Hans Fallada – Gesammelte Werke. Hans Fallada

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Hans Fallada – Gesammelte Werke - Hans  Fallada Gesammelte Werke bei Null Papier

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der ers­ten Wo­chen mei­nes Auf­ent­hal­tes in der Heil­an­stalt fast nichts. So mach­te mich Bra­cho­wi­ak zu sei­nem Ver­trau­ten, in mein Ohr er­goss er täg­lich sei­nen Lie­bes­kum­mer, ja er woll­te mich so­gar zu sei­nem Lie­bes­bo­ten ma­chen. Wie man­che Stun­de sind wir bei­de nach dem Abendes­sen auf dem lan­gen Kor­ri­dor ne­ben­ein­an­der auf und ab ge­gan­gen, und er hat un­er­müd­lich auf mich ein­ge­re­det.

      Ich habe ihn wei­nen und vor Glück la­chen se­hen. Drau­ßen wur­de es schon däm­me­rig, an den Wän­den lehn­ten ver­lo­ren die Kran­ken; wenn sie an ih­ren Pfei­fen so­gen, leuch­te­te die Glut rot auf; in ei­ner Zel­le ge­heim­nis­ten Ha­gen, Lies­mann und Schmeid­ler mit­ein­an­der, und der Aus­ge­sto­ße­ne re­de­te im­mer fie­ber­haf­ter auf mich ein, ob er dem Me­di­zi­nal­rat »die gan­ze Schwei­ne­rei« auf­de­cken, also Lam­pen ma­chen oder bes­ser noch einen Brief an Ot­sche schrei­ben soll­te.

      »›Ot­sche‹, wer­de ich ihm schrei­ben, ›ich habe so viel für dich ge­tan. Zwei­ein­halb Pa­ke­te Ta­bak habe ich dir ge­schenkt und einen klei­nen gol­de­nen Ring, den ich in der Fa­brik ge­fun­den habe. Du hast den Ring gleich an Ha­gen wei­ter­ge­ge­ben, ich weiß das wohl, und der hat ihn an einen Po­len im Haus ver­scheu­ert, für an­dert­halb Pfund Speck, die aus der Kü­che ge­stoh­len wor­den sind. Aber ich will nicht dar­über kla­gen, wenn du wie­der nett zu mir bist. Seit ges­tern früh hast du mir nicht ein­mal Gu­ten Tag ge­sagt, du siehst mich nicht mehr an. Du bist wie­der gut zu mir, oder ich gehe zum Arzt und ma­che Lam­pen. Ich be­rich­te dem Arzt al­les, was du mir von den Schwei­ne­rei­en er­zählt hast, die Lies­mann und Ha­gen mit dir ge­trie­ben ha­ben!‹ So wer­de ich ihm schrei­ben.«

      »Ich an dei­ner Stel­le wür­de kei­ne Lam­pen ma­chen, un­ter kei­nen Um­stän­den«, ant­wor­te­te ich. »Du fällst nur selbst mit rein.«

      »Ja schön, aber willst du dem Ot­sche den Brief brin­gen, heu­te Abend noch?«

      Aber nein, das woll­te ich nicht, ak­tiv woll­te ich an die­ser Sa­che nicht be­tei­ligt sein. Es scha­de­te auch nichts, denn Bra­cho­wi­ak fand leicht einen an­de­ren Bo­ten, und dann be­rich­te­te er mir am nächs­ten Mor­gen mit vor Ent­rüs­tung zit­tern­der Stim­me, dass Ot­sche Schmeid­ler ihm eine Ant­wort ge­sandt habe …

      »Nun, was denn für eine Ant­wort?«, frag­te ich. »Will er wie­der gut sein?«

      »Ich soll ihn am Ar­sche le­cken«, schrie wü­tend der Bra­cho­wi­ak. »Die­ser Rotz­jun­ge, die­ser Hu­ren­kerl lässt mir das sa­gen! Aber war­te, Bür­sch­chen, jetzt bin ich end­gül­tig mit dir fer­tig. Nichts be­kommst du mehr von mir, kei­ne ein­zi­ge Pfei­fe Ta­bak mehr!«

      Ach, er konn­te gut so re­den, der Bra­cho­wi­ak, ich wuss­te es wohl, er hat­te kein Fä­ser­chen Ta­bak mehr, Ot­sche hat­te ihn völ­lig ab­ge­kocht, und Ot­sche wuss­te das auch.

      Was aber sag­te Ha­gen zu al­le­dem, un­ser Kö­nig, die­ser lie­bens­wür­di­ge und char­man­te jun­ge Mann, der im­mer we­nigs­tens den Schein von Sau­ber­keit auf­recht­er­hielt? Emil Bra­cho­wi­ak war ja so scham­los in sei­nem Lie­bes­kum­mer, er wuss­te von dem Ver­hält­nis Ha­gens zu Schmeid­ler, er sah den Jun­gen stets in der nächs­ten Um­ge­bung des Kö­nigs, Ot­sche hat­te ihm selbst von den Schwei­ne­rei­en er­zählt, die sie mit­ein­an­der trie­ben – aber trotz­dem lief Bra­cho­wi­ak zu Ha­gen und klag­te ihm, ge­nau wie mir, sein Leid. Und Ha­gen hör­te sich das an, er war lie­bens­wür­dig und nett, er sprach trost­rei­che Wor­te und sag­te sei­ne Ver­mitt­lung bei Schmeid­ler zu. Und hin­ter dem Rücken Bra­cho­wiaks lach­ten sie über den aus­ge­plün­der­ten, nutz­lo­sen Nar­ren – oh, wel­che wahr­haft höl­li­sche At­mo­sphä­re von Falsch­heit und Nie­der­tracht!

