Guy de Maupassant – Gesammelte Werke. Guy de Maupassant
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»Gehen Sie fort!« rief sie mir zu. Ihre volle Stimme, die, wie ihre ganze Erscheinung, etwas Kräftiges an sich hatte, kam tief aus der Kehle.
»Es ist nicht hübsch von Ihnen, dass Sie dableiben, mein Herr!« Dabei rollte sie die »r« in ihrem Munde wie Kieselsteine herum. Ich rührte mich indessen nicht, und der Kopf verschwand wieder.
Zehn weitere Minuten vergingen. Dann kamen die Haare, hierauf die Stirn und die Augen wieder zum Vorschein, langsam und vorsichtig, wie es Kinder beim Versteckenspiel zu machen pflegen, wenn sie sich nach dem umsehen wollen, der die andren suchen muss.
Dieses Mal machte sie ein zorniges Gesicht und rief laut:
»Ich werde mir Ihretwegen noch eine Krankheit zuziehen; ich kann nicht fort, solange Sie da sind.«
Nun stand ich auf und ging fort, nicht ohne mich öfters umzuwenden. Als sie mich weit genug entfernt glaubte, stieg sie in halbgebückter Stellung aus dem Wasser heraus, wobei sie mir den Rücken zudrehte. Dann verschwand sie in einer Felsspalte hinter einem vor dem Eingang aufgehängten Rock.
Am nächsten Tage ging ich wieder hin. Sie war noch im Bade, aber diesmal in vollständigem Kostüm, und zeigte mir laut lachend ihre perlenweißen Zähne.
Nach acht Tagen hatten wir uns angefreundet, und nach weiteren acht Tagen waren wir schon ganz intim.
Sie hiess Marroca, zweifelsohne ein Spitzname, den sie aussprach, wie wenn er ein Dutzend »r« enthielte. Die Tochter spanischer Ansiedler, hatte sie einen Franzosen namens Pontabeze geheiratet. Ihr Mann hatte irgend einen Staatsposten, aber ich habe nie recht erfahren können, welcher Art eigentlich seine Beschäftigung war. Ich erfuhr nur, dass er immer sehr viel zu tun hatte, und das Übrige konnte mir ja auch gleichgültig sein.
Von nun an verlegte sie ihre Badezeit und hielt jeden Tag nach dem Gabelfrühstück mit mir in meinem Hause die Siesta. Welch eine Siesta! Das soll man Erholung nennen!
Ich habe wirklich selten ein so herrliches Weib gesehen; ihr Typus erinnerte etwas an ein Raubtier, aber sie war zu entzückend. Ihre Augen schienen immer vor Leidenschaft zu strahlen; ihr halboffener Mund, ihre scharfen Zähne, ja selbst ihr Lachen deutete auf eine sinnliche Wildheit hin. Ihre wundervolle straffe und hochgewölbte Büste, gleich fleischigen Äpfeln, war so schmiegsam wie eine Sprungfeder und vermehrte bei ihrem Körper den Eindruck des Tierischen, machte sie gewissermassen zu einem untergeordneten und doch erhabenen Geschöpfe, dessen Anblick in mir die Vorstellung von jenen Liebesgöttinnen des Altertums erweckte, deren Mysterien man sich ungezwungen in Hainen und Wäldern hingab.
Niemals schlug ein Herz mit unbezähmbarerem Verlangen als das im Busen dieser Frau. Ihrem flammenden Feuer, das sich in wilden Seufzern, im Knirschen der Zähne, in Zuckungen und in Beissen kundgab, folgte fast ebenso rasch eine tiefe totesähnliche Ohnmacht. Aber dann wachte sie plötzlich wieder in meinen Armen auf, zu neuen Liebkosungen und Genüssen bereit, indem sie mich mit ihren Küssen fast erstickte.
Ihr Verstand war nicht gerade sehr hervorragend, und ließ jede höhere Bildung vermissen; ein helles Lachen vertrat meistens bei ihr die Stelle der Gedanken. In dem instinktiven Bewusstsein ihrer Schönheit verabscheute sie selbst die leichteste Hülle, und in meinem Hause ging, lief und hüpfte sie mit einer ebenso harmlosen wie zuversichtlichen Ungeniertheit herum. Wenn sie schliesslich der Zärtlichkeit genug getan hatte, schlief sie, erschöpft von Seufzern und Liebesanstrengungen, neben mir auf dem Divan einen kräftigen gesunden Schlaf, während die drückende Hitze auf ihrer braunen Haut kleine Schweißperlchen hervorzauberte. Von ihren unter dem Kopf gekreuzten Armen, von ihren Schultern, aus all’ den verborgenen Falten ihres Körpers strömte jener unnennbare Duft aus, der uns Männer so sehr berauscht.
Zuweilen kam sie abends nochmals wieder, wenn ihr Mann irgendwo dienstlich abgehalten war. Wir machten es uns dann, nur notdürftig mit den feinen faltigen Geweben des Orients bekleidet, auf der Terrasse bequem.
Wenn der volle leuchtende Mond der Tropenländer am hohen Himmel stand und Stadt und Golf mit der sie einschliessenden Gebirgskette verklärte, dann sahen wir auf all’ den anderen Terrassen ein Heer von stummen Geistergestalten liegen, wieder aufstehen, ihre Plätze wechseln und sich bei der erschlaffenden Schwüle der windstillen Nacht wieder niederlegen.
Trotz der Helligkeit dieser südlichen Nächte bestand Marroca stets darauf, sich ohne jede Kleidung und noch dazu im vollsten Mondlicht niederzulegen. Ihr war es gleichgültig, ob andere uns vielleicht sehen könnten; und zuweilen schallten trotz meiner ängstlichen Bitten ihre lauten Schreie durch die Nacht, worauf dann in der Ferne die Hunde heulend Antwort gaben.
Als ich eines Abends unter dem hohen sternbesäeten Himmelszelt schon entschlummert war, kniete sie vor mir auf dem Teppich nieder, und indem sie ihre großen vollen Lippen meinem Munde näherte, sagte sie:
»Du musst einmal bei mir zu Hause schlafen.«
»Wie? Bei Dir?« fragte ich verständnislos.
»Ja, wenn mein Mann fortgegangen ist, sollst Du seinen Platz einnehmen.«
Ich konnte ein lautes Lachen nicht unterdrücken.
»Aber warum das nur, wo Du ja immer hierher kommst?«
Sie sprach mir ihre Antwort fast in den Mund hinein, sodass ihr warmer Odem mir in die Kehle drang und sein Hauch meinen Schnurrbart befeuchtete:
»Ich muss eine Erinnerung an Dich haben.« Und das »r« in dem Wort Erinnerung rollte über ihre Lippen