Wien!. Till Angersbrecht

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Wien! - Till Angersbrecht

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gerührt, blüht einfach weiter, da kann es in meinem Kopf noch so toll und noch so düster aussehen.

      Jedenfalls weiß ich jetzt, was ich mir für heute Abend vornehme. Ich gehe zu Lisa. Jawohl!

      Habe ich Lisa in meinem Bericht schon erwähnt? Ich glaube ja. Jedenfalls habe ich sozusagen ein Verhältnis mit ihr. Wien hatte ich ja schon früher einige Male einen Besuch abstatten müssen, und da hat es sich eben ergeben. Wenn Elli sich mit diesem Handaufleger ergötzt, treibe ich es eben mit meiner Liaison aus früherer Zeit. Eigentlich wollte ich ja mit Lisa Kinsky schon seit längerem brechen, aber jetzt werde ich es mir überlegen.

      Ein Loblied auf Forchtel

      Im Café Bräuner gegen halb zehn abends eingetroffen, schlage ich wie immer das Blatt der intellektuellen Szene auf, den ‚Wiener Tag- und Nachtfalter’. Da stoße ich gleich auf eine Kolumne von Brohh. Vermutlich liegt mir da das Ergebnis seiner plötzlichen Geistesabwesenheit vor Augen, als er den Gesprächsfaden mit Elli und mir plötzlich kappte und wir mit einem Mal sozusagen durchsichtig für ihn wurden: Über unsere Körper hinweg schien er in eine unendliche, ihn geheimnisvoll inspirierende Ferne entrückt. Das rühmen seine Jünger an ihm, diese überfallsartig auf ihn eindringenden Momente der Inspiration, wenn der schöpferische Impuls plötzlich von ihm Besitz ergreift. Nun halte ich also schwarz auf weiß die Frucht der plötzlichen Eingebung in Händen.

      Die große Verheißung

      Dr. Hieronymus Brohh

      Sie stehen Schlange vor dem Imperial – sie, das sind all die zahllosen Wiener und Wienerinnen, die der Politik nicht mehr trauen – wir tun es ja alle nicht mehr. Die sich aber inspirieren und spirituell renovieren lassen durch einen Mann, der für uns alle ein großes Geheimnis ist und für einige auch eine große Verheißung. Die Rede ist von Cornelius Forchtel, jener Sternschnuppe, jenem leuchtenden Meteorit, der aus heiterem Himmel in unsere Köpfe schlug. Allgemein wird er als Handaufleger bezeichnet, was offenbar seine Profession im engeren Sinne ist, aber damit scheint mir das Phänomen Forchtel viel zu oberflächlich beschrieben. Gewiss, von seinen Händen scheint eine ungeheure Kraft auszustrahlen. Alle, die bei ihm waren, berichten übereinstimmend von der inneren Verwandlung, von der belebenden Wirkung, der tiefen Freude, die sie nach der Begegnung mit diesem Manne verspüren. Ja, und einige – das wollen wir nicht misstrauisch oder als blasierte Skeptiker übergehen – sprechen sogar von erstaunlichen Heilungen. Ein Blinder sei wieder sehend geworden, ein Lahmer wieder gehend. Der Philosoph sollte sich dazu jeder Meinungsäußerung entschlagen. Solange die Wissenschaft uns nicht eindeutige Fakten liefert, besteht unsere Pflicht in der objektiven Berichterstattung. Diese allein erlaubt uns allerdings jetzt schon eine Aussage von größter Reichweite und Relevanz. Cornelius Forchtel bringt einen frischen, einen moralisch tonisierenden Wind in unsere doch manchmal reichlich dekadent anmutende Stadt. Die Schläfrigen unter uns werden aufgerüttelt, die Satten und allzu Bequemen herausgefordert, die pfründenumhegten Politiker aus ihrer Selbstgefälligkeit gerissen. Dieser Mann macht uns klar, dass unsere Stadt eine Aufgabe hat. In einer vielfach desorientierten Welt, in der nur noch das Materielle, der Nutzen und der Augenblick zählt, muss Wien grundsätzlich anders sein, indem es den Menschen wieder die spirituelle und moralische Richtung zeigt. Cornelius Forchtel ist der Stern am Horizont, dem wir alle gern folgen.

      Aber Achtung, lieber Forchtel, hüte dich vor all den Speichelleckern, die dich erst umschwänzeln, um dich danach genüsslich zu Fall zu bringen! In Wien sind die Neider und Scheelsüchtigen stets zur Stelle, sobald ein Genie ihr eigenes kleines Licht in den Schatten stellt. Schon höre ich von verschiedenen Seiten missgünstige Kommentare.

      Für fünf Minuten Handakrobatik stecke der Forchtel fünfhundert Euro ein.