      Bra­cho­wi­ak war ein ge­schick­ter und flei­ßi­ger Ar­bei­ter, er be­klei­de­te eine Art Ver­trau­ens­pos­ten in der Fa­brik, er kam auch viel mit Zi­vil­ar­bei­tern zu­sam­men und ver­stand sich auf Schmei­cheln und Bet­teln; in kur­z­er Zeit hat­te er wie­der Ta­bak.

      »Dies­mal blei­be ich fest, dies­mal kriegt er nichts ab, nicht eine Pfei­fe voll!« Und Bra­cho­wi­ak ging den lan­gen Kor­ri­dor auf und ab, rauch­te aus sei­ner langstie­li­gen Pfei­fe und blies dem Schmeid­ler den Rauch ins Ge­sicht, ohne ihn auch nur zu se­hen.

      Bra­cho­wi­ak hat­te sich krank­ge­mel­det, er ging nicht zur Ar­beit, son­dern mit mir zur Frei­stun­de, und – sie­he da! – die­ses Mal war im Gras­gar­ten auch Schmeid­ler auf­ge­taucht, Schmeid­ler ganz al­lein, ohne Ha­gen und Lies­mann – ein sel­te­ner An­blick.

      »Ich sehe den Kerl gar nicht an!« ver­si­cher­te Bra­cho­wi­ak, als wir an Schmeid­ler vor­bei­gin­gen, der auf den Trep­pen­stu­fen in der Son­ne saß. Der leich­te Som­mer­wind be­weg­te sein blon­des Haar, er sah jung, er sah frisch, er sah un­ver­dor­ben aus.

      Als wir zum zwei­ten Mal vor­bei­ka­men, sag­te Bra­cho­wi­ak: »Eben hat er mich schon an­ge­lä­chelt, der Ot­sche!«

      »Blei­ben Sie fest«, warn­te ich ihn. »Es ist dem Ben­gel doch nur um Ihren Ta­bak zu tun. – Üb­ri­gens könn­ten Sie mir auch ein­mal Ta­bak schen­ken für eine Zi­ga­ret­te!«

      »Ich habe mei­nen Ta­bak gar nicht un­ten«, sag­te Bra­cho­wi­ak rasch. »Nein, der Kerl kriegt nicht ein biss­chen. Der will mich ja doch nur wie­der ab­ko­chen.«

      Aber beim drit­ten Mal sag­te Schmeid­ler ganz freund­lich zu uns: »Wol­len wir nicht einen Skat spie­len?« Und er zog schon die schmut­zi­gen Kar­ten, auf de­nen die Bil­der kaum zu er­ken­nen wa­ren, aus der Ta­sche.

      Bra­cho­wi­ak war wil­lig ge­nug, so sag­te auch ich nicht Nein, aber ich stieß ihn an, und er nick­te be­ru­hi­gend, fest ent­schlos­sen mit dem Kopf. So spiel­ten wir denn un­se­ren Skat, Schmeid­ler mit auf­fal­len­dem Glück, Bra­cho­wi­ak eben­so auf­fal­lend schlecht. Schmeid­ler wur­de der Ge­win­ner, ich der zwei­te Mann.

      Schon rief der Jun­ge: »Das kos­tet aber ein biss­chen Ta­bak, Emil«, lach­te ihn an, und schon zog Bra­cho­wi­ak sei­nen Ta­bak her­vor (den er doch gar nicht bei sich hat­te!), füll­te die Dose des Jun­gen reich­lich, und ich, als auch ich mei­ne Hand hin­hielt, be­kam kaum ge­nug für eine Zi­ga­ret­te. Dann gin­gen die bei­den im Gras­gar­ten um­her, Arm in Arm, eng an­ein­an­der­ge­lehnt. Ich war ver­ges­sen.

      An die­sem Abend wein­te Emil Bra­cho­wi­ak wie­der: Schmeid­ler hat­te ihn völ­lig ab­ge­kocht und woll­te wie­der nichts mehr von ihm wis­sen. Und am nächs­ten Tage mach­te Emil Bra­cho­wi­ak wirk­lich Lam­pen, nicht beim Me­di­zi­nal­rat, aber doch beim Ober­pfle­ger.

      Aber es er­folg­te nichts, nicht das Ge­rings­te. Wa­rum nicht, das weiß ich nicht. Die Ver­wal­tung hat­te alle Macht­mit­tel in den Hän­den, sie konn­te die Schul­di­gen be­stra­fen, sie aus­ein­an­der­le­gen, die Ju­gend­li­chen, die­se Quel­le stän­di­ger Beun­ru­hi­gung, in an­de­re An­stal­ten ver­brin­gen. Sie tat nichts, wie sie nichts ge­gen un­se­ren Hun­ger tat.

      Ich neh­me an, weil es ihr ganz gleich­gül­tig war, wie

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