Mörder-Quoten. Leo Lukas

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Mörder-Quoten - Leo Lukas

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zwei Drehtagen. Zwar nur ein Kurzfilm als Diplomarbeit an der Filmakademie, aber immerhin gab es ein bisschen Gage. In Zeiten wie diesen musste man nehmen, was man angeboten kriegte. Da außerdem mein Terminkalender nicht eben überfüllt war, sagte ich zu.

      Knapp vor dem Bahnhof Semmering läutete mein Telefon. „Abermals hallo, Pezi“, sagte Gugu. „Ich nehme an, es geht um das Geld für die Anthologie. Du bist so überhastet davongerannt …“

      „Hab den Intercity gerade noch erwischt. Und nein, du schuldest mir nichts. Ich bekomme ja zehn Belegexemplare gratis. Aber ich wollte dich etwas über deinen Klienten fragen.“

      „Über welchen? Ich darf dir von Berufs wegen nicht …“

      „Der ebenfalls im Zimmer zwei war.“

      „Ach so. Den habe ich nur kurz gesehen. Das personifizierte umgekehrte Riddoch-Syndrom.“

      „Hä?“

      „Kleiner Psychiaterwitz. Bei Riddoch kann der Patient keine unbewegten Objekte erkennen, auch bewegte nur schattenhaft. Umgekehrt, also dass jemand derlei bei anderen auslösen kann, gibt’s das natürlich nicht. Obwohl dein Kollege nahe dran ist, alle Ehre.“

      „Kollege? Hat er das gesagt?“

      „Sonst nicht viel. ‚Pardon, der Kollege hat etwas vergessen‘, oder so ähnlich. Dann ist er dir hinterher. Hat er dich denn nicht eingeholt?“

      „Nein.“ Unwillkürlich blickte ich mich um. Im zu etwa einem Drittel gefüllten Waggon fiel mir auf die Schnelle kein bekanntes Gesicht auf. Andererseits hatte der Bravo kein Gesicht, das einem auffiel … „Hat er nach meinem Namen gefragt?“

      „Nein. Er ist fast so schnell rausgeflitzt wie du.“

      Davor schon hatte Gugu mich mit Pez angeredet, schoss es mir siedend heiß ein. Gleich darauf beschwichtigte ich mich wieder: Als Pez oder Pezi wurde ich praktisch nirgends offiziell geführt. Außerdem ging ich doch eigentlich immer noch davon aus, es mit einem relativ harmlosen Irren zu tun gehabt zu haben, nicht wahr?

      „Apropos Wahrnehmungsstörungen“, sagte ich. „Wie weit kann so etwas gehen? Ich meine, ist es möglich, dass man eine Bluttat begangen hat, sagen wir einen Mord, und kurz darauf jegliche Erinnerung daran gänzlich verdrängt? Rein theoretisch, ich bereite mich gerade auf eine Rolle vor. Für einen Diplomfilm“, fügte ich unnötigerweise hinzu.

      „Möglich ist auf meinem Gebiet fast alles. Blackouts nach traumatischen Ereignissen sind nicht selten. Wobei Amnesie auch nach Unfällen oder Vergiftungen auftritt. Die Wahrnehmung spielt ebenfalls hübsche Streiche. Beim Capgras-Syndrom glauben Patienten, ihnen nahestehende Personen wären gegen identisch aussehende Doppelgänger ausgetauscht worden. Wer vom ebenfalls recht seltenen, nach einem Hirninfarkt auftretenden Anton-Syndrom betroffen ist, weigert sich anzuerkennen, dass er blind ist.“

      „Was! Die glauben, ganz normal sehen zu können?“

      „Ja. Faszinierend, nicht wahr? Unter dem Walking-Corpse-Syndrom Leidende sind davon überzeugt, gestorben zu sein, zu verwesen oder das Blut sowie die inneren Organe verloren zu haben. – Pez, sei mir bitte nicht böse, mir fiele noch allerhand Bizarres ein, beispielsweise über die unglaublich charismatische Ausstrahlung von Manikern, aber mein nächster Klient steht vor der Tür. Kannst mir ja schreiben, wenn du konkrete Fragen hast. Mach’s gut, Alter!“

      Halb erschüttert, halb erleichtert sank ich gegen die gepolsterte Rückenlehne des Sitzes. Verglichen mit den eben aufgezählten Macken wirkte es fast schon wieder unspektakulär, wenn sich jemand bloß für einen Auftragsmörder hielt.

      Eines, fiel mir ein, hatte ich noch nicht nachgeprüft: den Namen Hugo Pekarek.

