Vom Winde verweht. Margaret Mitchell
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»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, Kapitän Butler«, sagte sie so förmlich, wie sie nur konnte, und raffte notdürftig die Reste ihrer Würde zusammen. »Wenn Sie sich etwas darauf einbilden, der große Blockadebrecher zu sein, so gibt Ihnen das noch lange kein Recht, eine Frau zu beschimpfen.«
»Der große Blockadebrecher! Das ist ein Witz! Bitte, schenken Sie mir noch einen Augenblick Gehör, ehe Sie mich in die Finsternis hi nabstoßen. Eine so reizende kleine Patriotin soll nicht im Unklaren bleiben über das, was ich für die Sache der Konföderierten tue.«
»Es liegt mir nichts daran, von Ihrem Heldentum zu hören!«
»Bei mir ist das Blockadebrechen kein Heldentum, sondern lediglich ein Geschäft. Ich mache Geld damit. Wenn das nicht mehr geht, nehme ich meinen Abschied. Was halten Sie nun davon?«
»Ich halte Sie für einen ganz gewöhnlichen Dollarjäger, genau wie die Yankees.«
»Genauso!« grinste er. »Die Yankees helfen mir beim Dollarjagen. Vor einem Monat bin ich mit meinem Boot schnurstracks in den Hafen von New York gefahren und habe eine Ladung an Bord genommen.«
Wider ihren Willen horchte Scarlett auf. »Wie, und die Yankees haben Sie nicht in Grund und Boden geschossen?«
»Sie Unschuldsengel, die Yankees dachten gar nicht daran. Es gibt eine Menge wackerer Patrioten in der Union, die gar nicht abgeneigt sind, den Konföderierten Waren zu verkaufen und dabei zu Geld zu kommen. Ich laufe New York an, kaufe bei einer Firma alles Nötige zusammen und bin wieder verschwunden. Wird mir dort der Boden zu heiß, so fahre ich nach Nassau, wohin die gleichen Patrioten der Union mir Pulver, Kanonenkugeln und Reifröcke bringen. Das ist bequemer, als nach England zu fahren. Manchmal ist es nicht ganz einfach, in Charleston oder Wilmington damit durchzukommen, aber Sie haben keine Ahnung, was ein bißchen Gold alles ausrichtet.«
»0h, ich wußte, daß die Yankees gemein sind, ich wußte aber nicht ...«
»Wozu vertuschen, daß die Yankees ein anständiges Stück Geld damit verdienen, daß sie die Warenbestände der Union ausverkaufen. In hundert Jahren kräht kein Hahn mehr danach. Daß die Konföderierten am Ende doch Prügel bekommen, steht fest, und warum sollten diese Leute dabei nicht verdienen?«
»Wir, Prügel?«
»Selbstverständlich. «
»Wollen Sie bitte gehen ... oder ich lasse meinen Wagen holen und fahre nach Hause, umSie loszuwerden.«
»Sie hitzköpfige kleine Rebellin«, sagte er und lachte über das ganze Gesicht. Dann verbeugte er sich und machte sich gemächlich davon, und sie blieb, bis zum Rande erfüllt von ohnmächtiger Wut und Empörung, zurück. Eine Enttäuschung brannte in ihr, aus der sie nicht klug wurde. Es war die Enttäuschung eines Kindes, das seine Träume in Stücke gehen sieht. Wie durfte er sich unterstehen zu behaupten, die Konföderierten würden Prügel bekommen! Dafür verdiente er, erschossen zu werden wie ein gemeiner Verräter. Sie blickte im Saal umher auf all die vertrauten Gesichter, die des Sieges ihrer Sache so sicher waren und so viel Tapferkeit und Hingebung ausdrückten; und dennoch kroch etwas wie ein kalter Schauer ihr ins Herz. Prügel? Diese Leute? Unsinn! Schon der bloße Gedanke war Verräterei.
»Was hattet ihr beiden da zu flüstern?« wandte sich Melanie an Scarlett, als ihre Kunden sich entfernt hatten. »Mrs. Merriwether hat die ganze Zeit über ein Auge auf dich gehabt, und du, Liebes, kennst ihre Zunge!«
»Ach, dieser Mann ist unmöglich ... ein ungezogener Flegel«, sagte Scarlett, »und die alte Merriwether laß nur reden. Ich habe keine Lust mehr, mich ihr zuliebe wie ein Lamm aufzuführen.«
»Aber Scarlett!« rief Melanie bestürzt.