      Na und? Was büßt ihr Reichen und Satten denn dadurch von eurem Wohlleben ein? Wie viel gewinnt ihr anderseits durch die vulkanische Energie des Mannes, wenn sie von seinen Händen auf euch herabströmt? Das Volk jedenfalls ist bereits abgöttisch in den Rosenheimer verliebt, denn nach neun Reichen, die ihren wohlbemessenen Tribut entrichten, lädt er jeweils einen Armen kostenlos zu sich ein, um ihn von seinen Leiden zu heilen. Dieser Mann hat nicht nur zwei heilbringende Hände, sondern dazu noch ein weites, mitleidendes Herz.

      So einen Mann braucht Wien, so einen Mann brauchen wir in unserer Mitte! Vergesst nicht, dass schon seit Tagen von merkwürdigen Todesfällen am Gürtel gemunkelt wird. Wenn etwas dran ist, worüber ich mir vorerst noch kein Urteil erlauben möchte, dann ist Cornelius Forchtel noch am ehesten jener Mann, der uns mit seiner aufrechten Gesinnung und seinen Händen vor Unheil bewahren wird...

      Eine so überschwängliche Panegyrik aus der Feder von Brohh - ich staune. Auf mich wirkt der Handaufleger bisher nur ernüchternd. Was ist dieser Mann denn anderes als einer der vielen hochstapelnden Quacksalber und Scharlatane, die seit einiger Zeit ganz Europa heimsuchen? Ich weiß, die Wiener sind wie alle geborenen Theatermenschen leicht zu begeistern. Sobald ein begabter Schauspieler unter ihnen erscheint, wird die Vernunft ausgeschaltet, sie sind einfach hingerissen. Ich sehe darin eine gewisse Unfähigkeit, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. Außerdem versetzt es mir einen Stich, wenn ich daran denke, dass auch Elli eine der Wartenden in der Schlange vor dem Hotel am Ring, dem Hotel Imperial, sein könnte.

      Sorry, stand in ihrem SMS, der Handaufleger ist im letzten Moment dazwischengekommen.

      Thomas Bernhard war hier zu Gast

      Den Wiener Tag- und Nachfalter beiseite legend, blicke ich auf die Uhr. Nur noch zehn Minuten. Vor meiner Begegnung mit Lisa, die pünktlich um 22 Uhr stattfindet, bringe ich gewöhnlich einige Zeit im Café Bräuner zu. Diese Zwischenstation ist für mein geistiges Wohlergehen von einiger Bedeutung. Vor dem abendlichen Programm bei Lisa, das vor allem meine körperlichen Funktionen erfordert, pumpe ich mich sozusagen noch mit geistigem Fluidum auf, um davon für die kommenden zwei Stunden zu zehren.

      Die Standarte, Hauspostille des linken Lagers, habe ich schnell überflogen, dann folgt ein Blick in die Presse, wo sich das rechte Österreich feiern lässt. Und am Ende steht in der Regel die ausgiebige Lektüre des Tag- und Nachtfalters, wo langatmig begnadete Caféhausliteraten von der Art und dem Rang Dr. Brohhs ihren Lesern Wien und die Welt erklären.

      Ich kann übrigens sicher sein, Liesl hier unten auf keinen Fall anzutreffen, obwohl ihre Wohnung nur zwei Stockwerke höher liegt. Wäre doch schön, sie einmal in ein Buch vertieft zu erleben oder wenigstens in eine Zeitung, aber das kommt bei ihr ganz gewiss nicht vor, schon gar nicht abends, wenn sie sich von ihren Parcours in der Hofreitschule erholt.

      Ach so, war ihre einzige Reaktion, als ich ihr erzählte, dass kein Geringerer als Thomas Bernhard im Bräuner regelmäßiger Gast war.

      Der Nestbeschmutzer, na servus, mit dem verschone mich bitte! Der hat alle Österreicher pauschal zu Nazis und Wahnsinnigen erklärt, sich selbst natürlich ausgenommen.

      Jawohl, mein liebstes Lieserl, denke ich, als sie sich empört vor mir aufstellt. Ein Nestbeschmutzer, das war er wohl, aber eher noch ein besonders hellsichtiger Mensch, der sich mit den vielen Gebrechen seiner Landsgenossen eben nicht widerspruchslos abfinden wollte.

      Diesen Einwand bringe ich jedoch lautlos vor, denn in einen Streit über Schriftsteller lasse ich mich mit ihr gar nicht erst ein, obwohl mir ein solcher Streit vielleicht einen bequemen Vorwand liefern würde, unsere Beziehung endgültig aufzulösen. Von Schriftstellern hält Lisa nämlich sehr wenig. Im Vergleich zu Pferden hätte diese Art Mensch einfach zu wenig Charakter.

      Ich wunderte mich eher, dass sie bei unserem damaligen Gespräch über österreichische Literatur - ich glaube, es war und blieb das einzige zu diesem Thema

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