Warum Gott?. Timothy Keller
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Und C. S. Lewis bringt es in seinem Roman Die große Scheidung kurz und knapp auf den Punkt:
Sie [die Sterblichen] sagen von irgendeinem zeitlichen Leiden: „Keine künftige Seligkeit kann das aufwiegen“, und sie wissen nicht, dass der Himmel, wenn er einmal gewonnen ist, rückwirken und selbst diese Qual in Herrlichkeit verwandeln wird. 62
Das ist die große, endgültige Niederlage des Bösen und des Leidens. Sie werden nicht nur aufhören, sie werden so radikal besiegt werden, dass das, was da geschehen ist, dazu dienen muss, unser zukünftiges Leben und unsere Freude noch unendlich größer zu machen.
KAPITEL 3 „Das Christentum ist eine Zwangsjacke“
„Die Christen glauben, dass allein sie die absolute Wahrheit haben, die die anderen gefälligst schlucken müssen“, sagte Keith, ein junger Künstler, der in Brooklyn wohnte. „Das ist doch ein Anschlag auf die Freiheit!“
„Ja“, pflichtete ihm Chloe, eine junge Kollegin, bei. „Dieses ,Es gibt nur eine Wahrheit‘ ist doch ein richtiger Käfig! Die Christen, die ich kenne, machen mir alle den Eindruck, dass sie nicht die Freiheit haben, selbstständig zu denken. Ich finde, jeder Mensch muss doch selber festlegen, was für ihn die Wahrheit ist.“
I
st der Glaube, dass es eine absolute Wahrheit gibt, ein Feind der Freiheit? Die meisten Menschen, die mir in New York begegnet sind, sehen das so. Das Christentum nennt gewisse Auffassungen „Irrlehre“ und „falsch“ und gewisse Praktiken „unmoralisch“, und es schließt Menschen, die seine lehrmäßigen und moralischen Grenzen überschreiten, aus seiner Gemeinschaft aus. Darin sehen manche Zeitgenossen eine Gefahr für die moderne, liberale Gesellschaft, werden hier doch Menschen ausgegrenzt anstatt integriert. Sie wittern hier auch ein kulturelles Spießbürgertum, das nicht wahrhaben will, dass die verschiedenen Kulturen nun einmal die Realität unterschiedlich sehen. Und behandelt das Christentum mit dieser Einstellung seine eigenen Leute nicht wie kleine Kinder, denen man bis ins Letzte vorschreibt, was sie zu tun und zu glauben haben? Der Psychiater M. Scott Peck berichtet über eine Patientin namens Charlene, die Folgendes über das Christentum sagte: „Da ist kein Platz mehr für mich. Das wäre mein Tod … Ich will nicht für Gott leben. Ich will nicht. Ich will für mich leben. Für mich selber!“63 Charlene glaubte, dass das Christentum ihre Kreativität und ihr Wachstum ersticken würde. Dasselbe glaubte Anfang des 20. Jahrhunderts die Sozialaktivistin Emma Goldman, die das Christentum „den Vernichter des Menschengeschlechts“ nannte, „den Zerbrecher der menschlichen Tat- und Willenskraft … ein eisernes Netz, eine Zwangsjacke, die die Menschen nicht wachsen und groß werden lässt.“64
Ist der Glaube, dass es eine absolute Wahrheit gibt, ein Feind der Freiheit?
Am Ende des Films I, Robot (2004) hat der Roboter namens Sonny die Aufgaben, für die er programmiert ist, erfüllt – und erkennt, dass er jetzt keine Bestimmung mehr hat. Der Film endet mit einem Dialog zwischen Sonny und der zweiten Hauptperson, Detective Spooner:
Sonny: Jetzt, wo ich meine Aufgabe erfüllt habe, weiß ich nicht mehr, was ich machen soll. Detective Spooner: Tja, du wirst wohl deinen Weg finden müssen, wie wir alle, Sonny … Das ist halt so, wenn man frei ist.
