Warum Gott?. Timothy Keller

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Warum Gott? - Timothy Keller

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jede Verurteilung setzt irgendeine Art von moralischer Lehre voraus … Daher ist der moderne Mensch, der rebelliert, praktisch zu keiner Rebellion mehr zu gebrauchen. Indem er gegen alles rebelliert, hat er das Recht verloren, gegen irgendetwas zu rebellieren … Es gibt ein Denken, das das Denken abschafft, und dies ist das einzige Denken, das man abschaffen sollte. 70

      Keine Gesellschaft kann total offen sein

      Das Christentum erwartet von seinen Gliedern, dass sie bestimmte Dinge glauben, wenn sie dazugehören wollen, es ist nicht für alle offen. Manche Kritiker meinen, das führe zu sozialen Spaltungen. Sie finden, dass menschliche Gemeinschaften für alle offen sein müssen, denn wir sind doch alle Menschen. Anhänger dieser Sicht weisen auf die vielen Stadtviertel hin, in denen Menschen verschiedener Rassen und Religionen friedlich zusammen leben und arbeiten. Damit so ein gemeinschaftliches Leben funktioniert, reicht es vollkommen, dass jeder die Rechte und Privatsphäre der anderen achtet und sich dafür einsetzt, dass alle den gleichen Zugang zu Bildung, Arbeit und politischer Mitbestimmung haben. In einer „liberalen Demokratie“, so heißt es, müssen nicht alle die gleiche Ethik haben.

      Leider macht es sich diese Sicht der Dinge etwas zu einfach. In Wirklichkeit basiert die liberale Demokratie auf einer ganzen Reihe von Grundannahmen, insbesondere der Betonung der Rechte des Individuums gegenüber der Gemeinschaft, der Trennung zwischen privater und öffentlicher Moral und der Unantastbarkeit der persönlichen Entscheidungsfreiheit – lauter Dinge, die vielen anderen Kulturen fremd sind.71 Eine liberale Demokratie gründet, wie jedes andere Gemeinwesen, auf ganz bestimmten gemeinsamen Überzeugungen. Die westliche Gesellschaft basiert auf Vernunft, Rechten und Gerechtigkeit, auch wenn es für diese Dinge keine allgemein anerkannte Definition gibt.72 Jede Vorstellung von Gerechtigkeit und Rationalität wurzelt in ganz bestimmten Vorstellungen über den Sinn des menschlichen Lebens, die nicht von allen geteilt werden.73 Die Idee einer Gesellschaft, die total offen ist, ist daher eine Illusion.74 Jede menschliche Gemeinschaft gründet auf bestimmten Überzeugungen und Werten, die automatisch Grenzen schaffen und die einen Menschen in ihre Kreise ein- und andere ausschließen.

      Jede menschliche Gemeinschaft gründet auf bestimmten Überzeugungen und Werten, die automatisch Grenzen schaffen und die einen Menschen in ihre Kreise ein- und andere ausschließen.

      Hier ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, eines der Vorstandsmitglieder des Zentrums für Schwule, Lesben und Transsexuelle in Ihrer Stadt verkündet: „Ich habe eine Bekehrung erlebt und glaube jetzt, dass Homosexualität Sünde ist.“ Nach einigen Wochen weigert er sich immer noch, diese Behauptung zurückzuziehen. Oder einer der Leiter einer Initiative gegen Schwulenehen sagt: „Ich habe entdeckt, dass mein Sohn schwul ist, und finde, er hat das Recht, seinen Partner zu heiraten.“ Egal, wie tolerant und flexibel die übrigen Mitglieder der jeweiligen Gruppe sind, der Tag kommt, wo sie den Rebellen sagen müssen: „Du kannst nicht mehr bei uns mitmachen, da du unser Anliegen nicht mehr teilst.“ Die erste dieser beiden Vereinigungen gilt als „liberal“, die zweite als „ausgrenzend“, aber in der Praxis gibt es kaum einen Unterschied zwischen ihnen. Beide gründen auf bestimmten Überzeugungen, die ihren Mitgliedern gemeinsam sind und die die Vereinigung für bestimmte Menschen öffnen und für andere schließen. Keine dieser Gruppen ist an sich „eng“, sondern sie verhalten sich so, wie Gruppen sich eben verhalten.

