KüstenSaat. Gaby Kaden

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KüstenSaat - Gaby Kaden

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sie den Kessel zurück auf den Herd, zog die Flöte am Ausgießer ab und schimpfte: „Meldet sich auch nicht mehr, das olle Ding.“

      Als Jettchen aus der Hintertür trat, fiel ihr Blick über die Deichkante Richtung Feld. Nebelschwaden hingen tief über dem Feld, bedeckten den Boden, darüber war alles frei, sodass man die Häuser weiter hinten am Feldrand erkennen konnte. Ein sehr mystischer Anblick, der sich hier heute wieder einmal bot. Sie atmete tief durch und rieb sich die Arme. „Schietig kalt, aber schön und so still!“, freute sich die alte Ostfriesin. „Still und friedlich.“ Sie dachte über die letzten, so schrecklichen Monate nach. Die Welt schien gerade aus den Angeln zu geraten. Ein Virus war über den Erdball gezogen und hatte viel Krankheit, Leid und auch Tod gebracht. Aber nun, so wirkte es, würde sich hoffentlich alles zum Guten wenden. Reisebeschränkungen sollten in den nächsten Tagen aufgehoben werden, Gäste durften wieder an die Küste kommen.

      Sie selbst, ihre Familie, alle Freunde und Bekannte in Carolinensiel und umzu waren von dieser schrecklichen Plage, die aus China kommend über die Welt kroch, verschont geblieben. Aber es war eine harte Zeit mit Ausgangssperren, wie damals im Krieg. Jettchen schauderte es.

      In den letzten Wochen schien die Welt stehen geblieben zu sein, in dem kleinen und so sehr beliebten Küstenort, der in der Regel das ganze Jahr über gut, ja oft zu gut besucht war. In diesem Jahr bisher allerdings nicht. Bisher! Was aber, wenn die Gäste wiederkämen? „Hoffentlich ist das nicht zu früh und dieses Virus kommt mit den Feriengästen doch noch zu uns hier oben“, hatte sie vor einigen Tagen noch zu ihrer Schwester gemeint.

      Jettchen schüttelte die trüben Gedanken zur Seite und drehte sich um.

      Ich muss rein, sonst hole ich mir hier noch was weg, beschloss sie und wandte sich zur Tür.

      Doch was war das? Aus den Augenwinkeln heraus vernahm sie eine Bewegung draußen auf dem Feld. Ein Hase? Nein, zu groß. Wohl eines der Feldrehe, die hier lebten, überlegte sie weiter und schaute genauer hin. Nein, das ist auch kein Reh, stellte sie fest, das ist ein Hund, nein, zwei Hunde. Was machen die da draußen? Komisch! Wer hier in der Gegend hatte Hunde, die er frei über das Feld laufen ließ? Und Touristen, die ihren Hund fürs große oder auch kleine Geschäft aus lauter Bequemlichkeit über das Feld jagten, waren auch keine im Ort. Was also war das? Sie konnte den Blick nicht von den Tieren nehmen, die langsam und behäbig durch die Nebelschwaden auf sie zu­liefen. Das sind keine Hunde, stellte sie dann erschrocken fest und blickte angestrengt über das Feld, das sind …, das sind Wölfe! Mein Gott, wir haben Wölfe an der Küste. Daher auch diese unheimlichen Geräusche. Das war Wolfsgeheule in der Nacht. Jettchen schlug sich die Hände vors Gesicht.

      Die Tiere schienen sie entdeckt zu haben, liefen Schritt für Schritt auf sie zu.

      Schnell riss Jettchen die Hintertür auf und schlüpfte zurück ins Haus.

      In der Küche goss ihre Schwester gerade Tee in die kleinen Teetassen und stellte die Kanne wieder auf den Herd. Jettchen schlug aufregt die Küchentür zu.

      „Fienchen, Fienchen, hinterm Haus laufen Wölfe, das hast du noch nicht gesehen. Zwei Stück sind es.“

      Doch ihre Schwester meinte pragmatisch: „Set die daal und trink en Tee.“ Sie nahm das Kirschkernkissen vom Wasserschiff und legte es ihrer Schwester über die nackten Füße.

      Die schaute sie dankbar an und nahm ihre Teetasse zur Hand.

      „Da waren Wölfe, Fienchen, zwei Stück, ich habe es genau gesehen.“

      „Schnack du nur!“ Fienchen hatte andere Dinge im Kopf. Heute wollte sie die Mülltonnen putzen. Altpapier, die Gelbe Tonne, Rest- und Biomülltonne mussten unbedingt geschrubbt werden. Pah, Wölfe, was ihre Schwester wohl wieder hatte.

