Der Fall Bahran. Elke Maria Pape

Чтение книги онлайн.

Читать онлайн книгу Der Fall Bahran - Elke Maria Pape страница 20

Автор:
Серия:
Издательство:
Der Fall Bahran - Elke Maria Pape

Скачать книгу

schätzen Sie, wie viele Menschen sind heute hier?”, fragte ihn jetzt die Frau neben ihm. Ihre Stimme zitterte leicht. Sie tat ihm leid.

      „Mindestens zweihundert.”, antwortete er. „Kein Wunder, so beliebt wie sie war.”

      Die Frau nickte erneut. „Sie sagten, sie hat Ihrer Frau geholfen?”

      „Ja, meine Frau war schwer krank. Fibromyalgie!”

      „Oh!” Sie wirkte betroffen, aber er war sich nicht sicher, ob sie wusste, was das für eine Krankheit ist. Die meisten Menschen wussten es nicht.

      Aber er scheute sich, einer Fremden die genauen Beschwerden und Schmerzen seiner Frau zu erklären, schon gar nicht in ihrem Beisein. „Das ist eine Faser-Muskel-Erkrankung.”, sagte er nur. Marianne Schieferstein lächelte scheu. Obwohl die Krankheit wahrlich nicht zum Lächeln war. „Unglaublich schwere Schmerzen an der Muskulatur und den Gelenken bis zur völligen Erschöpfung.” Sie drückte den Arm von Hans. „Wenn ich meinen Mann nicht gehabt hätte. Und Madame Bahran.”

      Die Frau hatte interessiert zugehört. „Und Frau Bahran hat Sie geheilt?” Ihr Zittern hatte nachgelassen und sie kramte in ihrer Handtasche um ein Taschentuch herauszuziehen.

      Plötzlich reichte sie beiden die Hand. „Entschuldigung ich habe mich nicht vorgestellt, mein Name ist Sonja Aust.”

      Das Ehepaar lächelte sanft und nannte ebenfalls ihren Namen.

      „Es gibt keine Heilung für diese Krankheit. Aber durch Frau Bahran bin ich heute fast beschwerdefrei. Sie hat mir so unglaublich viel Energie vermittelt.”, erklärte Marianne.

      „Mir hat sie ebenfalls geholfen. Ich war so ausgebrannt. Und dann diese schlimmen Magenschmerzen. Aber die Therapie hatte gerade erst begonnen. Und dann stirbt sie. Schlimmer noch, sie wird ermordet.” Mit dem Taschentuch tupfte die Frau vorsichtig über ihre Augen. „Ich hätte sie noch so gebraucht. So sehr!”

      Das Ehepaar Schieferstein nickte mitfühlend. „Wie wir alle!”, sagte Hans Schieferstein mit ernster Stimme.

      Die Tür der Kapelle wurde noch weiter geöffnet und der Trauerzug setzte sich in Bewegung. Zuerst der Pfarrer, begleitet von zwei Messdienern. Dann folgte der Sarg, auf dem so viele Blumen lagen, dass man das Holz nicht mehr sehen konnte.

      „Die vielen bunte Blumen.”, flüsterte Sonja Aust. „Sie liebte Blumen. Besonders die aus ihrem Garten.”

      „Ja! Ich weiß!”, erwiderte Marianne Schieferstein traurig. Gerade waren die Verwandten der Toten an ihnen vorbei gegangen. Die Sonne brannte erbarmungslos. Man sah allen an, wie sehr sie in ihrer schwarzen Kleidung schwitzten. Eine Frau, in den mittleren Jahren, weinend, ging direkt hinter dem Sarg, daneben ihr Mann und drei schon erwachsene junge Leute, wahrscheinlich die Kinder der beiden.

      Es musste sich um die Schwester von Madame Bahran handeln, überlegte Hans. Sie hatte öfter über sie berichtet. Und über ihre Nichten und Neffen.

      Es folgten noch mindesten zwanzig Verwandte, von denen er niemand kannte. Vielleicht waren sie auch gar nicht hier aus der Stadt, sondern aus allen Richtungen angereist. Komisch, ging es ihm durch den Kopf, wenn jemand stirbt, dann haben plötzlich alle Zeit. Zur Lebzeiten Madame Bahrans hatte wahrscheinlich keiner von ihnen viel Kontakt zu ihr gehabt. Aber vielleicht wollte sie das ja gar nicht. Das konnte auch sein.

      Schließlich war sie eine außergewöhnliche Frau gewesen.

      „Komm!” Seine Frau zog an dem Ärmel seines schwarzen Anzugs. Und so folgten sie, wie alle anderen, dem Trauerzug bis zum Grab. Hans Schieferstein sah sich um. Die nette Dame, wie hieß sie noch gleich, ach richtig, Sonja Aust, hatten sie aus den Augen verloren.

