Die Naturforschenden. Группа авторов

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städtischen Räumen der damaligen Schweiz entstanden, waren in privatem Besitz. Sie für Studienzwecke zu verwenden, war meist ihren Besitzern vorbehalten.8 Doch Sammlungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, war ein Gebot der Zeit, wie etwa die britische Schriftstellerin und Dichterin Helen Maria Williams (1761-1827) bei ihrem sechsmonatigen Aufenthalt in der Schweiz im Jahr 1794 bemerkte:

      «Unter den Merkwürdigkeiten der Schweiz, welche die Aufmerksamkeit von Reisenden verdienen, sind die Naturhistorischen Kabinette nach der Meinung der Einheimischen von besonderem Rang. […] ein beachtliches und wertvolles Museum könnte einst aus diesen Sammlungen hervorgehen, wenn diese zusammengeführt und in den Dienst der Öffentlichkeit gestellt würden.»9

      SAMMELN UND FORSCHEN – IMPULSE AUS DEM AUSLAND

      Es war allerdings nicht nur der mangelnde öffentliche Zugang zu naturhistorischen Sammlungen, die der Modernisierung der Naturforschung um 1800 im Weg stand. Es fehlte auch an Ausbildungsmöglichkeiten für angehende Naturforscher. Anders als an anderen grossen akademischen Hochschulen in Europa existierten in der Schweiz bis ins 19. Jahrhundert nämlich noch gar keine naturwissenschaftlichen Fächer oder Lehrstühle, weder an den Akademien in Genf, Lausanne und Bern noch an der Universität Basel.10 Einzig die Botanik war als Teilbereich der Medizin bereits in der wissenschaftlichen Lehre und Forschung vertreten, doch interessierten sich die Ärzte mehr für die Verwendung der Pflanzen als Arzneimittel und weniger für deren Systematik, Physiologie oder Taxonomie. Erst um 1778 lassen sich erste Tendenzen für die Einrichtung naturhistorischer Sammlungen an Schweizer Hochschulen nachweisen. In Basel kaufte die Regierung das umfangreiche Naturalienkabinett von Daniel Bruckner (1707-1781). Ein Argument für den Ankauf war, dass dieses für die Stadt und die Universität einst von grossem Nutzen sein könnte, sollte «mit der Zeit die Naturgeschichte öffentlich gelehrt» werden.11 Die Sammlung wurde in der Öffentlichen Bibliothek eingerichtet, jedoch dauerte es noch mehrere Jahrzehnte, bis sie ihre wissenschaftliche Bestimmung erfüllen sollte. In Genf forderte 1794 Henri Boissier (1766-1845) die Gründung eines Naturalienkabinetts zum Zweck des Unterrichts in Naturgeschichte. Daraufhin genehmigte die Genfer Regierung einen Kredit zur Anschaffung einiger physikalischer Instrumente und der Naturaliensammlung des Apothekers Pierre-François Tingry (1743-1821). Die Professoren machten allerdings nur wenig Gebrauch von den Sammlun gen, und aufgrund ausstehender Zahlungen musste die Sammlung wieder an ihren Besitzer zurückgegeben werden.12 1805 wurde der erste Lehrstuhl für Naturgeschichte an der neu eröffneten Akademie in Bern eingerichtet und mit dem Naturforscher Karl Friedrich Meisner (1765-1825) besetzt.

      Der Hauptteil der Naturforschung fand jedoch abseits der Hochschulen statt, in sogenannten Gelehrten Gesellschaften, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden waren. Hierzu gehören die Physikalische beziehungsweise Naturforschende Gesellschaft in Zürich (gegründet 1746), die Societas Physico-Medica Basiliensis (1751-1787), die Privatgesellschaft naturforschender Freunde in Bern (gegründet 1786) oder die Société des Naturalistes Genevois (gegründet 1791, ab 1799 Société de Physique et d’Histoire Naturelle de Genève). Manche dieser Gesellschaften unterhielten auch eigene Sammlungen und Naturalienkabinette, zu deren Unterbringung sie eigene Räumlichkeiten einrichteten, wie zum Beispiel die Physikalische Gesellschaft in Zürich. Doch auch hier sollte es noch einige Jahre dauern, bis weitere Kreise von den privaten Interessen der Naturforscher und deren Gegenständen profitieren konnten.13 Die politischen Umstände waren dabei nicht gerade günstig. Mit dem Einmarsch der französischen Truppen unter Napoleon im Jahr 1798 gerieten die helvetischen Stadtrepubliken unter die Kontrolle Frankreichs. In den unruhigen Zeiten kamen die Aktivitäten an den Schweizer Hochschulen praktisch zum Erliegen. Wer ein ernsthaftes Studium in Medizin, Naturgeschichte oder Botanik absolvieren wollte und auch über die nötigen finanziellen Mittel verfügte, studierte an einer Universität im Ausland. Besonders hoch angesehen waren die Universitäten in Göttingen, Paris oder Leiden. In diesen modernen Universitäten fand der Unterricht nicht bloss in Hörsälen statt, sondern sie verfügten schon über eigens für die akademische Lehre und Forschung eingerichtete Museen, botanische Gärten und weitere, umfangreiche Sammlungen aus allen Teilgebieten der Naturforschung. Ebenso standen Exkursionen und Forschungsreisen auf dem Lehrplan.14 Die Studenten aus der Schweiz lernten den Vorzug der wissenschaftlichen Sammlungen kennen. Hier sammelte man nicht für den privaten Gebrauch, sondern für den «höheren» Zweck der Wissenschaften. Nach ihrem Studienaufenthalt brachten die Studenten nebst ihrem Wissen auch die Idee einer neuen Art der Ausbildung zurück in die Schweiz.

