Geschichte der deutschen Literatur. Band 5. Gottfried Willems

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Geschichte der deutschen Literatur. Band 5 - Gottfried Willems

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haben.

      Mir schwillt die Brust, mir schlägt das Herz

      und mir ins Auge schießt der Tropfen,

      hör ich dein Hämmern und dein Klopfen

      auf Stahl und Eisen, Stein und Erz.

      Die poetische Welt der Epigonen hingegen, all die Verse

      (v)on Wein und Wandern, Stern und Mond,

      vom „Rauschebächlein“, vom „Blauveilchen“,

      von „Küßmichmal“ und „Warteinweilchen“,

      von Liebe, „die auf Wolken thront“(,)

      lassen ihn kalt. Nicht nur, daß sie von den Hot Spots des modernen Lebens wegführen, man hört ihnen auch an, daß sie nicht authentisch sind, daß es sich bei ihnen um „längst ergossene Ergüsse“ handelt, um „alte taube Nüsse“ und „aufgewärmten Sauerkohl“.

      Nein, mitten nur im Volksgewühl,

      beim Ausblick auf die großen Städte,

      beim Klang der Telegraphendrähte

      ergießt ins Wort sich mein Gefühl.

      Dann glaubt mein Ohr, es hört den Tritt

      von vorwärts rückenden Kolonnen,

      und eine Schlacht seh ich gewonnen,

      wie sie kein Feldherr noch erstritt (…)

      – die große Schlacht des Fortschritts.

      Denn süß klingt mir die Melodie

      aus diesen zukunftsschwangern Tönen;

      die Hämmer senken sich und dröhnen:

      Schau her, auch dies ist Poesie!

      Sie kehrt nicht nur auf ihrem Gang

      in Wälder ein und Wirtshausstuben,

      sie steigt auch in die Kohlengruben

      und setzt sich auf die Hobelbank.

      Auch harft sie nicht als Abendwind

      nur in zerbröckelten Ruinen,

      sie treibt auch singend die Maschinen

      und pocht und hämmert, näht und spinnt.

      Sie schaukelt sich als schwanker Kahn

      im blauen, schilfumkränzten Weiher,

      sie schlingt den Dampf ums Haupt als Schleier

      und saust dahin als Eisenbahn.

      Von nie geahnter Kraft geschwellt,

      verwarf sie ihre alten Krücken,

      sie mauert Tunnels, zimmert Brücken

      und pfeift als Dampfschiff um die Welt.

      Ja, Wunder tut sie ohne Zahl,

      sie lindert jegliches Verhängnis,

      sie setzt den Fuß selbst ins Gefängnis

      und speist die Armut im Spital.

      Wohl wars der Himmel, der sie schuf,

      doch heimisch ward sie längst auf Erden;

      drauf immer heimischer zu werden,

      ist ihr ureigenster Beruf.19

      Die neue Zeit ist keineswegs „der Dichtkunst unwürdig“, wie die Epigonen meinen – im Gegenteil: sie ist voll von Poesie, ja sie ist selbst Poesie im ursprünglichen Wortsinn, ist ein einziges großes „poiein“, ein Schaffen und Machen, über dem sich die menschliche Kreativität auf eine Weise zur Geltung bringt und Spielräume erobert wie nie zuvor. Der Traum der Poeten geht weiter, denn die neue Zeit „träumt“ wie sie „von unentdeckten Welten“, und wie sie tut sie alles dafür, um Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Mit ihrem „Hämmern“ und „Klopfen“ erzeugt sie eine Musik, läßt sie „Melodien“ und Rhythmen erklingen, die die Sinne unmittelbar in ihren Bann ziehen und „das Herz durchlohen“, die den ganzen Menschen ergreifen und in eine Dynamik hineinreißen, die ihn ebensowohl rund um den Globus führen wie ihm die Kraft verleihen kann, den Fortschritt in die „Düsternisse“ von Gefängnissen und Armenhäusern zu tragen.