      Google warf eine uralte Zeitschrift aus, die Mittheilungen des Ornithologischen Vereines „Die Schwalbe“ in Wien vom 16. März 1894. Darin berichtete ein Herr Oberförster Hugo Pekarek aus dem Sudetengebirge, dass er nahe seiner Wohnung in Gabel bei Würbenthal einen schlankschnäbligen Tannenhäher geschossen habe.

      Wie hatte ich nur bisher ohne dieses Wissen durchs Leben gehen können?

      Ansonsten gab es keinen Hugo Pekarek, jedoch einen Josef, der beim SC Wacker Wien und in der Nationalmannschaft Fußball gespielt hatte, bis er aus dem Zweiten Weltkrieg mit einem Bein weniger heimkehrte. Weiters einen Karl, der 1967 an einer angeblich legendären Silvesterschießerei vor dem Café Domingo in Meidling teilgenommen hatte – und eine Mathilde Luggerbauer-Pekarek, auf deren Gastgewerbekonzession das Lucky Star Casino zugelassen war. Die Vermutung lag nahe, dass sie unlängst über ein bis zwei gravierende Verluste in Kenntnis gesetzt worden war.

      Bedauernswert, aber was hatte ich damit zu tun? Nichts, beschloss ich, und so sollte es auch in Zukunft bleiben. Die kuriose Grazer Begebenheit kam zu meinen nicht existenten Akten. Ob sie es jemals in eine künftige Autobiografie schaffen würde, stand sehr zu bezweifeln.

      Am Meidlinger Bahnhof stieg ich aus. Das Prunkstück der Wiener Linien, die U6, transportierte mich bis zu der Biedermeiergasse, in der ich wohnte. Als ich im Hausflur meinen Postkasten aufschloss, ertönte hinter meinem Rücken ein leises Räuspern. Erschrocken fuhr ich herum.

      „Ah ja“, sagte der Bravo. „Und da bist du nun.“

       4

      Binnen weniger Stunden zweimal düpiert worden zu sein, ärgert den Bravo sehr. Was ist bloß los mit ihm? Seit wann ist er so vertrauensselig, dass er auf einen falschen Psychiater hereinfällt und diesem intimste Geheimnisse anvertraut?

      Der Kerl heißt Peter Szily, hat der Bravo bei der Sprechstundenhilfe erfragt. Er ist ein Schulfreund des Professors und lebt in Wien. Mit diesen Basisinformationen lässt sich leicht weiterforschen. Szily tritt häufig und bei verschiedensten Anlässen in Erscheinung, wenn auch meist am Rande. Es dürfte sich um einen Lebenskünstler in mehrfacher Hinsicht handeln, der vieles kann, aber nichts wirklich gut, am ehesten noch Stimmen parodieren. Hauptsächlich arbeitet er als Effektsprecher für Werbungen und Radio-Comedy.

      Während der Bravo seinen gemieteten Opel Corsa über die regennasse Südautobahn steuert, überlegt er, ob er diesen Szily wird töten müssen. Kann er sich einen Mitwisser leisten? Noch dazu einen Komödianten, dem die Geschwätzigkeit förmlich in die Wiege gelegt wurde?

      Szilys alles andere als frisches Hemd und sein restliches Äußeres deuteten nicht gerade auf hohe Selbstdisziplin und Zuverlässigkeit hin. Mit viel gutem Willen konnte man ihm etwas wie legeren Chic attestieren. Schon beim ersten Eindruck hätte der Bravo stutzig werden müssen! Aber die sonore, wohlmodulierte Baritonstimme hat ihn eingelullt. Er hat schockierend viel von sich preisgegeben; jedoch nichts, wodurch er unmittelbar auszuforschen wäre.

      Oder?

      Den Termin beim Psychiater hat er unter falschem Namen ausgemacht. Die hundert Euro Einsatz, die er hinterlegen musste, weil er keine E-Card vorweisen wollte, sind leicht zu verschmerzen. Weder hat er Szily die Wohnung, in der das eingelegte Ohr deponiert ist, genauer beschrieben, noch deren Lage oder den Weg von dort zum Dombrowski-Platz. Und dass er privat am liebsten um 7.30 Uhr frühstückt, verrät etwaigen Feinden gar nichts – denn schließlich tut er dies ausschließlich, wenn er alleine ist.

      Trotzdem kann er nicht zulassen, dass Peter Szily brühwarm überall herumerzählt, er habe einen Auftragskiller namens Bravo kennengelernt. Wenn das den falschen Leuten zu Ohren käme, wäre

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