      Doch Jettchen ließ das keine Ruhe. Sie stand auf und lief zum Ofen. Dort, auf dem Boden, stand eine Kiste mit Zeitungen, die Fienchen zum Anfeuern, aber auch zum Polieren der Fensterscheiben benutzte. Sie nahm sich einen Stapel heraus, durchblätterte schnell ein paar der alten Zeitungen und knallte nun eine vor ihrer Schwester auf den Tisch.

      „Da!“ Sie klopfte auf die Zeitung. „Wir haben Wölfe an der Küste. Hier im Anzeiger steht es schwarz auf weiß. Bisher trieben sie sich nur im Hinterland herum, doch jetzt sind sie auch hier. Ich wusste doch, dass ich da was gelesen habe. Und es gibt auch einen Wolfsbeauftragten, den muss ich unbedingt anrufen.“ Sie riss kurzerhand ein Stück aus der Zeitung, auf dem die Telefonnummer des Wolfsberaters stand.

      Fienchen nahm einen letzten Schluck Tee und winkte ab.

      „Das nützt ja alles nix, heute sind die Mülltonnen dran, Schwester! Räum du den Tisch ab, ich geh schon mal hinters Haus und nehme mir vor dem Frühstück die Gelbe Tonne vor.“

      Sie griff sich einen bereitgestellten Eimer, Lappen, Putzmittel sowie ein paar Bürsten und verließ die Küche.

      Jettchen konnte es nicht fassen, dass ihre Schwester so ignorant war. Sie räumte die Tassen zusammen, rutschte aus der Eckbank und trug das Geschirr Richtung Spüle. Kurz bevor sie es in den Spülstein stellen konnte, erscholl von der Hintertür ein gellender Schrei.

      „Schwester?“, schrie Jettchen auf, „was ist passiert?“

      „Die Wölfe!“, fiel ihr ein. Sie ließ die Tassen fallen und lief los.

      Blutrausch

      Samstag, früher Morgen

      Es war ein grausames Bild, das Simon Weil am frühen Morgen entgegenprallte. Das verlassene Fahrzeug am Straßenrand in einiger Entfernung fiel ihm nicht auf, noch nicht. Zu entsetzt war er von dem schlimmen Bild vor sich. Blut, überall Blut. Beim Anblick des aufgerissenen Leibes schlug Simon bestürzt die Hände vors Gesicht. So viel Blut! Und es war noch nicht alles, der Blick in die starren, toten Augen war schlimmer, viel schlimmer. Er erkannte sie sofort. Er kannte alle seine Mädels, dieses war ihm jedoch das liebste, und ausgerechnet es hatte es getroffen.

      Nachdem er sich von seinem ersten Schock erholt und die Fassung zurückgewonnen hatte, zückte Simon sein Handy und suchte nach einer Nummer.

      Als es am anderen Ende knackte, noch bevor sein Gegenüber sich meldete, rief er in den Apparat: „Wach auf, Jo! Dieser verdammte Killer hat heute Nacht wieder zugeschlagen! Wir müssen etwas unternehmen. Ruf alle zusammen, und sie sollen ihre Gewehre mitbringen.“

      „Was ist denn los?“, kam es schlaftrunken aus der Leitung, und Simon fuhr fort: „Wir treffen uns in einer Stunde bei mir am kleinen Landhaus. Ich gebe nicht eher auf, bis wir diesen brutalen Mörder abgeknallt haben.“

      Nun war Jo hellwach und verstand.

      „Okay, in einer Stunde. Hast du die Polizei informiert?“

      „Nein, mach du, wenn du meinst, es muss. Ich hab die Schnauze voll und nehme das jetzt selbst in die Hand.“

      „Simon!“, rief Jo noch, aber der hatte das Gespräch schon beendet.

      Es war kalt, die Luft feucht. Simon schaute sich um. Bodennebel hing über der Weide neben dem kleinen Landarbeiterhaus. Das grausame Bild vor ihm verdeckte der Nebel allerdings nicht. Er machte ein paar Schritte zur Straße und schaute sich um.

      Am Wegesrand, rechts auf der Berme (Randstreifen an der Straße), vielleicht hundert Meter von ihm entfernt, stand ein Wagen. Fahrer- und Beifahrertür waren weit geöffnet. Sehen konnte er jedoch niemanden. Eigenartig. Wer parkte dort, so früh am Morgen? Hatte das

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