Wenn alles in Scherben fällt. Wolfgang Kirchner
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„Im Wald werden wir nicht so nass“, gibt Klara zu bedenken.
„Da findet Diti uns nie!“ Ich protestiere und will Klara zurückhalten, aber sie springt schon, Helmut auf dem Arm, über den Graben.
„Ausruhen“, sagt sie erschöpft. „Nur ein paar Stunden…“
Wassertropfen laufen mir übers Gesicht. Eine Hand schiebt meinen Kopf leicht zur Seite. Ich öffne die Augen. Mama beugt sich zu mir herab. Ich bin unter einer Tanne eingeschlafen. Von der Spitze eines Astes tropft Wasser auf mein Gesicht.
Ich schaue mich um. Unter der feuchten Decke, die immer schwerer wird, schläft Dorothee, und meine jüngsten Brüder sind mit Mamas Pelzmantel zugedeckt. Ich hebe den Kopf und suche Klara. Sie schläft in unserer Nähe. Auch die Großeltern schlafen. Die Duschaus schlafen. Fräulein Plasse ist nirgends zu sehen. Seit auf dem Marsch ein Russe an ihrer Tasche zerrte und sie die Tasche nicht loslassen wollte, haben wir sie aus den Augen verloren.
Dies ist unsere zweite Nacht im Wald. Gestern war ein warmer Tag. Wir konnten die nassen Sachen ausziehen und zum Trocknen in die Zweige hängen, und Mama wusch uns im Bach. Hinter dem zerschossenen Gehöft lief ich später mit Dorothee die Anhöhe hinauf. Zwischen ausgebrannten Panzern suchten wir uns einen Weg. Wir dachten, vielleicht entdecken wir von oben Diti mit seinem Leiterwagen. Wir liefen durch Schützengräben, die an manchen Stellen eingestürzt waren. Gewehre ragten aus dem Sand, überall lag Munition herum, Handgranaten, es juckte mich in den Fingern, am Abzug zu ziehen. Wir sprangen über einen toten Soldaten, der, halb zugedeckt vom Sand, im Graben lag, gekrümmt, als sei er gerade gefallen, ein junges, hart gewordenes, gelbweißes Gesicht, die Fäuste gegen den Bauch gedrückt. Wir kehrten um, als aus der Ferne, rasch näherkommend, ein Brüllen und Rasseln zu hören war, ein Dröhnen und Knirschen. Eine Kolonne riesiger russischer Panzer fuhr unten auf der Straße vorbei, es sah aus, als würden sie mitten durch die Menge der Flüchtlinge fahren, die links und rechts der Straße lagerten. Dorothee hielt sich die Ohren zu und schrie: „Hoffentlich ist Diti nicht auf der Straße… mit seinem Leiterwagen!“
Dorothee murmelt im Schlaf. Als weit weg eine Frau gellend um Hilfe schreit, zuckt sie unter der Decke zusammen, wacht aber nicht auf. Niemand von all den Tausenden, die im Wald liegen, rührt sich. Zitternd starre ich durch die Zweige in den roten Himmel über der Stadt und warte auf einen neuen Schrei.
Später wache ich davon auf, dass Mama und Großvater erregt miteinander flüstern.
„Wir kommen so oder so um“, sagt Großvater „wir gehen zu Grunde. Wir müssen hier weg.“
„Jetzt, wo die Kinder so schön schlafen?“
„Diese Nässe… Dein Jüngster wird dir wegsterben, sieh ihn dir an!“
„Wie sollen wir an den vielen Posten vorbeikommen?“ fragt Mama.
„Natürlich nicht über die Straße! Durch den Wald müssen wir gehen! Sag den Kindern, sie sollen den Mund halten und nicht jammern…“
Ich höre, wie Mama die Schnallen an unseren Rucksäcken schließt. Dann fühle ich ihre weiche Hand auf meinem Gesicht. „Wach auf!“
„Ich bin schon wach, Mama… Gehen wir nach Hause?“
„Was machen wir mit den Decken?“ fragt Klara. „Die haben sich mit Nässe vollgesogen wie Schwämme.“
„Auf Ditis Leiterwagen sind Decken genug!“ sagt Mama.
„Und was ist, wenn wir Diti nicht finden und noch eine Nacht im Wald schlafen müssen?“ fragt Frau Duschau.
Ich male mir aus, was Diti zugestoßen sein könnte: Sie haben ihm Wagen und Taschen abgenommen. Sie haben ihn mitgenommen. Bei dem Gedanken, ihn nie wiederzusehen, fange ich an zu weinen. Großvater schimpft: „Wirst du dich wohl zusammenreißen? Willst du uns alle verraten?“
Vorsichtig geht er uns zum Waldrand voraus. Mit dem Spazierstock zeigt er zwischen den Bäumen hindurch zum roten Himmel. „In die Richtung müssen wir gehen!“
„Ob unser Haus brennt?“ will ich von Klara wissen – als ob Klara mehr wüsste als ich.
Auf Zehenspitzen gehen wir über den Waldboden, damit Flüchtlinge, die in der Nähe schlafen, nicht aufwachen. Das würde große Unruhe geben, alle würden mitkommen wollen, und die Posten würden schießen…
„Wenn unser Haus abgebrannt ist“, frage ich Klara, „wie soll Diti uns finden?“
„Da vorn steht ein Posten“, sagt Großvater leise zu Mama. Jetzt wissen wir nicht weiter. Wir bleiben stehen. „Wartet hier“, sagt er. „Ich rede mit ihm… Ich habe noch eine Uhr.“
Er geht hinüber zu dem Posten und spricht ihn polnisch an. Der Posten antwortet russisch, es klingt kurz und abweisend. Eine Weile redet Großvater mit ihm – offenbar ohne Erfolg. Dann bringt er die Uhr ins Spiel. Der Posten nimmt die Uhr, lässt sich viel Zeit, ehe er sich langsam entfernt. Großvater winkt uns, ruft leise: „Kommt rasch!“
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