Trilogie der reinen Unvernunft Bd.1. Harald Hartmann

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Trilogie der reinen Unvernunft Bd.1 - Harald Hartmann

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sagte: „Ja.“

      Wir waren nun ein Paar. Man konnte sich keine glücklichere Verbindung vorstellen. Die Schweißnaht der Liebe hatte aus unserem einstigen Miteinander ein schicksalhaftes Aneinander gemacht.

      Versonnen saß ich am Küchenfenster und betrachtete mein Auto, das auch als Ehepartner eine gute Figur abgab auf seinem Parkplatz vor dem Haus. Dabei forschte ich weiter, unverdächtig planlos, nach dem Weg in meine Zukunft. Da bemerkte ich, dass ein fremder Fluss sein Bett verlassen hatte. Er vagabundierte und randalierte auf seiner Suche nach einer neuen Schlafgelegenheit. Er schien müde. Das machte ihn so gefährlich. Gerade floss er durch die Katzenklappe in den Keller meines Hauses, dann die Treppe hinauf und vorne durch den Briefschlitz der Haustür wieder hinaus auf die Bushaltestelle. Die Leute bekamen nasse Füße. Als sie die vielen Ratten im ungeklärten Strom des fremden Flusses sahen, freuten sie sich wie gewöhnliche Kinder. Wie frisch gebadet kamen sie aus dem Keller geschwommen und tanzten den in letzter Zeit rar gewordenen Rattensamba zum Vergnügen aller zwischen den Beinen der Wartenden. Das Wasser spritzte an ihnen so hoch, dass sich ihre Frisuren bald in einen unwegsamen, klebrigen Morast aus düster duftender Pomade verwandelt hatten. Da übermannte sie das Mitleid mit den unermüdlich tanzenden Ratten, und sie warfen ihnen goldene Geldmünzen zu, um sie vor weitergehender Ekstase zu beschützen.

      Diese wissenschaftlich vielfach erprobte Maßnahme hatte auch im Tierversuch einen sofortigen Erfolg zur Folge. Geld hatte bisher noch jeden aus dem Konzept gebracht. Auch Ratten machten da keine Ausnahme. Sie hörten sogleich auf zu tanzen. Ihre Gehirne spielten verrückt. Schnell liefen sie zum Kiosk auf die andere Straßenseite und warfen alle Münzen in den Geldschlitz des draußen festgeketteten Kaugummiautomaten. Hemmungslos entleerte er sein Innerstes bis auf sein letztes Hemd, der Glückliche. Endlich war er frei. Er zerriss die Kette mit seinem internationalen Charme in einem einzigen, langgezogenen, elastischen Ruck, so wie es wahrscheinlich nur Kaugummiautomaten konnten.

      Er wusste, was er wollte. In der langen Zeit seiner an der Kette gefangen gewesenen Freiheit hatte er sich in aller Ruhe einen Plan ausgedacht. Er betrat den Kiosk und legte sich lang auf den Boden. Er wollte schlafen. Nur noch schlafen. Das war sein Plan. Er war müde. Der erfahrene, vorteilhaft gekleidete Kioskbesitzer hatte ein professionelles Verständnis für ihn parat. Es handelte sich um einen mit Federn gefüllten, kleinen Beutel für seinen empfindlichen Glaskasten und einen mit Federn gefüllten, großen Beutel für seinen kalten Bauch. Auch für den fremden, randalierenden Fluss hatte er schon etwas Unpassendes vorbereitet. Aber der kam gar nicht herein. Vielleicht war er einfach zu unintelligent für eine Freundschaft mit dem Unpassenden.

      Das galt aber nicht für das in diese Szenerie gerade hereinplatzende Wunder, eines das niemals vorher je beobachtet worden war. Frühling, Sommer, Herbst und Winter betraten gemeinsam den Kiosk. Sie plauderten miteinander, aber leise, weil sie den Kaugummiautomaten nicht wecken wollten. Sie kannten sich offenbar gut, waren wahrscheinlich sogar befreundet seit dem letzten Jahr. Ich begrüßte sie mit der Titelmelodie aus den fünf durchschnittlichen Jahreszeiten, die ich meiner unwilligen Lunge abrang. Doch schneller, als ich gucken konnte, hatten sie sich verabschiedet und waren verschwunden. Ich fragte mich, warum und sah mich um. Möglicherweise lag die Antwort draußen, weil drinnen keine zu sehen war. Ich verließ den Kiosk und erblickte eine Antwort, die alle Fragen offen ließ.

      Gut gekleidete Herrschaften, hauptsächlich mittleren Alters, rollten lange Bahnen rosa Klopapiers auf der Straße aus und zuckten dabei unablässig mit ihren Wimpern. Vor Rührung ergriff ich den erstbesten, vorbei laufenden Hund und küsste ihn heftig. Sofort verwandelte er sich in einen jungen, schönen Prinzen. Als ich ihn auf seinen Zaubertrick ansprechen wollte, war er ebenfalls verschwunden, ganz so wie diese scheuen Jahreszeiten aus dem Kiosk, eher noch schneller. Schade, hätte mich interessiert.

