Jakob Ponte. Helmut H. Schulz

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Jakob Ponte - Helmut H. Schulz

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ließ das Haus wieder herrichten und seinem alten Fachwerk neuen Glanz verleihen. Was um die Jahrhundertwende 1900 geschah. Als ich geboren wurde, wovon sogleich die Rede sein wird, unterhielten meine Großeltern ein Uhrengeschäft im Knochenhauerinnungshaus oder im Tuchmacherhaus oder im Musikvereinshaus, je nachdem. Ich harre des Widerspruchs eingesessener Müllhaeusener. Solche, die sich nur allzu genau und jene, die sich überhaupt an keinen Uhrmacher erinnern können, müssen meiner Darstellung lebhaft widersprechen. Ihnen soll Recht geschehen. Das Knochenhauerinnungshaus hat es nie gegeben. Auch kein Uhrengeschäft, jedenfalls keines am Markt gegenüber dem gotischen Rathaus mit dem Falsifikat des Roland. Schlechte Hotelbetten in der Absteige Zum Löwen lassen sich urkundlich auch nicht nachweisen. Alle diese Beschreibungen sind irreführend. Der redliche Chronist hätte sich die Mühe machen sollen, genau zu erforschen, wie es mit der Stadtgeschichte beschaffen war und ist? Ich muss bedauern. Selbst wenn das Haus und einiges andere nicht vorhanden gewesen sein sollte, so dient gerade die Nichtexistenz als Nährboden meiner Fantasie und also einer höheren Wahrheit. Aussprechen werde ich diese Wahrheit freilich auf meine Weise, es ist die höhere Form der Wahrheit; anders wäre ich nie mit der Nervenklinik Puffenrode, die der Heimatkundige ebenfalls vergebens suchen wird, wenigstens nicht an diesem Platz, in Berührung gekommen; mein Leben hätte den eintönigen Verlauf eines Menschen genommen, der von keiner Wende berührt wird und den deshalb auch keiner bemerkt, bis dass er tot und begraben ist.

      Um ganz vorn anzufangen, muss mein Lebensalter ein wenig ins Minus verrückt werden. Mama, denke ich mir, steckt wegen ihres schwer vorgewölbten Bauches in einem weit geschnittenen Hängekleid aus schön gemustertem Stoff. Dazu trägt sie bequeme flache Schuhe, sogenannte Latschen. Wegen ihres Zustandes hält sie weitergehende Körperpflege für unnötig, und dem Kind in ihrem Leibe für wenig zuträglich. Aber ich muss hier schon von ihrer Gewohnheit reden, sich entweder gehen zu lassen, oder sich wie eine Kurtisane aufzuführen. Sie häkelt an einem rosaroten Zeug für mich, denn wie der junge David Copperfield sollte ich als ein niedliches kleines Mädchen auf die Welt kommen. Der werdenden Mutter sitzt die werdende Großmutter gegenüber; auch sie strickend oder häkelnd, belassen wir es dabei. Mit bedeutungsvollem Blick zieht Mama ihre Ringe ab und legt sie auf den Tisch, zum Zeichen, dass ihre Niederkunft nahe bevorstehe. Darauf rollt Großmutter ihr Strickzeug zusammen, aber sie fragt sicherheitshalber, ob es sich nicht wieder um einen blinden Alarm handele, wie schon so oft, worauf Mama ergeben den Kopf schüttelt, und von ihrer schweren Stunde spricht. Damit gibt sich Großmutter aber nicht zufrieden, eben weil ihre Tochter schon mehrmals meine Geburt als ihre schwere Stunde angekündigt hat. Wenn sich diese Ponte beeile, so könne sie eines jener feinsinnigen und doch weitläufigen Mädchen werden, für welche der Mai mit dem Tierkreiszeichen der Zwillinge als Geburtsmonat reserviert sei, erklärt Großmutter; Vater Löwe, Mutter Krebs; auch wenn Großmutter einen Waage- oder Schützemenschen vorziehen würde. Sie räumt ein, dass eine Verbindung zwischen Löwe und Krebs zwar als ungewöhnlich gelten muss, aber zu großen Hoffnungen berechtigt, vor allem aber auch nicht mehr zu ändern sei. Auf all diese Erwägungen entgegnet Mama, Doktor Wilhelmi habe auch die andere Möglichkeit in Betracht gezogen; sichere Vorhersagen über das zukünftige Geschlecht eines Kindes ließen sich nicht treffen. Diese harmlos klingende Bemerkung, dieses scheinbar zufällige ins Spiel bringen Doktor Wilhelmis löst bei Großmutter weder ein ablehnendes Ja noch ein zustimmendes Nein aus, sondern eine weitläufigere Erklärung.

      »Ich meine, dass es an einem Fehltritt genug ist. Dieser Arzt ist sehr verheiratet und übrigens ein verrufener Schürzenjäger, dessen Gören in der Stadt herumlaufen wie ausgesetzte Hunde, was eine so dumme Gans wie dich sicherlich nicht daran hindern könnte, oder gar gehindert hat, zu ihm ins Bett zu steigen.«

      Mama wurde in den Monaten ihrer Schwangerschaft allzu oft sittliches und intellektuelles Versagen vorgehalten, und es scheint, als habe sie sich wirklich nicht ungern den Jungfernkranz abschwatzen lassen, wie Großmutter meinte. Sicherheitshalber macht sich Großvater eilig auf den Weg zur Hebamme, während das Dienstmädchen alle Vorbereitungen trifft, die meiner Geburt vorausgehen ...

