Zanderblut. Wolfgang Wiesmann
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Fey wollte aufbrausen, sah aber sofort ein, dass es im Nachhinein keinen Sinn machte, mit rechtlichen Schritten gegen das eigenmächtige Verhalten der Männer vorzugehen. Sie würden es Zivilcourage nennen und von der Bevölkerung bewundert werden. Feys Chef Carstensen war in Sachen Öffentlichkeit ein Duckmäuser, posierte gern als erfolgreicher Dezernatsleiter vor der Kamera. In dieser frühen Phase musste sie Kritik an ihren Entscheidungen vermeiden. Es gab immer noch keine ausreichenden Beweise für einen Mord. Sie ließ Pörschke wissen, dass jemand die Beweisstücke abholen werde und das Angelverbot aufgehoben sei. Fey dachte sofort daran, dass die Halterner genauso wie die Dülmener gehandelt haben würden. Sie rief dort beim Angelverein an und verlangte nach Haverkamp. Als fühlte er sich ertappt, versuchte er mit Ausflüchten die Sache zu verharmlosen. Fey fand, dass er übertrieben nervös klang. Sein Wortfluss stockte, als hätte er Luftnot und seine Erklärungen schwankten ins Unsachliche.
„Sagen Sie mir doch einfach, dass Sie gegen die Auflage der Polizei verstoßen haben“, fuhr Fey ihn an. Sie hörte, wie Haverkamp tief durchatmete.
„Wissen Sie, wir wollten nur helfen. Ein paar Freiwillige haben sich geopfert und waren erfolgreich. Es wurde ein Karpfen mit einem schwarzen Nylonband gefangen. Man könnte sagen, ein Trauerflor. Vielleicht möchten Sie ja doch, dass wir weitermachen.“
„Machen Sie, und kein Wort an die Presse! Sollte ich aus der Zeitung erfahren, dass die mehr wissen als ich, ist der Teufel los. Ich schicke eine Streife vorbei. Halten Sie das Nylonband bereit.“
Haverkamps Stimme hatte sich gefestigt.
„Wir stehen geschlossen hinter Ihnen.“
„Das stell ich mir jetzt besser nicht vor“, entglitt es ihr.
11 Heimat
Peter Beckmann, Vollblutwirt der Kajüte, stieg missmutig auf sein Fahrrad und radelte los. Sein Arzt hatte ihm die Pistole auf die Brust gesetzt. Mit zwei Herzinfarkten und einer fortschreitenden Leberzirrhose stünde er bereits mit neun Zehen im Grab. Doch Beckmann hielt an seinem Lebensstil fest. Er war wie seine Kajüte aus altem Holz geschnitzt. Dass allerdings auch seine Lunge nicht mehr mitmachte, hatte er seinem Arzt verschwiegen. Normalerweise ging er seine tägliche Runde um die Stever zu Fuß, aber in der letzten Zeit reichte dafür die Puste nicht mehr, sodass er widerwillig aufs Fahrrad umgesattelt war.
An der Steverbrücke am Heimingshof rastete er und schaute nach, ob sich unter der Brücke Barsche oder Schwärme von Rotaugen tummelten. Die Sache mit der Videoschaltung, von der Haverkamp gesprochen hatte, ließ ihm keine Ruhe. Das wäre ein echter Gag, eine Liveschaltung zum Vereinsteich. In der Kajüte sitzen und sich gemütlich bei einem Bierchen ansehen, wie einer der Vereinsmitglieder einen Zander fängt. Das wär’s doch! Es würde nie langweilig. Am Teich war immer was los. Warum nicht, dachte Beckmann, er hatte nichts zu verlieren. Nicht groß fragen, sonst würde Haverkamp mit so einem Scheiß wie Persönlichkeitsrechten und dem ganzen Tinnef kommen. Es musste einfach getan werden. Hatten sich die vom Verein dran gewöhnt, krähte kein Hahn mehr nach dem Schutz von persönlicher Freiheit. So ’n Quatsch überhaupt, Google sah längst alles und ihm ging es doch nur darum, Anglern und Gästen nette Szenen aus der Heimat vorzuführen.
Beckmann lupfte sich behäbig auf den Sattel seines Rades und fuhr an den Wochenendhäusern vorbei, die entlang des Steverufers standen. Etliche davon waren die meiste Zeit unbewohnt, was man auch daran sehen konnte, dass sich das Laub vom Vorjahr auf Wegen und in Eingängen wie bei Schneeverwehungen auftürmte. Die Häuser im Greinenkamp grenzten mit ihrer Rückseite an die Stever und vorne heraus konnten die Bewohner direkt über kleine Pfade in die Wälder der Borkenberge gelangen. Beckmann kannte die Häuser seit seiner Kindheit. Einige hatten ihren eigenwilligen Charakter bewahrt. Ihr nostalgischer Charme erinnerte ihn an eine längst vergessene Zeit, in der noch aus den Trümmern des Krieges Material für den Bau gewonnen wurde, andere motzten ihre alte Fassade mit einem schnittigen Porsche in der Einfahrt auf.
Er näherte sich einem Haus, das im Barackenstil der Nachkriegszeit gebaut war. Das langsame Radeln erlaubte es ihm, eine Beobachtung zu machen, der er aber wegen seiner Begeisterung für seine Videoidee keine nachhaltige Bedeutung schenkte. Die Rollläden vor den Fenstern dieses Hauses waren für gewöhnlich dicht verschlossen, wie eine hölzerne Wand. Doch heute sah er an einem Fenster dünne Schlitze. Er drehte sich noch mal um, bemerkte aber kein anderes Zeichen menschlicher Präsenz. Er setzte seinen Weg fort bis zum Alten Garten.
Ähnlich wie die Kajüte am Stausee war auch der Alte Garten nichts weiter als ein in die Jahre gekommenes Ausflugslokal mit angrenzendem Paddelbootlager. Das Lokal stand unweit der Steverbrücke, kaum zwei Kilometer entfernt von der Kajüte. Dort konnte man im Sommer auch geräucherte Fische bekommen, die vor den Augen der Käufer frisch aus dem Ofen serviert wurden. Spaziergänger, die eine Runde um den Hullerner Stausee gemacht hatten, tranken dort gerne ein Bier und es gab Eis für die Kinder. Einzig störend war der Motorradlärm, der von der beliebtesten Motorradstrecke rund um Haltern in verlässlichem Sekundentakt zu den Gästen des Alten Gartens dröhnte. Die Motorradjunkies hatten die sogenannte Panzerstraße zu ihrem Eldorado erklärt. Die für militärische Zwecke gebaute Straße, die aus Beton gegossen war, hatte ihren ursprünglichen Zweck verloren. Längst waren die britischen Truppen, die im Linard Wald bei Sythen stationiert waren, abgezogen.
Beckmann überquerte die Straße und erinnerte sich lebhaft an die Convoys der britischen Besatzungsmacht. Als Junge hatte er die Panzer bestaunt und den Soldaten zugewunken. Bekam er einen Gruß zurück, schwang er sich auf sein Rad und trampelte hinter dem Panzer her. Noch heute klang das Schlagen der Ketten auf dem Beton in seinen Ohren. Er wünschte sich die alten Zeiten zurück, warf einen sentimentalen Blick die Schneise entlang, die die Straße durch den Wald zog, und machte sich behäbig auf den Heimweg.
12 Kasperletheater
Am Dienstagmittag lagen neue Fakten auf Feys Schreibtisch. Charly hatte am Turnschuh Zellmaterial für eine DNA-Analyse gefunden. Der dritte Ohrring passte zu dem bereits geborgenen Rubin und im Fingerring war ein Datum mit einem Sternchen eingraviert: 23.4.1951. Auf das schwarze Nylonband, das Haverkamp als Trauerflor bezeichnet hatte, waren die Initialen D. D. gestickt.
Entgegen Carstensens strenger Geheimhaltungspolitik gab Fey einen Teil der Fakten weiter an die beiden Angelvereine und die Zeitungen der jeweiligen Städte. Die Bevölkerung war ja bereits im Bilde, was sich an den Angelteichen abgespielt hatte. Fey hoffte nun auf zusätzliche Informationen aus der Öffentlichkeit. Sie beabsichtigte genau das zu erreichen, was der Urheber der ganzen Aufregung bezweckte: den Mörder von damals aufzuschrecken.
Sie mochte nicht daran denken, dass gleich ihr Chef aufkreuzen würde, um den Fall aus seiner Sicht aufzurollen. Ihr männlicher Kollege war wegen Leukämie in stationärer Behandlung und Carstensen hatte stellvertretend seinen Posten übernommen. In diesem Fall hätte sie sich eine Frau als Partnerin gewünscht. Es ging um Einfühlungsvermögen und da war Carstensen ein Banause. Die Frage nach der Identität der jungen Frau brannte Fey besonders unter den Nägeln. Sie sah Carstensen in sein Büro gehen und wider Erwarten legte er seinen Mantel nicht ab, sondern kam gleich zu ihr.
„Frau Amber, machen wir uns nichts vor, eine Straftat ist bisher nicht nachzuweisen.“
„Herr Carstensen, warum dann die Aufregung? Haben wir nun einen Fall oder nicht?“
Carstensen musterte sie und war sichtlich verdutzt, dass Fey ihm Kontra bot.
„Bringen Sie mich auf den aktuellen Stand.“
Fey referierte die neusten Einzelheiten und