Dr. Norden Staffel 3 – Arztroman. Patricia Vandenberg
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*
Das Licht der Deckenleuchte fiel durch einen Spalt der Tür und direkt in das Gesicht von Dr. Daniel Norden. Spätabends hatte er seine Frau Felicitas nach Hause geschickt mit dem Versprechen, in Annekas Nähe zu bleiben. Da er nicht auf der Intensivstation übernachten konnte, hatte er es sich im Ruheraum der Ärzte bequem gemacht, nicht ohne vorher den Kollegen eingebläut zu haben, ihn zu wecken, wenn mit seiner Tochter etwas nicht in Ordnung war.
»Aufwachen, mein Freund. Sonst verpasst du das Frühstück.« Daniel war so müde, dass er nicht reagieren konnte. Wie tot lag er im Bett und zuckte noch nicht einmal mit dem Augenlid.
»Sag bloß, das Bett hier ist so gemütlich? Dann sollten wir an diesem Zustand schleunigst etwas ändern«, fuhr Roland Holzapfel unbarmherzig fort.
Noch immer rührte sich Dr. Norden nicht.
»Oder aber deine bezaubernde Frau Felicitas übernimmt das nächste Mal den Weckdienst. Mit ihren weiblichen Reizen hat sie möglicherweise mehr Erfolg.«
Erst als Daniel das sanfte Rütteln an der Schulter spürte und Rolands belustigte Stimme in sein Bewusstsein drang, blinzelte er verwirrt in den Lichtstrahl, in dessen Aura sein Freund und Kollege grinsend stand. »Nein, lieber doch nicht«, erklärte der inzwischen unbarmherzig. »Diesen erschütternden Anblick wollen wir ihr doch lieber ersparen.«
Diese freche Bemerkung weckte den Allgemeinarzt endgültig auf. Er kämpfte sich hoch und setzte sich auf die Bettkante. Währen der herzhaft gähnte, fuhr er sich mit den Händen durch das verstrubbelte Haar.
»Aus dir spricht der blanke Neid, weil du keine so wundervolle Frau hast wie ich«, rächte er sich postwendend für Rolands Scherze, als ihm wieder einfiel, warum er sich überhaupt in diesem Bett, in diesem Zimmer befand. »Ist was mit Anneka?«, fragte er plötzlich hellwach und sichtlich besorgt.
»Wer ist Anneka?«, fragte Roland verwundert nach. Die Namen der vielköpfigen Kinderschar seines Freundes hatte er nicht parat. »Etwa eine neue Verehrerin? Die hast du doch wohl nicht beim Golfspielen kennengelernt.«
Er machte ein so verdutztes Gesicht, dass sich Daniel augenblicklich entspannte und lachte.
»Anneka ist meine älteste Tochter. Und neben meinen Kindern habe ich nur Augen für meine Frau.«
»Schon gut, schon gut, ich hab’s endlich verstanden!«, wehrte Roland lachend ab. »Wobei deine Assistentin ja auch nicht von schlechten Eltern ist.«
Diese Anspielung verstand Daniel Norden sofort. Er stand auf und schlüpfte in seine Hose.
»Du hast dich trotz meines Vetos an Janine rangemacht?«, fragte er nicht ganz ernst.
»Rangemacht? Wie das klingt!«, empörte sich Roland Holzapfel. »Es geht lediglich um Studienzwecke.«
Daniel stieg in die Schuhe und starrte seinen Freund ungläubig an.
»Studienzwecke?«, wiederholte er ungläubig.
»Jetzt schau mich doch nicht so an, als wäre ich ein Sittenstrolch«, bat Roland um Milde, als es an der Tür klopfte und eine Schwester das Gespräch der beiden Ärzte unterbrach.
»Herr Dr. Norden«, fragte sie freundlich.
Wie von der Tarantel gestochen fuhr Daniel herum.
»Ist was mit Anneka?«, fragte er voller Angst.
Schwester Regina lächelte beruhigend und schüttelte den Kopf.
»Keine Angst. Sie ist aufgewacht und hat nach Ihnen gefragt.«
Erleichtert atmete er auf.