      Doch das Wunder mit seinem ganzen wunderlichen Geschehen beunruhigte mich nicht, denn die Kamelkarawane am Ende der rosa dekorierten Straße war noch da. So lange ich denken konnte, war sie schon da. Man hätte den Eindruck gewinnen können, sie stünde fest und bewegte sich nicht. Aber das stimmte nicht. Sie war auf dem Weg in die Zukunft, und dahin ging es nur sehr, sehr langsam, gerade wenn man ein Kamel war.

      Ein Kühlschrank hatte sich zu mir gesellt. Er machte die gleiche Beobachtung. Alle Sterne fielen vom Himmel, stellte sich am Ende Dasgleiche als Dasselbe heraus. Zufrieden schnurrte der Motor meines coolen Begleiters das eintönige Lied, für das er bekannt war. Bekanntes kreuzte immer wieder meinen Weg.

      4

      Um mehr über meine eigene Zukunft zu erfahren, und ob eventuell die Kamelkarawane und ich eine gemeinsame hatten, entschloss ich mich nach reiflicher Überlegung zu einer Kurzschlussreaktion. Mit der kontemplativen Tatkraft des ehemaligen Ministerpräsidenten legte ich zwei Bücher aufeinander, um sie miteinander zu kreuzen und festzustellen, was so alles fleugte und kreuchte um mich herum und überhaupt, oder ob die Kamelkarawane und ich ganz allein unterwegs waren in der Wüste.

      „Mal sehen, was passiert“, murmelte ich in meinen Bart, eigentlich ein völlig normaler Vorgang für einen eingefleischten Bartträger.

      „Möchten Sie Hutträger werden?“ fragte mich ein gestreifter Streifenpolizist auf Streife, als er mich in meinem subversiven Tun bemerkte.

      Ich verneinte. Er zog seine Pistole und schoss. Zum Glück ohne Vorwarnung.

      „Ich bin tot“, dachte ich.

      Aber er hatte daneben gezielt. Unabsichtlich. Wir schüttelten uns die Hände und lachten. Freundschaft war das Schönste.

      „Polizist ist auch ein guter Posten“, sagte ich.

      Er weinte. Ich tröstete ihn. Es nützte nichts. Gegen weinende Polizisten gab es nur ein Mittel. Ich hatte es in der Schule gelernt. In einem solchen Fall von mittlerer Reife musste man Geld drucken, um seine Tränen in höhere Gehaltsstufen reinsten Wassers zu verwandeln. Ich druckte sehr viel. Riesige Berge von Geld türmten sich bis weit unter die Gürtellinie. Ihre Gipfel waren schneebedeckt. Die Sonne glitzerte in der gebündelten Pracht. Da lachte der Polizist, und auch das Geld lachte. Es lachte mich an. Nie vorher hatte es das getan. Es war eine Premiere. Ich nahm einen Packen und strickte mir einen Pullover daraus. Er lachte auch.

      Ein Engländer platzte in diese lächerliche Idylle. Der Geldberg interessierte ihn nicht. Er hatte ein anderes Hobby. Er schob, wie es seine Tradition verlangte, ein altehrwürdiges Fahrrad einher, vorzugsweise ein Fundstück von allerhöchster Brisanz. Seine Beine hatte er, um es sich bequem zu machen, über den Rücken auf seine Schultern gelegt. Er streichelte sie. Die Kette seines Fahrrads war gerissen. Ein Adler im stahlblauen Äther des jungen Morgens zog hoch oben majestätisch seine Kreise und beklagte mit entsetzlichem Schrei das Schicksal der Kette.

      Wie schön das Leben doch sein konnte! Und genau das machte mich misstrauisch. Denn ein Engländer kam meistens allein. Heute aber war nicht meistens.

      Ich erblickte nämlich einen Marathonläufer. Er folgte dem Engländer. Er wusste wahrscheinlich nicht einmal, warum. Hunderttausend weitere Marathonläufer hatten sich ihm angeschlossen. Keiner von ihnen wusste, warum. Selbst für Nichtmaratonläufer war diese unergründliche Unwissenheit unmöglich zu ergründen.

      Die Berge des Geldes hatten beachtliche Steigungen. Magnetisch waren sie auch. Noch magnetischer als steil. Der ältere Teil der Marathonläufer starb während des Aufstiegs. Den Rest erwischte es beim Abstieg nur Minuten später. Unbekannte Finanzprodukte waren aus den Geldbündeln heraus gewachsen und hatten den Abstieg zu einem kurzen Vergnügen gemacht. Wer nicht sofort wahnsinnig wurde, fiel in eine tiefe Geldspalte und wurde disqualifiziert. Ich wartete, bis sich alle in ihren Geldgräbern eingerichtet hatten. Dann war der Weg zum Friseursalon frei.

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