Plötzlich verstummte der Lärm der Versammlung abermals, als Dr. Meade seine Stimme erhob, um den Damen seinen Dank dafür auszusprechen, daß sie so bereitwillig ihre Schmucksachen hergegeben hatten. »Und nun, meine Damen und Herren«, fuhr er fort, »möchte ich Ihnen eine Überraschung vorschlagen. Etwas ganz Neues, das bei einigen von Ihnen vielleicht Anstoß erregen wird, aber ich bitte Sie, daran zu denken, daß es um des Lazaretts willen geschieht und zum Besten unserer Braven, die dort liegen.«
Alle drängten erwartungsvoll zu ihm hin und versuchten zu erraten, was der würdige Doktor wohl Anstößiges vorschlagen könnte.
»Jetzt beginnt der Tanz, und als erstes natürlich eine Polonäse mit nachfolgendem Walzer. Jedem der folgenden Tänze, den Polkas, den Schottischen, den Mazurkas geht eine kurze Polonäse vorauf. Ich kenne wohl den stillen Wettbewerb umdie Führung dabei, und deshalb ...«
Der Doktor wischte sich die Stirn und warf einen besorgten Seitenblick in die Ecke, wo seine Frau unter den Chaperons saß. »Meine Herren, wenn Sie mit der Dame Ihrer Wahl eine Polonäse anführen möchten, müssen Sie auf Ihre Dame bieten. Ich bin der Auktionator. Der Ertrag geht an das Lazarett. «
Mitten im Wedeln hielten die Fächer plötzlich inne, und ein erregtes Gemurmel lief durch den Saal. Die Ecke der alten Damen geriet in Aufruhr. Mrs. Meade, die ihrem Mann in einer Aktion, die sie mißbilligte, doch von Herzen gern beistehen wollte, befand sich im Nachteil. Die Damen Elsing, Merriwether und Whiting hatten rote Köpfe vor Entrüstung, aber die gesamte Landwehr stimmte einen begeisterten Hochruf an, in den alle andern Gäste in Uniform einfielen. Die jungen Mädchen klatschten in die Hände und liefen vor Aufregung umher.
»Findest du nicht ... es ... es ist doch ein bißchen wie eine Sklavenauktion«, sagte Melanie leise und sah etwas unsicher zu dem unternehmungslustigen Doktor, der bisher in ihren Augen eine Autorität gewesen war, hinüber.
Scarlett erwiderte nichts, aber ihre Augen glänzten, während sich ihr das Herz in leisem Schmerz zusammenzog. Wäre sie doch nur keine Witwe, wäre sie doch wieder Scarlett 0'Hara und dort auf dem Tanzboden in einem apfelgrünen Kleid mit dunkelgrünen Samtbändern, die ihr über die Brust herabhingen, und mit Tuberosen im schwarzen Haar - die Polonäse würde sie anführen und keine andere! Ein Dutzend Männer würden um sie kämpfen und einander bei Dr. Meade überbieten. Ach, daß sie hier sitzen mußte, ein Mauerblümchen wider Willen, und zusehen, wie Fanny oder Maybelle als Königin von Atlanta die Polonäse anführte!
Über den Tumult erhob sich die Stimme des kleinen Zuaven mit seinem unverkennbar kreolischen Akzent: »Wenn's erlaubt ist, zwanzig Dollar für MißMaybelle Merriwet her!«
Maybelle sank errötend an Fannys Schulter. Die beiden Mädchen bargen ihre Gesichter kichernd eins am Nacken des andern, während neue Stimmen neue Namen aufriefen und neue Summen nannten. Dr. Meade hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und überhörte das entrüstete Geflüster in der Ecke der alten Damen. Zuerst hatte Mrs. Merriwether laut und energisch erklärt, daß ihre Maybelle sich an solchem Verfahren niemals beteiligen dürfe. Als aber Maybelles Name öfter und öfter genannt wurde und das Gebot bis zu fünfundsiebzig Dollar stieg, begann ihr Widerstand zu erlahmen.
Scarlett stützte die Ellbogen auf das Auslagebrett und stierte in die aufgeregte, lachende Menge, die mit Händen voll konföderierten Papiergeldes das Podium umdrängte. Gleich durften sie alle tanzen, nur sie und die alten Damen nicht. Sie sah Rhett Butler in unmittelbarer Nähe des Doktors stehen. Er blickte sie an, und sein rechter Mundwinkel