektuelle »den Untergang des Abendlandes« oder die Zerstörung der westlichen Zivilisation. Der »Zivilisationsbruch« (Dan Diner (1988)) und die »Zerstörung des moralischen Bewusstseins« (K. O. Apel (1988)) ereilte Europa allerdings in einem anderen Sinne: mit der barbarischen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten.
7 Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den norwegischen Mörder Anders Breivik. Die »Bedrohung« des scheinbaren Untergangs des westlich-christlichen Europas stellen nach ihm »die Muslime« dar, aber daran, dass es so weit kam, sind die »toleranten Multikulturalisten« und die Kulturmarxisten wie die Vertreter der Kritischen Theorie, besonders auch Herbert Marcuse mit seiner »sexuellen Befreiung«, schuld. Die Kritische Theorie, namentlich Adorno und Marcuse, nennt er in seinem Pamphlet. Darauf wollte er mit seiner verbrecherischen Bluttat aufmerksam machen.
8 Arendt, Hannah (1943/1986), S. 7.
9 Vgl. Marcuse, Herbert (1998/2007).
10 Marcuse (1998/2007), S. 158.
11 Vgl. Jansen (1998/2007).
12 Marcuse (1998), S. 11.
13 Die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die zwischen 1995 und 2004 zu sehen war, dokumentiert die aktive Rolle weiter Teile der Wehrmachtsoldaten in dem Vernichtungsprozess und führte damals zu Aktionen rechter Gruppen. Die Zahl der Soldaten ist zitiert nach dem Offizier und Militärhistoriker Rüdiger Overmans.
14 Vgl. Adorno (1959/1963), S 125–146. Dem Beitrag liegt eine Rede zugrunde, die Adorno im Herbst 1959 vor dem Koordinierungsrat für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Wiesbaden gehalten hat.
15 Adorno (1981), S. 26.
16 Memmi (1987), S. 164.
17 Vgl. Adorno (1955/1977), S. 121–324, S. 276.
18 Marcuse (1998/2007), S. 42 ff. Genau das taten nicht nur Marcuse, sondern auch Franz Neumann und Otto Kirchheimer im OSS und Leo Löwenthal im OWI. Angeregt durch die Publikation der Feindanalysen untersuchen die weiterführenden und detailreicheren Publikationen von Müller, Tim B. (2010): Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg und Laudani, Raffaele (2016): Im Kampf gegen Nazideutschland: Die Berichte der Frankfurter Schule für den amerikanischen Geheimdienst 1943–1949 weitere Memoranden und Texte der Frankfurter im OSS. Diese neuen Dokumente lagen in den Archiven in den USA.
19 Claussen, Detlev (1998/2007), S. 17.
20 Vgl. Löwenthal (1946/1982), S. 161–174.
21 Löwenthal (1946/1982), S. 168.
22 Marcuse (1998/2007), S. 42.
23 Habermas (1998), S. 239.
24 Marcuse (1998/2007), S. 169.
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