Als Großvater im Jahr 1927 mit einer Bombe in den Dorfbach sprang, um die Weltrevolution in Gang zu setzen. Lothar Becker
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Читать онлайн книгу Als Großvater im Jahr 1927 mit einer Bombe in den Dorfbach sprang, um die Weltrevolution in Gang zu setzen - Lothar Becker страница 9
Das fängt ja gut an, dachte Großvater. Es wird zwar schwer, aber so wie es aussieht, werde ich es wohl ohne Lenin hinkriegen müssen.
Er ging über die Holzbrücke, die hinüber zum Rathausplatz führte, und während er vorsichtig über die Bretter stieg, bemerkte er, wie unglaublich laut sein Herz schlug. Es klopfte in einer ungeheuer hohen Frequenz und seltsamerweise auch nicht dort, wo es eigentlich hätte schlagen sollen, sondern in seinem Kopf, seinen Füßen und irgendwo weit unten am Wasser, wo die Angler saßen. Großvater fuhr sich, weil er mit der rechten Hand den Koffer mit der Bombe hielt, mit der linken Hand über sein Gesicht. Er schwitzte, und mehrmals fiel ihm, aus Angst, sie fallen zu lassen, die Bombe herunter. Er hob sie wieder auf, und immer schien sie dann ein paar Kilo mehr zu wiegen als vorher. Großvater wurde langsam nervös. Die Weltrevolution war wesentlich schwerer, als er gedacht hatte. Er fragte sich, warum davon in Genosse Franks Traktat nichts stand.
Großvater konnte schließlich nicht wissen, dass Genosse Frank über keinerlei praktische Erfahrungen im Klassenkampf verfügte. Genosse Frank befasste sich ausschließlich theoretisch mit der Veränderung der Gesellschaft. Er besaß eine fundierte Sicht auf die Welt, wie sie nicht war. Außerdem vertrat er die romantische Vorstellung, dass sich alles, aber auch wirklich alles mit Geld regeln ließe. »Wenn die Armen das Geld bekommen, das jetzt die Reichen besitzen«, schrieb er, »wird die Welt gerechter sein.«
Aber stimmte das? Wenn den Armen das Geld der Reichen gegeben wurde, dann waren eben die Armen reich und die Reichen arm, na und? Was sollte denn daran gerecht sein? War es etwa gerecht, wenn die Gesunden die Gebrechen der Kranken bekamen und danach die Gesunden krank und die Kranken gesund waren? Und konnte man von Gerechtigkeit sprechen, wenn die Glücklichen mit den Unglücklichen tauschen mussten, nur weil die Unglücklichen das Glück der Glücklichen nicht ertrugen? Irgendwie hatte Großvater das Gefühl, dass Gerechtigkeit etwas anderes war, aber weil er nicht wusste was, hielt er es für das Sinnvollste, erst einmal die Bombe zu zünden. Er befand sich jetzt in unmittelbarer Nähe des Rathauses, und sein Herz schlug laut, und sein Atem war kurz, und die Tauben, die vor ihm auf dem Boden hockten, flogen nicht einmal auf, als er zwischen ihnen hindurchging.
Blöde Viecher!, dachte er. Elendes Dreckszeug!
Es war einer dieser Frühlingstage, an denen es scheint, die Welt drehe sich rückwärts und der Winter kehre zurück. Aus den Schornsteinen stieg schwarzer Rauch in einen blassen, tiefhängenden Himmel voller Frost. Außerdem war es ungewöhnlich still, und in der kalten, unbeweglichen Luft nahm man jedes Geräusch sehr klar und deutlich wahr. Das Schlagen der Rathausuhr zum Beispiel. Erst sechs und nun schon sieben Mal. Eigentlich wollte Großvater um diese Zeit die Bombe schon längst gezündet haben, aber irgendwie ging es nicht voran, irgendwie kam er nicht zur Sache. Vielleicht lag es ja daran, dass er das Verbot von Dummheit noch immer für den besseren Weg hielt, eine gerechtere Welt zu errichten, und vielleicht hoffte er in letzter Minute auf den rettenden Einfall, es subtiler lösen zu können, ohne Gewalt. Aber dann dachte er an Herberts Fahrrad, und da begriff er, dass er jetzt keine Wahl mehr hatte, dass es, wenn er sein Versprechen einlösen wollte, im Augenblick tatsächlich nur diesen einen Weg gab.