„Freiheit“ bedeutet hier, dass es keinen allumfassenden Sinn gibt, für den wir erschaffen sind. Wenn es einen gäbe, müssten wir uns ihm ja anpassen und ihn erfüllen, und das würde uns einengen. Wahre Freiheit ist die Freiheit, mir meinen eigenen Sinn im Leben zu schaffen. Der Oberste Gerichtshof der USA hat dieser Sicht juristische Gestalt gegeben, als er erklärte, dass „das Herz der Freiheit“ darin bestehe, „seine eigene Vorstellung von der Existenz“ und „vom Sinn des Universums zu definieren“.65 Stephen Jay Gould sieht dies genauso:
Wir sind da, weil es ein paar Fische gab, deren Flossen anatomisch das Zeug dazu hatten, sich in Beine für landlebende Tiere zu verwandeln, weil Kometen auf die Erde einschlugen und die Dinosaurier auslöschten und damit den Säugetieren eine Chance gaben, die sie sonst nicht gehabt hätten … Wir mögen uns nach einer „höheren“ Antwort sehnen – aber es gibt keine. Diese Erklärung ist nur auf den ersten Blick beunruhigend, ja erschreckend; in Wirklichkeit ist sie befreiend, ja begeisternd. Wir können den Sinn des Lebens nicht passiv aus den Fakten der Natur herauslesen, wir müssen die Antworten selber konstruieren … 66
Das Christentum scheint ein Feind des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der kulturellen Flexibilität, ja des echten Menschseins zu sein. Doch dieser Einwand beruht auf falschen Vorstellungen darüber, was Wahrheit, was Gemeinschaft, was das Christentum, ja was Freiheit ist.
Wahrheit ist unvermeidbar
Der französische Philosoph Foucault schreibt: „Die Wahrheit ist ein Ding von dieser Welt. Sie entsteht nur durch vielfache Zwänge, darunter den regulären Auswirkungen der Macht.“67 Viele folgen Foucaults Behauptung, dass alle Wahrheitsansprüche in Wirklichkeit Machtspiele sind. Wenn ich behaupte, im Besitz der Wahrheit zu sein, versuche ich, Macht über meine Mitmenschen zu bekommen. Foucault war ein Schüler Nietzsches, und man muss es beiden lassen, dass sie bei ihrer Analyse keinen Unterschied zwischen „Rechten“ und „Linken“ machten. Wenn Sie Nietzsche gesagt hätten, dass „man den Armen Gerechtigkeit schaffen muss“, hätte er Sie gefragt, ob Sie das sagen, weil Sie wirklich die Gerechtigkeit lieben oder weil Sie eine Revolution anzetteln wollen, die Ihnen die Macht gibt.
Doch das Argument, dass es bei der Wahrheit in Wirklichkeit um Macht geht, muss vor demselben Problem kapitulieren wie das Argument, dass Wahrheit immer relativ zu der Kultur ist, in der man sich befindet. Der Versuch, alle Wahrheitsbehauptungen auf diese oder ähnliche Weisen zu erklären, führt einen in eine Sackgasse. C. S. Lewis schreibt in seinem Buch Die Abschaffung des Menschen:
Aber man kann nicht endlos wegerklären, sonst wird man plötzlich feststellen, dass man die Erklärung selbst wegerklärt hat. Man kann nicht endlos die Dinge „durchschauen“. Durch sie hindurchschauen hat nur Sinn, wenn man durch sie hindurch etwas sieht. Es ist gut, dass ein Fenster durchsichtig ist, weil die Straße oder der Garten dahinter undurchsichtig sind. Wie, wenn man auch durch den Garten hindurchsehen könnte? … Wenn man durch alles hindurchschaut, dann ist alles durchsichtig. Aber eine völlig durchsichtige Welt ist unsichtbar geworden. Wer alles durchschaut, sieht nichts mehr. 68
Wenn ich behaupte, dass alle Wahrheitsbehauptungen Machtspiele sind, dann gilt das ebenso für diese Behauptung. Wenn ich wie Freud sage, dass alle Wahrheitsaussagen über die Religion und Gott nur psychologische Projektionen zur Bewältigung von Schuld- und Unsicherheitsgefühlen sind, dann ist diese Aussage dies ebenfalls. Wer alles durchschaut – sieht nichts mehr.
Wenn ich behaupte, dass alle Wahrheitsbehauptungen Machtspiele sind, dann gilt das ebenso für diese Behauptung.
Foucault erhob selber den Wahrheitsanspruch, dass seine Analyse zutreffend sei, eben in dem Augenblick, als er die Kategorie der Wahrheit verwarf. Es geht offenbar nicht ohne Wahrheitsansprüche im Leben. Dass es ein Widerspruch in sich ist, zu behaupten, dass es keine Wahrheit gibt, und gleichzeitig gegen Unterdrückung zu kämpfen, ist ein Grund dafür, dass die postmoderne „Theorie“ und der „Dekonstruktivismus“ sich heute vielleicht schon wieder auf dem Rückzug befinden.69 G. K. Chesterton hat dies schon vor fast hundert Jahren vorausgesehen: