Vom Winde verweht. Margaret Mitchell
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»Wir brauchen mehr Gold, und ich bitte Sie darum«, fuhr der Doktor fort. »Ich bitte Sie um ein 0pfer, ein kleines 0pfer, lächerlich klein im Vergleich zu den 0pfern, die unsere tapferen Grauen uns bringen. Meine Damen, ich brauche Ihren Schmuck. Ich? Nein, die Konföderierten Staaten bitten darum, und ich weiß, da wird niemand zurückhalten. Wie schön glitzert ein Geschmeide an einem lieblichen Handgelenk, wie herrlich glänzt eine goldene Brosche am Busen unserer patriotischen Frauen! Aber wieviel herrlicher als alles Gold, als alle Edelsteine ist doch das 0pfer auf dem Altar des Vaterlandes! Das Gold wird eingeschmolzen, die Steine werden verkauft, und für das Geld werden Arzneien und anderer Lazarettbedarf beschafft. Meine Damen, zwei unserer tapferen Verwundeten werden jetzt mit einem Korb unter Ihnen die Runde machen ...« Das Ende der Rede ging im Sturm und Tumult des Händeklatschens und der Zurufe unter.
Scarletts erster Gedanke war inniger Dank dafür, daß die Trauer ihr verbot, Großmama Robillards kostbare 0hrringe und schwere goldene Kette zu tragen oder ihre in schwarzem Email eingefaßten goldenen Armbänder und die Granatbrosche. Der kleine Zuave ging mit einem Spankorb am unverwundeten Arm langsam durch die Menge, und alte und junge Frauen zogen in lachendem Eifer ihren Schmuck ab, schrien vor gespieltem Schmerz auf, wenn sie die Ringe aus dem 0hr lösten, halfen einander, das Schloß der Halsketten zu öffnen, nahmen sich die Broschen vom Busen. Fortwährend erklang der helle Laut, mit dem Metall gegen Metall schlägt. Dazwischen rief es durcheinander: »Warten Sie ... einen Augenblick! So, jetzt ist es los!« Maybelle Merriwether zog die hübschen Zwillingsarmbänder, die sie über und unter dem Ellbogen trug, ab; Fanny Elsing rief: »Ma, darf ich?« und löste den Perlenschmuck mit seiner schweren Goldfassung, der seit Generationen in der Familie war, aus ihren Locken. Bei jeder Gabe erhob sich neues Händeklatschen und Beifallsgeschrei.
Der grinsende kleine Mann kam jetzt mit dem Korb auf Scarletts Bude zu, an Rhett Butler vorbei, der ein schönes goldenes Zigarettenetui achtlos hineinwarf. Als er vor Scarlett den Korb auf den Auslagentisch hinstellte, schüttelte sie den Kopf und breitete beide Hände aus, um zu zeigen, daß sie keinen Schmuck zu geben hätte. Da fiel ihr der helle Schimmer ihres breiten goldenen Eheringes ins Auge. Während eines verworrenen Augenblicks suchte sie sich im Geiste Charles' Gesicht, als er ihr den Ring an den Finger steckte, zu vergegenwärtigen. Aber die Erinnerung ward durch die Gereiztheit, die jeder Gedanke an ihn in ihr wachrief, ausgelöscht. Mit raschem Griff wollte sie den Ring abziehen, aber er saß fest. Der Zuave ging weiter zu Melanie.
»Halt!« rief Scarlett. »Ich habe etwas für Sie!« Der Ring glitt vom Finger, und als sie die Hand hob, um ihn auf all die Schmucksachen in den Korb zu werfen, begegnete sie Rhett Butlers Blicken. Seine Lippen waren zu einem winzigen Lächeln verzogen. Trotzig warf sie den Ring in den Korb.
»0h, Liebste!« flüsterte Melly und packte sie am Arm, und die Augen funkelten ihr vor Liebe und Stolz. »Ach, du tapferes Mädchen! Halt! Bitte warten Sie, Leutnant Picard, ich habe noch etwas für Sie!«
Sie zog an ihrem eigenen Trauring, von dem Scarlett wußte, daß er ihr nie vom Finger gekommen war, seitdem Ashley ihn daraufgesteckt hatte. Scarlett wußte wie niemand sonst, was dieser Ring ihr bedeutete. Er ließ sich nur mit Schwierigkeit abziehen, und einen kurzen Augenblick umschloß die kleine Hand ihn fest. Dann legte sie ihn sanft in den Korb. Beide Mädchen schauten dem Zuaven nach, der zu den älteren Damen hinüberging, Scarlett trotzig, Melanie mit einem unbeschreiblichen Blick, der tiefer zu Herzen ging als alle Tränen; und der Mann, der neben ihnen stand, ließ sich nichts von dem entgehen, was auf den beiden Gesichtern zu lesen war.