»Nun reiß dich bloß zusammen!«, sagte er zu sich selber. »Jetzt zieh es durch, und dann ist es gut!«
Er sagte es so, als ob es Herbert zu ihm sagte, und weil Großvater daran gewöhnt war, das, was Herbert ihm sagte, auch zu tun, zog er es jetzt durch. Er zischte noch einmal »elendes Dreckszeug!«, und dann geschah etwas überaus Seltsames, Eigenartiges: Großvaters Blick wurde starr, seine Pupillen zogen sich zusammen und die Muskeln seiner Wangen verhärteten sich. Er stieß, was er sonst nie getan hätte, ein paar Tauben mit dem Fuß zur Seite und rannte zwischen ihnen hindurch bis zum Eingang des Rathauses.
»Zieh es durch!«, hörte er Herbert immer wieder sagen. »Zieh es durch!«
Da nahm Großvater die Bombe aus dem Koffer, legte sie auf die Treppe, befestigte das eine Ende der Zündschnur dort, wo er es auch bei der Bombe im Schuppen hinter Herberts Haus befestigt hatte, rollte die Schnur ab und lief mit ihrem anderen Ende in der einen und dem Koffer in der anderen Hand zu einer Mauer, die irgendwann einmal zwischen dem Rathaus und dem Ufer des Baches errichtet worden war.
Großvater befand sich in einer Art Trance. Die Dinge taten sich von selbst. Er funktionierte wie eine Maschine und unterbrach seine Arbeit nicht einmal, als zwei der Angler an ihm vorbeigingen und ihm einen guten Morgen wünschten. Da hatte er schon die Streichhölzer in der Hand, und nur ein paar Minuten später fraß sich eine kleine Flamme entlang der Zündschnur in Richtung der vor dem Rathaus deponierten Bombe.
Völker, hört die Signale!, dachte Großvater.
Er war hinter der Mauer in Deckung gegangen, hatte den Kopf eingezogen und wartete auf den großen Knall. Das war der Kreislauf der Welt. Dinge wurden gebaut und zerstört und danach wiederaufgebaut. Immer wurde die Zukunft mit etwas Neuem, Besserem verbunden, immer. Und immer musste dafür das Alte, Schlechte zerstört werden, und Zerstörung bedeutete Gewalt. So war das eben. Und gleich würde es wieder so weit sein, gleich würde die Welt einen großen Schritt nach vorn machen, dorthin, wo es gerechter zuging, gütiger, menschlicher. Und das seinetwegen. Weil er die Bombe dorthin gebracht hatte, wo sie jetzt lag.
Gar nicht schlecht, dachte Großvater, im Gegenteil. Das ist sogar ziemlich gut für jemanden, der noch nie sein Dorf verlassen hat!
Die Stille war für einen Moment zurückgekehrt, nur das Knistern der Flamme an der Zündschnur war zu hören, und es war fast ein wenig unheimlich, wenn man wusste, welches Inferno dieses Geräusch ankündigte. Aber dann, plötzlich, hörte Großvater noch etwas. Etwas, das ihn aus der Trance erwachen und sofort in die Realität zurückkehren ließ. Es waren Schritte. Sich extrem schnell nähernde Schritte.
Saboteure, dachte Großvater. Das darf doch nicht wahr sein! Das gibt’s doch gar nicht! Wenn die mich finden, na, dann gute Nacht!
Genosse Frank hatte mit seiner in Großbuchstaben geschriebenen Warnung offensichtlich recht gehabt. Nirgends, absolut nirgends konnte man vor den Konterrevolutionären sicher sein. Sie kämpften für vorrevolutionäre Verhältnisse, noch bevor die Revolution überhaupt stattgefunden hatte. Sie waren fanatisch. Ihnen machte man nichts vor. Die sahen einem den Revolutionär schon von weitem an, egal, wie sehr man sich um Unauffälligkeit bemühte.
Na ja, dachte Großvater, das war es dann wohl.
Wahrscheinlich würden sie jetzt die Zündschnur austreten oder ihn erschießen, vielleicht auch beides. Das Risiko hatte von Anfang an bestanden. Neben all den anderen Risiken wie im Dorfbach zu ertrinken, keine Machtzentrale zu finden, von einer Seuche dahingerafft zu werden, einen Fahrradunfall zu haben. Nein, das letzte wohl nicht.
Wenn ich doch wenigstens wüsste, wie Lenin aussieht!, dachte Großvater.
Er richtete sich ein wenig auf, um über die Mauer hinwegsehen zu können, nur so weit, dass seine Augen nicht mehr von den Steinen verdeckt waren, und wurde augenblicklich von einer grenzenlosen Panik erfasst. Vor dem Eingang des Rathauses, dort, wo auf den Treppenstufen die Bombe lag, stand Else.
»Else!«, schrie Großvater. »Weg da!«
Else drehte ihren Kopf in seine Richtung, aber bewegte sich keinen Schritt.
»Else!«,