Der Teufel trug Jeans. Tibor Simbasi
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Im Hauseingang nebenan, wohnte im zweiten Stockwerk eine Familie mit zwei Kindern, ein Mädchen und ein Junge. Der Mann war so ein aufbrausend ungeduldiger Zeitgenosse. Durch eine Kriegsverletzung war er Frührentner und hatte daher viel Zeit. Jeden Nachmittag half er seinem zehnjährigen Sohn bei den Hausaufgaben, wobei er den Unterschied zwischen Hilfe und eintrichtern wohl nicht so ganz verstand. Dauernd war der am schreien: „bist du so dumm oder stellst dich nur blöd an“. Bei offenem Fenster hat das natürlich jeder mitbekommen. Der Bub konnte einem schon leid tun. Auch mit seinen Nachbarn ging er ziemlich schroff um. Alles musste nach seinen Willen gehen, sonst wurde er richtig böse. So ging er einmal mit einem Messer auf einen Mitbewohner los. Nur das beherzte, mutige Eingreifen eines Nachbarn war es zu verdanken, dass nicht etwas Schlimmeres passierte. Ob sich das mit seinem Glauben vereinbarte verstand ich auch nicht so recht. Der Mann ging jeden Tag, morgens und abends, in die Kirche, sang dort auch im Chor und hatte einige Ämter inne. Die Kinder aber waren zwei ganz nette, liebe, höfliche, freundliche Geschöpfe. Für mich kristallisierte sich damals heraus, nicht der häufige Besuch einer Kirche zeigt einen gläubigen Menschen, ein guter Christ kann ich auch zuhause sein. Dazu ist nicht unbedingt der Gang in eine Kirche erforderlich. Mögen mich alle Gläubigen steinigen aber es war nun mal oft zu beobachten: Sonntagmorgen gingen die Leute zum Gottesdienst. Kaum war dieser vorbei wurde sofort wieder mit dummem Gerede über andere Mitbürger hergezogen. Selbstverständlich verhielten sich nicht alle Kirchenbesucher gleich aber doch schon einige Unbelehrbare. Für mich waren das die Scheinheiligen.
Für so manchen Mann war der Sonntag die einzige Abwechslung vom Alltag. Der Besuch im Wirtshaus stand an. Pünktlich um 10 Uhr am Morgen gingen sie dann im Feiertagsanzug mit Krawatte gekleidet zum Frühschoppen in das Gasthaus. Nach einigen Runden Karten spielen und etlichem Biergenuss kamen sie genauso pünktlich um 12.30 Uhr wieder zum Mittagessen nach Hause. Es war ihnen gegönnt, da sie ja sonst nichts hatten. Urlaub konnte oder wollte man sich zu der Zeit noch nicht leisten. Die einzigen, die mal verreist sind waren ein Rentnerehepaar. Sie verbrachten einen Erholungsurlaub in der Schweiz. Unvorstellbar für die meisten Menschen, verreisen, Urlaubsfahrt, und dann noch ins Ausland. So weit weg, was wurden sie beneidet.
Eine Familie aus dem Wohnblock traf es wiederum ganz hart. Die Mutter war nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. Zurück blieb ein Vater mit zwei 12 und 14 Jahre alten Söhnen. Der Mann versuchte nun mit allen Mitteln den Kindern die Mutter zu ersetzen und ihnen über die Trauer hinweg zu helfen. An einem Sonntag, etwa 8 Monate nach dem Tod der Mutter begab er sich mit den Söhnen auf eine Fahrradtour. All zu weit kamen sie nicht. Kurz hinter der Ortsausfahrt fuhr ein Pkw in die kleine Gruppe. Seine beiden Kinder wurden tödlich verletzt und nur der Mann überlebte. Nun war er ganz allein. Wir haben ihn alle sehr bedauert aber das half ihm ja auch nicht weiter. Kurz darauf ist er weg gezogen. Es geht immer alles weiter, nur manchmal fragt man sich schon wie und wo.
Eines Tages, ein Sonntag, klopfte es am Abend an der Tür. Eine Frau stand mit ihrem Kind, ein Mädchen, davor und brachte uns 5 oder 6 ganze Torten. Sie waren bei der am selben Tag ausgerichteten Feier zur Kommunion der Tochter übrig geblieben. Was haben wir Kinder uns gefreut, denn so wunderbarer Kuchen oder gar Torten gab es doch bei uns nie. Das war ein richtiger Festschmaus. Keine Torte hat je wieder so gut geschmeckt wie diese von damals. Die Leute lebten recht einfach und beschaulich, konnten sich noch nicht so viel leisten wie heute, waren aber mit sich und ihrem Umfeld zufrieden. Von der heutigen Hektik war noch nicht allzu viel zu spüren.
Zu den weniger guten Menschen zählte leider auch der Vater. Nun, da er nicht arbeitete wurde ihm langweilig. Wie sollte ein langer Tag vorüber gehen, wenn man nicht arbeiten will? Die Antwort für ihn war glasklar: anderen das Leben so schwer wie möglich zu machen und das verstand er fabelhaft. In der Waschküche im Keller, die jede Familie zeitweise benutzen konnte, stand ein riesiger Waschkessel, der mit Holz beheizt wurde. Da hinein kam die ganze Wäsche zum einweichen. Je nach Art der Kleidung, Buntwäsche, Feinwäsche oder Kochwäsche, wurde das Wasser mehr oder weniger stark erhitzt. Drei Waschvorgänge waren somit nötig um alle Kleidung zu reinigen. Damit der Schmutz sich löste wurde nach dem Einweichen jedes Wäschestück auf einem Waschbrett kräftig geschrubbt. Danach kam alles in eine mit klarem Wasser gefüllte Wanne und wurde ausgespült. Zum Schluss wurden die Kleidungsstücke zum Trocknen auf die Wäscheleine gehängt. Bei einem 10 Personen Haushalt war das eine sehr schwere Handarbeit und dauerte meist 2 Tage. Diese Tätigkeit wurde nun Konrad zugeteilt. Der Vater kontrollierte alles ganz genau und wehe er war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Dann gab es Prügel. Er schmiss die Wäsche auf den Boden und alles sollte noch mal gereinigt werden. Aus reiner Schikane musste Konrad sehr oft jeden Waschgang wiederholen. Es machte dem Vater sichtlich Vergnügen ihn zu quälen. Die größeren Mädchen mussten Geschirr spülen und abtrocknen. Für weitere Aufgaben waren sie noch zu jung. Da wir durch den Arbeitsverlust des Vaters nun auch nicht mehr genug Brennholz hatten wurde ich oft zum Händler geschickt um Kohle einzukaufen. Stets 2 Zentner musste ich heimbringen. Da es mir nicht möglich war 100 kg auf den Schultern zu tragen wurde mir ein kleiner Kinderschlitten zum Transport mitgegeben. Das war logischerweise meistens im Winter der Fall. Der Händler wog die Briketts oder Steinkohlen auf einer antik-verdächtigen Waage ab und schüttete sie in die Säcke, die mitgebracht werden mussten. Er legte mir diese auch immer hilfsbereit auf den Schlitten. Unglücklicherweise wohnten wir oberhalb vom Ortskern, der Brennstoffhändler befand sich aber unten im Dorf. Ein Schlitten, auf dem ein Gewicht von 100 kg lastet, ist verdammt schwer zu ziehen, vor allem wenn es bergauf geht und wie leider öfters der Fall, nicht genug Schnee auf der Strasse liegt. Der Winter kann sehr lang sein. 2 Zentner Kohle sind schnell aufgebraucht, also musste ich schon etliche Male diesen beschwerlichen Weg gehen. Das war immer eine richtige Plackerei.
Während wir Kinder und auch die Mutter mit der neuen Heimat recht zufrieden waren gefiel es Vater hier überhaupt nicht. Das war drüben anders. Dies war besser dort, manches gab es da nicht. Andauernd hatte er etwas auszusetzen. Am liebsten wäre er zurück nach Leipzig gegangen. Er sehnte sich nach der alten Umgebung und hatte schlicht Heimweh. Den Weg zurück gab es aber nicht. Man würde ihn sofort wegen Republikflucht an der Grenze verhaften, das wusste er natürlich genau. Der Grund dafür, dass er nicht mehr zurück konnte war auch gleich gefunden. Nicht etwa er war wegen der Kindesmisshandlung von Konrad und die dadurch resultierende Flucht schuldig. Das sah er schon mal gar nicht ein, Schuld hatten immer andere. Der Grund für all sein Dilemma war Konrad: „wegen dem kann ich nicht mehr zurück“, schrie er ihn einmal an. Seine ganze Wut und den ganzen Zorn darüber ließ er immer öfters am Bruder aus.
Eines Tages musste Konrad den Wohnzimmerboden, der mit Dielen ausgelegt war, schrubben und dann Bohnerwachs auftragen. Danach musste er noch polieren. Dauernd stand Vater dabei und schikanierte ihn. „Das war noch nicht ganz sauber. Dies ist nicht richtig. Da ist noch Schmutz und ein wenig schneller arbeiten“. Er suchte die Nadel im Heuhaufen und wollte ihn nur wieder quälen. Als er dann angeblich unter dem Wohnzimmertisch noch Schmutz sah, griff er sich Konrad am Hemdkragen und schleuderte ihn regelrecht wie einen Hund unter den Tisch. Fast täglich fiel ihm etwas ein, wie er Konrad herum jagen, demütigen und prügeln konnte. Es hatte den Anschein, als wolle der ihn bewusst klein kriegen, kaputt machen. Den Willen brechen, ihm die Seele nehmen, ihn als ein jederzeit benutzbares Lebewesen, ja ihn wie einen Hund abrichten. Ein Sklave der sich nicht wehrt, mit dem man alles machen kann, ein Leibeigener. Wie recht ich mit meiner Vermutung hatte sollte sich schon bald bestätigen. Nun hatte Vater doch die ganze Woche über Zeit um einzukaufen. Er arbeitete ja nichts, sondern lag nur auf der Wohnzimmercouch, sah fern oder schikanierte uns. Ausgerechnet am Sonntag, wenn alle Geschäfte geschlossen hatten, mussten wir oft Zigaretten für ihn holen. Seine Lieblingsmarke gab es auch in keinem Automaten. Es blieb uns daher nichts anderes übrig als bei den dafür in Frage kommenden Händlern an der Hintertür läuten und bitten uns doch Zigaretten zu verkaufen. Am Sonntag Leute, die die ganze Woche hart arbeiteten zu belästigen das war schon peinlich. Und alles nur wegen der Raucherei. Ohne Zigaretten heimkommen, diese Möglichkeit gab es nicht, denn dann gab es Prügel und wir wurden wieder losgeschickt.
Die Stimmungslage Zu hause bei uns richtete sich meistens nach dem Kontostand. War Geld vorhanden,