      Eine Gruppe, die ihre Mitglieder nicht auf bestimmte Überzeugungen und Praktiken festlegte, hätte keine erkennbare Identität und wäre gar keine „richtige“ Gruppe.75 Wir können eine Gruppe nicht schon deswegen als „ausgrenzend“ bezeichnen, weil sie gewisse Standards für die Mitgliedschaft in ihr hat. – Gibt es also gar keine Möglichkeit, zu sagen, ob eine Gruppe oder Gemeinschaft offen und menschlich oder eng und repressiv ist? Doch. Es gibt weitaus bessere Kriterien: Welche Gruppe vertritt Überzeugungen, die ihre Glieder dazu bringen, den Mitgliedern anderer Gruppen liebe- und respektvoll zu begegnen und ihnen und ihren Bedürfnissen zu dienen? Welche vertritt Überzeugungen, die ihre Glieder dazu bringen, Andersdenkende zu dämonisieren und zu bekämpfen, anstatt ihnen freundlich, bescheiden und gewinnend entgegenzutreten? Es ist völlig inakzeptabel, wenn Christen Ungläubigen verurteilend und intolerant begegnen,76 aber keine Kirche oder Gemeinde ist dafür zu kritisieren, dass sie von ihren Gliedern erwartet, dass diese gewissen Standards in Glauben und Lebenspraxis genügen. Jede Gruppe muss das von ihren Mitgliedern verlangen dürfen.

      Das Christentum ist keine kulturelle

      Zwangsjacke

      Dem Christentum wird ebenfalls nachgesagt, es sei eine kulturelle Zwangsjacke. Angeblich zwingt es Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen in ein Prokrustesbett und ist ein Feind von Pluralismus und Multikulturalismus. Tatsache ist, dass das Christentum sich gegenüber den unterschiedlichen Kulturen als flexibler (und vielleicht auch weniger destruktiv) erwiesen hat als der Säkularismus und viele andere Weltanschauungen.

      Die Ausbreitung des Christentums ist ganz anders erfolgt als bei den anderen Weltreligionen. Das Zentrum des Islams liegt noch heute in seiner Wiege – dem Nahen Osten. Die Länder, die die ersten demografischen Zentren des Hinduismus, Buddhismus und Konfuzianismus waren, sind auch heute noch deren Zentren. Ganz anders das Christentum: Anfangs wurde es von Judenchristen dominiert und sein Zentrum lag in Jerusalem. Später war es griechisch-hellenistisch dominiert und sein Zentrum verlagerte sich in den nördlichen Mittelmeerraum. Noch später wurde es von den „Barbaren“ des westlichen und nördlichen Europa angenommen, und sein Zentrum fand sich nun in West- und Mitteleuropa und schließlich auch in Nordamerika. Heute lebt die Mehrheit der Christen in Afrika, Lateinamerika und Asien, und schon bald werden die Zentren des Christentums im Süden und Osten der Welt liegen.

      Im Jahre 1900 waren ganze 9 Prozent der Afrikaner Christen, und auf einen Christen kamen vier Muslime. Heute machen die Christen 44 Prozent der afrikanischen Bevölkerung aus;77 in den 1960er-Jahren überholte das Christentum den Islam.78 Zurzeit erleben wir ein explosionsartiges Wachstum der Kirchen in China,79 wo das Christentum nicht nur unter den Bauern wächst, sondern auch im sozialen und kulturellen Establishment, bis hin zur Kommunistischen Partei. Wenn das gegenwärtige Wachstum sich fortsetzt, werden in ca. 30 Jahren die Christen 30 Prozent der dann 1,5 Milliarden Menschen zählenden chinesischen Bevölkerung ausmachen.80

      Warum ist das Christentum in diesen Ländern so enorm gewachsen? Der afrikanische Forscher Lamin Sanneh gibt eine höchst interessante Antwort. Er sagt, dass die Afrikaner eine lange Tradition des Glaubens an eine übernatürliche Welt guter und böser Geister haben. Als sie anfingen, die Bibel in ihrer eigenen Sprache zu lesen, erkannten viele in Christus die große, endgültige Lösung ihrer eigenen historischen Sehnsüchte und Hoffnungen als Afrikaner.81 Sanneh schreibt:

       Das Christentum beantwortete diese historische Herausforderung mit einer Reorientierung der Weltanschauung … Die Menschen spürten in ihrem Herzen, dass Jesus ihre Hochachtung vor dem Heiligen und ihre Sehnsucht nach einem unbesiegbaren Retter nicht verspottete, und so schlugen sie ihre heiligen Trommeln für ihn, bis die Sterne am Himmel zu tanzen begannen. Nach diesem Tanz waren die Sterne nicht mehr klein und unbedeutend. Das Christentum half den Afrikanern, neue Afrikaner zu werden, und nicht umgemodelte Europäer. 82

      „Das Christentum half den Afrikanern, neue Afrikaner zu werden, und nicht umgemodelte Europäer.“

      Sanneh argumentiert, dass der Säkularismus mit seinem Antisupernaturalismus und Individualismus die einheimischen Kulturen und die afrikanische Identität viel mehr bedroht als das Christentum. In der Bibel lesen die Afrikaner von der Macht Jesu über die übernatürlichen, geistlichen Mächte des Bösen und wie er am Kreuz über sie triumphierte. Wenn Afrikaner Christen werden, wird ihre afrikanische Identität bekehrt, vervollständigt, erneuert und nicht durch eine europäische Identität oder was auch immer ersetzt.83 Der christliche Glaube gibt den Afrikanern die nötige Distanz, ihre Traditionen zu kritisieren, ohne sie

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