      Ein nettes Ehepaar, dachte Sonja. Sie konnte sie nur noch von hinten sehen, wie sie langsam aber stetig von dem Trauerzug mitgezogen wurden. Sie selbst hatte noch einen Augenblick gewartet und sich dann eingereiht. Die beiden passten äußerlich überhaupt nicht zusammen, fiel ihr auf. Die Frau, schmal, mit blassem Gesicht, fast einen Kopf größer als er, und ihr Mann, klein und rund, wie zusammengepresst in seiner Statur.

      Aber sie wirkten trotzdem wie eine Einheit. Wahrscheinlich hatte sie die Erkrankung der Frau noch enger zusammen geschweißt. Fibromyalgie. Sie hatte darüber gehört. Nicht besonders viel, aber genug, um zu wissen, wie schrecklich diese Krankheit für die Betroffenen sein musste.

      Was sind meine Sorgen dagegen, dachte sie beschämt, wahrscheinlich nichts.

      Ihr Magen meldete sich wieder. Je näher sie der Grabstelle kam, desto schlimmer wurden die schmerzhaften Stiche in ihrem Bauch. Sie ließ sich weiter zurückfallen und die anderen Trauergäste seitlich an ihr vorbeiströmen. Sonja Aust hatte Angst gehabt vor diesem Tag. Aber es musste sein. Es war ihre Art, dieser unglaublichen Frau zu danken. Sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten, das war das Mindeste. Jetzt waren der Pfarrer und auch die Sargträger an der offenen Grabstelle angekommen. Der Trauerzug stockte. Sonja blieb stehen und sah sich um. Die Polizei war auch da. Ein paar uniformierte Beamte, aber auch die Kommissare, sie erkannte sie wieder. Schließlich war sie gestern dort gewesen.

      Und am Dienstag hatten sie im Fernsehen eine Pressekonferenz gegeben. Man hatte zwischen den Zeilen hören können, dass sie noch keinen Schritt weiter gekommen waren in ihren Ermittlungen. Wie auch?

      Was konnte es für einen Grund geben, eine Frau zu ermorden, die so viel Gutes getan hatte?

      Von weitem konnte sie die Worte des Pfarrers hören, allerdings drang bis zu ihr nur noch ein gleich bleibendes Gemurmel herüber, sie war einfach zu weit entfernt. Und das war wahrscheinlich auch gut so, dachte sie.

      Alles andere hätte sie zu sehr mitgenommen. Ihr Magen schmerzte höllisch. Ich hatte es so gut im Griff, dank ihrer Hilfe, grübelte sie traurig. Am liebsten hätte sie geweint, so bewusst wurde ihr der Verlust in diesem Moment. Aber ihr Magen war nicht das einzige Problem gewesen, was sie bewogen hatte, Madame Bahran aufzusuchen. Übrigens auf Empfehlung einer Kollegin. Der Stress, dieser wahnsinnige Stress, der auf ihrer Arbeitsstelle herrschte, hatte sie schließlich dazu gebracht, sich Hilfe zu suchen. Sie konnte nicht mehr ausmachen, was zuerst da gewesen war. Waren es die ständigen Bauchschmerzen, wegen denen der Stress entstanden ist? Oder war es der Stress, der die Schmerzen verursacht hatte? Oder hatten all diese Sachen einen ganz anderen Auslöser, und da war sie gerade dabei gewesen, es heraus zu finden. Gemeinsam mit Madame Bahran.

      Einsamkeit, hatte sie bereits beim ersten Kennenlernen, bei der ersten Sitzung, die sie in ihrem Haus verbrachten, gesagt. Ein gemütliches, großes Haus, in dem sie allein wohnte. Sie hatten in einem Raum gesessen, der wie geschaffen schien für tiefe Gespräche. Hell, freundlich, die Wände in einem Terracottaton gestrichen. Mit breiten, gemütlichen Sesseln, die eine tiefe Sitzfläche hatten. In denen man so herrlich versinken konnte.

      Es ist die Einsamkeit!

      Dieses Wort hatte Madame Bahran einfach so in den Raum geworfen.

      Und sie wusste noch, wie sie sofort wieder aufstehen wollte, um schnellstens zu gehen.

      So ein Quatsch! Das war ihr erster Eindruck gewesen.

      Einsamkeit, wo ich doch zehn Stunden am Tag arbeite, und ständig von Dutzenden von Menschen umgeben bin.

      Lächerlich.

      Sie hatte bereits ihre Handtasche genommen und wollte wortlos, aber trotzdem wütend, aufstehen.

      Aber

Скачать книгу