      Der Leser, diese mythische Größe, den keiner kennt, um dessentwillen so viele Bücher geschrieben werden, die er am Ende doch nicht liest, wird sicher längst die Frage auf der Zunge haben: Wer war der Vater? Wie kommt es, dass der Erzeuger einer oder eines Ponte nicht am Lager der Gebärenden zu finden ist, wohl aber Großvater, Großmutter und das Dienstmädchen, später noch der Arzt Doktor Wilhelmi und der Geistliche Hochwürden Fabian, der Neffe Großmutters? Genau diese Frage nach dem Verursacher der Schwangerschaft bewegte die Familie Ponte seit mindestens sechs Monaten, indessen ich wuchs und wuchs. Im sorgfältig geführten Tagebuch Mamas stehen darüber nur vage Andeutungen in der reizenden Sütterlinschrift jener Zeit. Sonst gab es von dem fraglichen Herrn nur Fragmente. Er wurde, da selbst sein Name zweifelhaft war, allgemein, als der Argentinier bezeichnet. Laut Mamas Eintragungen in ihr Tagebuch entstammte er diesem südamerikanischen Land und sei dorthin zurückgereist, ohne zu erklären, weshalb er sich übergangsweise in Müllhaeusen aufgehalten hatte. Seine Hinterlassenschaft bestand in einem Brief an Mama, der später angeblich verloren ging, seinem Foto, das uns erhalten blieb und überschrieben war mit: Hasta la vista, einem Geigenkasten mit Instrument und einem Zigarrenabschneider. Ferner ließ er noch eine zerbissene Meerschaumspitze für Zigarren zurück; sie lag in einem mit rotem Samt ausgeschlagenen Etui aus Rosenholz, war schon sehr mitgenommen, aber noch brauchbar. Großvater hat die Spitze, aus welcher der Argentinier an den wenigen Abenden, an denen ihm Mama zur Verfügung stand, einige Zigarren geraucht haben mag, für mich aufbewahrt. Jahre später habe ich sie einem texanischen Krieger und Europaliebhaber als Andenken überlassen, als die US-Armee unsere Stadt besetzt hatte, gegen eine Packung Zigaretten der Marke Chesterfield oder der mit dem Kamel, zusammen mit einem Zertifikat von meiner Hand, nach dem es sich um ein antikes Stück aus der Donkosakenzeit unter ihrem Hetmann Mazzeppa handelte, denn das Schicksal dieses Helden ward aus dem Meerschaum herausgeschnitzt und unterschiedlich gebräunt. Der Tod des Hetmanns war auf dem Meerschaum dargestellt, weshalb wir uns überhaupt nur noch an Mazzeppa erinnern; festgeschmiedet auf einem wilden Roß ritt er im bräunlichen Rauchton seinem unrühmlichen Ende entgegen.

      Aber mein angeblicher Vater hatte noch etwas anderes als Hinweis auf seine irdische Existenz deponiert, wie gesagt, eine Geige mit Bogen und Kasten, einem sogenannten Dämpfer, dem Kissen als Stütze für das Kinn und etliche Ersatzsaiten. Großvater erkannte auf dem eingeklebten Werkzettel in diesem Instrument eine der Violinen des Meisters Stradivari und also von enorm pekuniärem Wert. Obschon er selber bevorzugt Harmonium spielte, erteilte mir der Alte auf dieser Geige ersten Unterricht.

      Den Verhören, wie sie denn mit dem Argentinier bekannt geworden sei, setzte Mama störrisches Schweigen entgegen oder nichtssagende Bemerkungen wie: »Es ist eben gekommen, wie es mir vorherbestimmt war«, oder: »Es war Schicksal!.« Jedenfalls hatte sie es verstanden, sich für den Augenblick, der zur Zeugung eines Menschen unbedingt erforderlich ist, der strengen elterlichen Aufsicht zu entziehen, und behauptete zuletzt, wie ich schon erwähnte, es sei nicht ausgeschlossen, dass sich an ihr das Schlafwunder, das man als lässliche Sünde bezeichnet, vollzogen habe.

      Es zeigte sich leider, dass die Vorsehung wenig Rücksicht auf Großmutters Wünsche nahm. Als sich alle über die Wanne beugten, in der ich schwamm, stellten sie enttäuscht fest, dass ich mich durch ein geringes, aber wichtiges Organ von einem Mädchen unterschied, viel mehr etwas zu viel Organ hatte, wenn man will. Hebamme, Arzt und Seelsorger vollführten die durch ihre Berufe vorgeschriebenen Handgriffe und Handlungen, und Großmutter fand sich mit diesem Missgriff ihrer Tochter ab, erklärte, dass sie bereit sei, auch diesen Schlag hinzunehmen, und dass mir als Zwilling immerhin der Feinsinn bleibe, was auch für unehelich geborene Knaben gelte, und zur Weitläufigkeit in keinem Widerspruch stünde. Ich erhielt den Taufnamen Jakob Maria Mathias, in Reinheit und Unschuld, jedoch unehelich geboren. Dann gingen alle wieder ihren Beschäftigungen nach ...

      Bald wurde ich in mein Zimmer umquartiert. Die Beschreibung dieses Raumes, den ich später ohne kindische Blödigkeit in Besitz nahm, ist bald erledigt; aus einem Bett, einem Schreibtisch und einem Bücherregal bestand die spartanische Einrichtung. Auf dem Schreibtisch prangten zwei Büsten. Eine stellte Johann Wolfgang von Goethe dar,

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