      DAS STUDIUM IN DER NATUR – AUGUSTIN-PYRAMUS DE CANDOLLE

      Ein Student, der in den vollen Genuss dieser neuen Bildungsform im Museum, im botanischen Garten und auf Exkursionen kam und diese schätzen lernte, war der Genfer Augustin-Pyramus de Candolle.15 Die von ihm selbst verfasste und durch seinen Sohn beendete Biografie gibt einen Einblick in das Leben eines Naturforschers um 1800. Sie macht auch sichtbar, welche Personen in dieser Zeit Naturforschung betrieben und an welchen Orten sie dies taten.16 De Candolle wurde am 4. Februar 1778 in Genf als Sohn eines wohlhabenden Bankiers geboren. Er besuchte das Gymnasium und erste Kurse an der Akademie, der späteren Universität Genf. Sein Interesse galt zunächst vor allem der Literatur, ehe er im Frühling 1794 einen Kurs in Botanik «in einem äusserst bescheidenen Garten» der Genfer Société de physique et d’histoire naturelle besuchte.17 Diese Gesellschaft war 1791 vom Apotheker und Naturforscher Henri-Albert Gosse als Société des Naturalistes mit dem Ziel der Förderung der Naturwissenschaften gegründet worden. In seiner Biografie schrieb de Candolle, dass er bei Wanderungen während der Sommerferien im Juragebirge bemerkt habe, dass ihm kein einziger Name einer Pflanze bekannt war. Daraufhin habe er den Entscheid gefasst, zumindest die Namen der Pflanzen zu studieren. Sein neues Interesse an der heimischen Flora konnte er mit seinen Schulfreunden Jean-Pierre Pictet (1777-1857), Sohn des Geografen und Astronomen Jean-Louis Pictet, und dem an naturhistorischen Themen ebenfalls interessierten späteren Geschichtsprofessor und Statistiker Jean Picot (1777-1864) teilen. Beide wohnten in der Nachbarschaft von de Candolles Elternhaus und stammten ebenfalls aus wohlhabenden Familienverhältnissen. Ihr privilegierter sozialer Status erlaubte es den jungen Naturforschern, ihrer Neugierde und ihren Interessen ohne konkrete berufliche Aussichten nachzugehen, denn Naturforschung war kein Beruf, mit dem sich Geld verdienen liess.

      1797 besuchte der französische Geologe Déodat Gratet de Dolomieu (1750-1801) die Stadt Genf. Die Eltern von Pictet und Picot baten Dolomieu, die Söhne nach Paris mitzunehmen. Sie luden de Candolle ein, ebenfalls an der Reise teilzunehmen. Im November erreichten sie Paris. Da im Winter keine Vorlesungen in Botanik stattfanden, besuchten die drei Freunde verschiedene Vorlesungen in Physik, Chemie, Mineralogie, Anatomie und Zoologie. Bei der Rückkehr nach Genf 1798 fasste de Candolle den Entschluss, Medizin zu studieren. Er stand, wie er selbst sagte, vor der Wahl zwischen Göttingen und Paris, wobei seine Unkenntnis der deutschen Sprache die Wahl auf Paris fallen liess. Von Paris aus unternahm er bereits im Herbst 1798 eine Exkursion in die Normandie. Zum ersten Mal an der Atlantikküste, unterliess es de Candolle nicht, möglichst alles an zoologischem und botanischem Material zu sammeln, was er finden konnte. Sein Vorhaben, eine ganze Sammlung von Fischen, die er bei den Fischern zusammenkaufte, in einem Fass voller Weingeist mit nach Paris zu nehmen, scheiterte, da sich irgendwelche anderen Tiere an den Fischen gütlich taten und diese vollständig zerbissen.18 In der Zwischenzeit wurde seine Heimatstadt von Frankreich annektiert. Zurück in Paris, erfuhr de Candolle, dass die neue französische Regierung in Genf eine zentrale Schule für das Departement Léman einzurichten gedachte. Als Professor für Naturgeschichte sah man den gerade einmal 20-jährigen de Candolle vor. Für den Unterricht sollte er ein eigenes naturhistorisches Museum aufbauen und sich dafür aus den Doubletten des Museums in Paris bedienen. Mit grossem Eifer ging er dieser Aufgabe nach und stellte eine reichhaltige Sammlung zusammen, die er nach Genf schickte. Die Sammlung von wissenschaftlich unschätzbarem Wert kam zwar in Genf an, sollte jedoch nie ihren Bestimmungszweck erfüllen. Wie das gesamte Schulprojekt fiel sie den politischen Wirren am Ende der Helvetik zum Opfer, wurde geplündert und zerstreut. Als er knapp 20 Jahre später

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