Die Germanen. Ulrike Peters
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Ein Fürst hatte eine Gefolgschaft von Männern, die ihm durch Treueschwur vor allem im Krieg verpflichtet war, ihm zu dienen und ihn zu schützen, notfalls mit dem eigenen Leben. Tacitus darüber: »Es besteht ein großer Wettstreit unter den Gefolgsleuten darum, wem der erste Platz bei seinem Fürsten gebührt, und unter den Fürsten, wer die meisten und härtesten Gefolgsleute hat. Dies macht seine Würde aus, dies seine Kräfte: Stets von einem großen Kreis ausgewählter junger Männer umgeben zu sein, ist im Frieden eine Zierde und im Krieg ein Schutz. (…)
Wenn sie in den Krieg ziehen, gilt es als schändlich, vom Gefolgsherrn an Tapferkeit übertroffen zu werden, als schändlich für die Gefolgsleute, es der Tapferkeit des Gefolgsherrn nicht gleich zu tun, und erst recht ein Frevel und ehrlos für das ganze Leben ist es, als Überlebender seines Gefolgsherrn aus der Schlacht zu kommen. Ihn zu verteidigen, zu beschützen, seine eigenen tapferen Taten seinem Ruhm zuzuschreiben, ist das oberste heilige Gebot. Die Gefolgsherren kämpfen für den Sieg, die Gefolgsleute für den Gefolgsherrn.« (ebd., 13 f.) Diese »germanische Treue« galt bis in die moderne Zeit als Tugend der Deutschen.
Der Krieger hatte also eine gesellschaftliche angesehene Position. Nicht zuletzt dies weist darauf hin, dass die germanische Gesellschaft patriarchalisch geprägt war und der Mann das Sagen hatte. Tacitus betont die »Keuschheit« der Frauen: »Daher leben sie behütet in Keuschheit, durch keine Schauspiele gestört, durch keine Reizungen von Gelagen verdorben. Heimliche Liebesbriefe des Mannes oder der Frau kennen sie nicht. Höchst selten sind in diesem so zahlreichen Volk Ehebruchsfälle, deren Strafe auf dem Fuß folgt und dem Mann vorbehalten ist: Er jagt sie mit abgeschnittenen Haaren und entblößt vor den Angehörigen aus dem Haus und treibt sie mit der Rute durch das ganze Dorf. Für die der Scham Preisgegebenen gibt es keine Nachsicht, nicht wegen ihres Aussehens, nicht wegen ihres Alters, nicht um ihrer Reichtümer willen wird sie wieder einen Mann finden.« (ebd., 19) Diese Stelle zeigt, wie Tacitus mit einer positiven, idealisierenden Beschreibung der Germanen den Römern sozusagen einen Spiegel vorhält und gleichzeitig den römischen Sittenverfall kritisiert. Ein Beispiel mehr, wie schon bei Tacitus die Germanen als Projektionsfläche für die eigene Gesellschaft dienen sollen. Nur manchmal nahm eine Frau eine bedeutende Position ein, wie z. B. die Wahrsagerin Veleda von der Lippe beim Bataveraufstand um 69. In späterer Zeit sind Fälle bekannt, in denen die Frau (oder Tochter) eines verstorbenen Herrschers für ihren noch minderjährigen Sohn die Regentschaft übernahm. So regierte Amalasuintha, die Tochter Theoderichs des Großen, nach dessen Tod anstelle ihres Sohnes Athalarich. Brunichilde (s. Kap. Brunichilde) ist das beste Beispiel einer germanischen Powerfrau, die nach dem Tod ihres Mannes jahrelang stellvertretend zunächst für ihren Sohn und dann für ihren Enkel regierte. Sie war dann auch Vorbild der amazonenhaften Walküre Brunhild in der Nibelungensage. Und beim Stichwort Amazonen: Jordanes berichtet in seiner Gotengeschichte, dass die Amazonen der antiken Sagen gotische Frauen waren. Als deren Männer abwesend waren und sie von einem benachbarten Volk überfallen wurden, »widerstanden [diese Frauen], von ihren Männern darin gelehrt, tapfer und wehrten die Feinde, die über sie kamen, mit großem Anstand ab. Nachdem dieser Sieg erreicht war, ergriffen sie mit der Kühnheit größeren Selbstvertrauens die Waffen, ermunterten sich gegenseitig und wählten zwei besonders wagemutige, Lampeto und Marpesia, zu ihren Anführerinnen. Während diese beiden die Leitung übernahmen, um sowohl das Eigene zu verteidigen als auch das Fremde zu verwüsten, blieb Lampeto, die das entsprechende Los gezogen hatte, um das heimatliche Gebiet zu schützen, da. Marpesia aber führte, nachdem sie eine Schlachtreihe aufgestellt hatte, eine ganz neue Art von Heer nach Asien, wobei sie verschiedene Stämme im Krieg besiegte, andere aber in Frieden für sich gewann (…)« (Jordanes, Die Gotengeschichte, 49). Weiter berichtet Jordanes: »Weil diese fürchteten, dass ihre Nachkommen immer weniger würden, strebten sie nach geschlechtlichen Verbindungen mit den benachbarten Völkern und hielten einmal im Jahr Markt, um denen, die im nächsten Jahr am gleichen Tag wiederkamen, was auch immer an männlichen Kindern geboren worden war, den Vätern zurückzugeben; was aber an Töchtern geboren worden war, bildete die Mutter an Waffen aus.