„Alte und neue Wunder“

      Auf solche Weise tritt Holz der seinerzeit nicht nur unter Epigonen verbreiteten Vorstellung von der „Entzauberung der Welt“ (Max Weber) durch die moderne Wissenschaft und Technik entgegen. Schon den Brüdern Edmond (1822–1896) und Jules de Goncourt (1830–1870), die ebensowohl zu den Stammvätern des Naturalismus wie zu denen des Symbolismus zählen, war über dem Studium des amerikanischen Autors Edgar Allan Poe (1809–1849) der Gedanke gekommen, die „Literatur des 20. Jahrhunderts“ werde eine Literatur sein, in der „das wissenschaftliche Wunderbare“ den Ton angebe.20 Der Welt droht in der neuen Zeit keineswegs eine Entzauberung; vielmehr wird sie erleben, daß den „alten Wundern“ „neue Wunder“ an die Seite treten – so gelegentlich auch schon der deutsche Realist Wilhelm Raabe21 – Wunder, die nicht im „Himmel“ geboren werden, sondern „auf Erden“, und deren Darstellung dafür sorgen wird, daß die Poesie „auf Erden immer heimischer“ wird. Denn die moderne Dichtung soll natürlich eine säkulare sein, eine, die mit dem epigonalen Bezug zu Klassik und Romantik noch die letzte Verbindung zum „Himmel“, zu Mythos und Religion gekappt hat.

      So energisch sich Arno Holz aber auch der „alten Krücken“ entledigt und so begeistert er sich der „jungen Zeit“ in die Arme wirft – modern ist sein Gedicht noch nicht, ja es steckt mit seinen liedhaften Strophen noch tiefer in der Überlieferung fest als die Gedichte von Bierbaum und Hofmannsthal. So ist er denn auch bald zu der Überzeugung gelangt, daß ein Moderner keine Lieder mehr schreiben könne – insofern bezeichnet der Untertitel des „Buchs der Zeit“, „Lieder eines Modernen“, nur eine Durchgangsstation in seinem Entwicklungsgang – und hat andere als liedhafte, eben wirklich neue, moderne Töne angeschlagen. Das Ergebnis ist der „Phantasus“ von 1898/99.

      2.1.3 Das Programm der Modernen

      Wie sieht nun das Programm des programmatischen Modernismus im einzelnen aus? Was läßt sich in den Debatten der ersten Generation von Modernen an Vorstellungen und Forderungen ausmachen, die die verschiedenen Gruppen und Grüppchen über alle Differenzen hinweg verbinden? Bei der Antwort mag uns ein weiteres poetologisches Gedicht aus der Frühzeit der Moderne helfen.

Modern

      Modern! Modern! Was will das Wort denn sagen,

      Das heut von Mund zu Mund geschäftig fliegt,

      Mit lautem Weckruf stört das Wohlbehagen,

      Das träg an der Gewohnheit Kette liegt?

      Was will es uns für neue Botschaft bringen,

      Was ist der Sinn, was ist des Pudels Kern?

      Was will dies kühne, kampfesfreud’ge Ringen?

                Was ist modern?

      Modern ist jener Drang zur Neugestaltung,

      Der rücksichtslos die alten Formen sprengt,

      Und allem feind ist, was in der Entfaltung

      Des starken Geistes freie Tat beengt.

      Modern ist jener Trieb, der eigenwüchsig

      Dem Bann der Überlief’rung widersteht

      Und sich nicht beugt in frommem Kinderglauben

      Dem Götzenzauber der Autorität.

      Modern

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<p>19</p>

Arno Holz: Zum Eingang. In: ders.: Das Werk. Hrsg. v. Hans W. Fischer. Bd. 1. Berlin 1924, S. 3–12.

<p>20</p>

Edmond und Jules de Goncourt: Tagebücher. Frankfurt 1983, S. 54.

<p>21</p>

Wilhelm Raabe: Pfisters Mühle. Frankfurt 1985, S. 9.