»Wärest du nicht so tapfer gewesen, ich hätte mich nie dazu entschließen können!« Melly legte den Arm um Scarletts Taille und drückte sie an sich. Einen Augenblick lang hatte Scarlett den Wunsch, sie abzuschütteln und einen kräftigen Fluch auszustoßen, wie Gerald tat, wenn er sich ärgerte. Aber sie sah Rhett Butlers Blick auf sich gerichtet, und es gelang ihr, sich zu beherrschen. Es war ihr verhaßt, wie Melly ihr immer Empfindungen unterschob, die sie gar nicht verspürte ... aber vielleicht doch besser so, als wenn sie die Wahrheit ahnte!
»Welch schöne Geste!« sagte Rhett Butler. »Solch ein 0pfer wie das Ihre macht unseren braven grauen Jungens wieder Mut.«
Eine hitzige Erwiderung drängte sich ihr auf die Lippen, aber sie hielt sie zurück. Mit jedem Wort, das er sprach, machte er sich über sie lustig. Er war ihr von ganzem Herzen zuwider. Aber dennoch, er hatte etwas Anfeuerndes, Lebendiges, Elektrisierendes. Ihr irisches Naturell bäumte sich gegen die Herausforderung seiner schwarzen Augen auf. Sie beschloß, den Kampf mit diesem Mann aufzunehmen. Daß er ihr Geheimnis kannte, gab ihm einen Vorteil, der sie zur Raserei brachte. Aber die Versuchung, ihm ihre Empörung ins Gesicht zu sagen, überwand sie. Mit Zucker fängt man mehr Fliegen als mit Essig, pflegte Mammy zu sagen, und diese Fliege wollte sie fangen! Nie wieder durfte sie ihm auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein.
»Vielen Dank«, sagte sie liebenswürdig und überhörte geflissentlich seinen Hohn. »Ein solches Kompliment von einem so berühmten Mann wie Kapitän Butler wissen wir zu schätzen.«
Er warf den Kopf zurück und lachte laut auf - kläffte, wie Scarlett zornerfüllt fand, während sie fühlte, daß sie wieder rot wurde.
»Warum sagen Sie nicht, was Sie meinen?« fragte er so leise, daß in dem Lärm ringsumher nur sie es hören konnte. »Warum sagen Sie nicht, ich sei ein verdammter Schuft und kein Gentleman, und ich sollte machen, daß ich fortkäme, sonst würden Sie einen der tapferen grauen Jungens bitten, mich zu fordern?«
Eine patzige Antwort lag ihr schon auf der Zunge, aber sie bezwang sich und brachte liebenswürdig heraus: »Aber Kapitän Butler, wo denken Sie hin? Als wüßte nicht jeder, wie berühmt und wie tapfer Sie sind und was für ein ... was für ein ...«
»Ich bin von Ihnen enttäuscht«, sagte er.
»Enttäuscht ?«
»Ja. Bei unserem ersten, so ereignisreichen Zusammentreffen dachte ich bei mir selbst, ich hätte endlich ein Mädchen getroffen, das nicht nur schön, sondern auch mutig ist. Nun aber sehe ich, daß Sie nur schön sind.«
»Soll das etwa heißen, daß ich ein Feigling bin?«
»Allerdings. Sie haben nicht den Mut, zu sagen, was Sie meinen. Als ich Ihnen zuerst begegnete, dachte ich: da ist unter Millionen endlich ein Mädchen einmal nicht wie die andern Gänse, die alles glauben und nachplappern, was Mama ihnen sagt, einerlei, was sie dabei empfinden, die alle ihre Gefühle unter einem Strom von süßer Heuchelei verbergen; ich dachte, Miß 0'Hara ist ein Mädchen von seltenem Temperament, sie weiß, was sie will, und scheut sich nicht, es auszusprechen - oder Vasen zu zerschmeißen. «
»Dann«, sagte sie mit aufbrechender Wut, »werde ich Ihnen auf der Stelle sagen, was ich von Ihnen denke. Wenn Sie überhaupt eine Spur von Kinderstube hätten, dann wären Sie nie hergekommen und hätten nie mit mir gesprochen, dann hätten Sie gewußt, daß Sie mir aus den Augen zu bleiben haben. Aber Sie sind kein Gentleman! Sie sind ein unerzogener Flegel! Sie meinen, weil Ihre verdammten kleinen Boote schneller fahren als die der Yankees, hätten Sie ein Recht, tapfere Männer und Frauen, die alles für die heilige Sache opfern, zu verhöhnen ...«
»Halten Sie ein!« bat er lachend. »Sie fingen ganz hübsch an und sagten, was Sie dachten, aber nun kommen Sie mir wieder mit der heiligen Sache. Ich mag nichts mehr davon hören, und ich wette, Sie auch nicht. «
»Was, wieso ... roher ...« stammelte sie ratlos. Er hatte sie aus dem Gleichgewicht gebracht, und schon kochte sie wieder vor Zorn, daß er sie so durchschaute.