»Bitte sagen Sie ihr, dass ich in drei Minuten bei ihr bin«, bat er lächelnd. Regina versprach es und verschwand wieder.
Daniel Norden nahm seine Jacke vom Haken. Ehe er das Zimmer verließ, drehte er sich noch einmal nach Roland um.
»Studienzwecke!«, wiederholte er kopfschüttelnd und mit deutlichem Tadel in der Stimme.
Doch ehe der Bandscheibenspezialist etwas sagen geschweige denn erklären konnte, hatte sein Freund das Zimmer schon verlassen.
*
»Da hast du uns gestern aber einen ganz schönen Schrecken eingejagt!«, seufzte Felicitas Norden, als sie bereits am frühen Morgen an Annekas Bett stand. Die junge Frau hatte die Nacht ohne weitere Zwischenfälle gut überstanden und war inzwischen auf die normale Station verlegt worden. Zärtlich streichelte Felicitas ihrer ältesten Tochter eine Strähne aus der Stirn. »Fieber scheinst du nicht mehr zu haben.«
»Mir geht’s auch viel besser.« Bequem angelehnt saß Anneka im Bett und wirkte erstaunlich munter. An das, was tags zuvor passiert war, konnte sie sich kaum erinnern. »Tut mir leid, wenn ich euch erschreckt hab!«, entschuldigte sie sich trotzdem so schuldbewusst, dass Fee lachen musste.
»Aber du kannst doch nichts dafür.«
»Mario aber auch nicht«, galt die Sorge der sensiblen jungen Frau wie immer zuerst den anderen. »Er wusste ja nicht, dass ich diese Sorte Antibiotikum nicht vertrage. Du hast ihn doch hoffentlich nicht geschimpft?«, tat sie ihre Hoffnung kund.
»Doch, und wie!«, ertönte da eine wohlbekannte Stimme aus dem Hintergrund. »Ich hab mich erst jetzt wieder unter dem Tisch hervor getraut.« Niemand anderer als Mario Cornelius war unbemerkt ins Zimmer gekommen. Die tiefen Ringe um seine Augen und der Schatten am Kinn zeugten von einer durchwachten Nacht.
»Mami?« Mit strenger Stimme durchbohrte Anneka ihre Mutter mit stechenden Blicken.
Doch Fee war sich keiner Schuld bewusst.
»Ich wasche meine Hände in Unschuld!«, beteuerte sie. »Ich hab deinen Onkel seit gestern noch nicht mal gesehen.«
»Aber wenn du mich zwischen die Finger bekommen hättest, wäre es mir nicht gut ergangen«, mutmaßte Mario trotz seiner Erschöpfung belustigt.
Er war ebenso erleichtert wie Fee, seine Nichte auf dem Weg der Genesung anzutreffen, und deshalb schon wieder zu Scherzen aufgelegt.
»Oh, Mann, Mario!«, lächelte Anneka kopfschüttelnd. »Das hätte Mami nie getan. Du konntest doch nichts dafür.«
»Mag schon sein«, gab der Kinderarzt zu bedenken. »Aber mit uns ist es genauso wie mit anderen Geschwistern auch. Wir ärgern uns gern gegenseitig. Nicht wahr, Feelein?« Übermütig piekste Mario mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Fees Seite.
Die hatte mit diesem Angriff nicht gerechnet und schrie erschrocken auf. Während sich Mario ausschütten wollte vor Lachen und auch Anneka kichern musste, wurde die Tür aufgestoßen und ein völlig aufgelöster Daniel Norden stürmte ins Zimmer.
»Um Gottes willen, was ist passiert?« Der Schrei seiner Frau hatte ihn alarmiert, und abrupt blieb er stehen, um sich einen Überblick über die offenbar dramatische Situation zu verschaffen.
Verdutzte Blicke trafen ihn.
»Dan, ist alles in Ordnung? Du bist ja ganz bleich.« Fee war die Erste, die ihre Stimme wiederfand. Sie ging auf ihren Mann zu und legte