« (ebd., 56)
Über die Religion der Germanen zur Römerzeit wissen wir wenig. Ausführlicher über Mythen, Sagen, Gottheiten und Helden werden wir erst durch die fast tausend Jahre spätere Edda informiert (vgl. ausführlich Kap. Snorri Sturluson). Aus der antiken Zeit kennen wir zwar einige der germanischen Götter, auch Opferriten, aber über Jenseitsvorstellungen oder den Ablauf von Kulthandlungen wissen wir nichts. Erschwerend hinzu kommt, dass es nicht »eine« einheitliche germanische Religion gegeben hat, sondern dass sich Gottheiten und Kult regional unterschieden. Erst durch die christlichen Missionare entstand die Vorstellung einer einheitlichen germanischen Religion. Die antiken Autoren nennen die römischen Götter Merkur, Herkules und Mars, die von den Germanen verehrt wurden. Der Gott Merkur wurde mit Wodan, dem Gott des Krieges und des Todes, Herkules mit dem germanischen Thor bzw. Donar, dem Gott des Donners, und Mars mit dem germanischen Kriegsgott Tyr gleichgesetzt. Genannt wird auch die Fruchtbarkeitsgöttin Nerthus. Daneben gab es viele regionale Gottheiten.
Eine Besonderheit, nicht nur bei den Kelten, sondern auch bei den Germanen während der römischen Kaiserzeit, waren die sogenannten Matronen. Es handelte sich bei ihnen um Fruchtbarkeits- bzw. Muttergottheiten, die vor allem in der Zeit vom 2.–4. Jh. n. Chr. verehrt wurden. Insgesamt sind ca. 1100 Weiheinschriften und Bilddarstellungen erhalten. Diese Matronen sind stets als Gruppe von Dreien dargestellt, sitzend, mit Früchten, Ähren etc. in der Hand, verheiratet oder unverheiratet (ohne Haube und mit aufgelösten Haaren).
Caesar betont, dass die Germanen keine Priester hatten, im Unterschied zu den Druiden der Kelten. Kultstätten waren heilige Wälder, Berge, Gewässer und Moore. An diesen Kultstätten hat man oft aus Holzpfählen geschnitzte Götterfiguren aufgestellt. Auch die von Karl dem Großen zerstörte Irminsul der Sachsen könnte eine solche Pfahlgottheit gewesen sein. Nach den antiken Quellen kannten die Germanen keine Tempel. Ausnahmen sind Sakralhütten aus Holz in Oberdorla, deren Spuren man gefunden hat, oder Empel am Niederrhein, wo die Bataver dem Kriegsgott Herculus Magusanus einen Tempel in griechisch-römischem Stil errichtet hatten.
Als Opfer wurden Tiere dargebracht, aber auch Menschen. Nach dem Sieg des Arminius über den Varus opferten die Cherusker römische Krieger auf Altären, die sie im Wald errichtet hatten. Geopferte Tiere gab man auch einem toten Fürsten oder König als Grabbeigabe mit. So fand sich im Umfeld des Grabes von Childerich, dem Vater von Chlodwig, eine Reihe von Pferden als Beigabe. Auch Waffen und Rüstungen des Feindes opferte man, indem man sie unbrauchbar machte oder verbrannte. In Bad Pyrmont (Weserbergland) hat man im Brunnen einer Mineralquelle eine Menge von Fibeln, mit denen man Kleider verschloss wie heute mit Knöpfen oder Reißverschluss, gefunden, die dort wohl geopfert worden waren.
Ab dem 3. Jh. n. Chr. verbreitete sich die germanische Runenschrift. Interpretierte man früher die Runen als magische, heilige Zeichen, so sieht man in ihnen heute durchaus eine Schrift in unserem Sinne, d. h. ein Mittel zur Kommunikation.
Diese Ausführungen zu germanischen Geschichte und Kultur sollen im Folgenden anhand von beispielhaften Biografien veranschaulicht werden. Es ist eine Auswahl von Persönlichkeiten, deren Nachwirkung bis in unsere Zeit und Kultur reicht.
2. ARIOVIST